Wie Wünsche sich verändern

Andreas1 hat alles, was er immer wollte: eine Frau, zwei Kinder und ein nach seinen Wünschen gebautes Eigenheim vor den Toren Berlins. Für den Nachwuchs ließ er im Garten einen Spielplatz errichten, auf den manche Gemeinde neidisch wäre. Der Platz für den Pool ist schon ausgeguckt, ein Teich soll zusätzlich angelegt werden. Im Haus sind bereits Flächen für die Sauna und den Kamin eingeplant. Sobald ein paar Tausend Euro auf dem Konto liegen, wird wieder etwas gebaut. Am liebsten wäre es Andreas, wenn alles schon fertig wäre, doch die Finanzen bremsen ihn aus.

„Wenn alles fertig ist, wird sich in meinem Leben nicht mehr viel ändern“, erzählte er mir. Die Neuerungen der letzten Jahre reichen ihm erstmal aus: Selbständigkeit, Hochzeit, Kinder, Hausbau. Sein großes Glück ist bald perfekt. Anschließend muss er es nur noch 30 Jahre lang abzahlen. Andreas lebt einen Traum, den er schon lange hatte und von dem er glaubt, dass er für immer identisch bleiben wird. Deshalb verpfändet er seine Zukunft, so wie viele Menschen es tun.

Wenige Wochen nach unserem Gespräch traf ich Nico. Er führt oberflächlich betrachtet ein ähnliches Leben wie Andreas. Auch er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und wohnt im Eigenheim. Allerdings war das nie sein Traum. Bis vor ein paar Jahren lebte er mit seiner Frau in London. Damals zogen die beiden nach der Arbeit häufig durch die Pubs. Sie genossen ihr Leben als kinderloses Paar in einer Weltstadt. Als sich der erste Nachwuchs ankündigte, kehrten sie nach Deutschland zurück, kauften ein Reihenhaus in der Nähe von Frankfurt und begannen ein neues Leben. Heute gehen sie kaum noch aus, sondern treffen sich abends lieber mit anderen Eltern auf der Terrasse. Damals in London hatten sie sich ein solches Leben nicht vorstellen können, doch heute mögen sie es. Was ihnen wichtig ist, hat sich innerhalb weniger Jahre verändert.

Nico erwartet, dass sich seine Wünsche auch in Zukunft ändern werden. Zwar mag er seinen Job, doch er weiß auch, dass er alle paar Jahre eine Veränderung braucht, um die Motivation zu erhalten. Im Büro sieht er, dass viele seiner älteren Kollegen frustriert sind, aber in ihren Jobs feststecken. Einen Ausstieg können sie sich nicht leisten und für einen Karrierewechsel sind sie nicht flexibel genug. Deshalb will Nico die Zukunft nicht für seine heutigen Träume verpfänden. Er möchte Optionen haben, wenn sich seine Wünsche ändern. Anstatt eines individuell gebauten Hauses, kaufte er ein Standardreihenhaus, das sich ohne Wertverlust weiterverkaufen lässt. Sein Auto ist weit weniger elegant als das seiner Kollegen. Außerdem lebt er sparsam. Was am Ende des Monats übrig bleibt, steckt er nicht in einen Pool, sondern ins Aktiendepot.

Andreas und Nico befinden sich an einem ähnlichen Punkt in ihrem Leben. Sie stehen mit beiden Beinen im Berufsleben und haben eine junge Familie gegründet. Aber ihre Erwartungen an die Zukunft könnten nicht unterschiedlicher sein. Während der eine davon ausgeht, dass sich zukünftig nicht mehr viel ändern wird und mit dieser Erwartungshaltung alles auf seine heutigen Wünsche setzt, hält der andere das Leben für einen Veränderungsprozess und bereitet sich entsprechend vor. Es sind zwei völlig verschiedene Perspektiven aufs Leben.

Als Andreas mir freudig verkündete, dass die großen Veränderungen seines Lebens fast abgeschlossen seien, war ich ein bisschen erschrocken. Für mich klang das weder realistisch noch attraktiv. Mit Nicos Einstellung kann ich mich besser identifizieren. Auch wenn ich nicht weiß, was die Zukunft bringt, bin ich mir sicher, dass sich meine Wünsche in einem stetigen Wandel befinden.

Kurz nach diesen Gesprächen stieß ich auf ein Buch von Barbara Sher2 In diesem empfiehlt sie dem Leser zu notieren, was man im Alter von 5 Jahren, 10 Jahren, 15 Jahren etc. gern tat. Ich definierte die Aufgabe ein wenig anders und schrieb auf, was ich jeweils vom Leben wollte. Dabei wurde deutlich, wie sich meine Wünsche über die Jahre veränderten. Das kam dabei heraus:

Was ich vom Leben wollte (und will)

Mit 5 Jahren: Ich kann mich kaum so weit zurück erinnern. Wahrscheinlich bestand mein Lebensinhalt darin, den ganzen Tag spielen zu wollen – mit anderen Kindern im Kindergarten sowie allein zu Hause. Da ich schon immer eine Naschkatze war, wollte ich vermutlich auch viele Süßigkeiten essen.

Mit 10 Jahren: Fünf Jahre später stand Spielen immer noch hoch im Kurs. Ich besuchte meine Freunde, baute mit ihnen Lego und spielte auf der Sega-Konsole. Häufig zogen wir draußen durch die Berliner Hinterhöfe und vertrieben uns die Zeit auf Spielplätzen. Wenn ich allein war, wollte ich am liebsten fernsehen.

Mit 15 Jahren: Da wir umgezogen waren, hatte ich mittlerweile einen neuen Freundeskreis. Wir trafen uns, um gemeinsam am Computer oder auf der Playstation zu spielen (Sega war nicht mehr angesagt). Die meiste Zeit verbrachte ich aber allein zu Hause und hörte gern Musik – am liebsten von Michael Jackson. Außerdem wollte ich gut in der Schule sein und von meinen Mitschülern akzeptiert werden. Wahrscheinlich schielte ich auch auf die Mädchen in meiner Klasse. Ansonsten sah ich viel fern oder spielte mit meinem Hund.

Mit 20 Jahren: Nach der Schule hatte ich keine Lust auf ein langes Studium, wollte aber auch nicht nur eine Ausbildung machen. Also entschied ich mich für ein BA-Studium in einem großen Unternehmen. Dabei erkannte ich schnell, dass ich nicht dauerhaft in einem Konzern arbeiten wollte. Deshalb bewarb ich mich anschließend bei einem Startup. Die Arbeit dort war wesentlich interessanter. Zusammen mit anderen 23-Jährigen schob ich Überstunden, um bedruckte T-Shirts zu verkaufen. Nach Feierabend erarbeitete ich mir mit eigenen Projekten ein schönes Nebeneinkommen. Beides machte mir viel Spaß.

Damals wollte ich in Wohngemeinschaften leben, obwohl ich nicht mehr studierte. Nach einer unangenehmen Beziehung wollte ich erstmal Single sein. Ich begann, regelmäßig Bücher zu lesen und reiste mehrmals nach Norwegen. Es war damals das Land meiner Träume. Computerspiele gewöhnte ich mir zu dieser Zeit überwiegend ab.

Mit 25 Jahren: Die Arbeit im Startup und an meinen Projekten machte für eine Weile Spaß, doch mit 25 Jahren wollte ich lieber ein Unternehmen aufbauen. Also gründete ich eine Agentur – mit Büro, Kunden und Mitarbeitern. Den größten Teil meiner Zeit widmete ich dieser Firma. Sonst machte ich nicht viel, außer Bücher über Persönlichkeitsentwicklung zu lesen. Außerdem wollte ich reich werden. So reich wie damals wollte ich später nie wieder werden.

Aus der Wohngemeinschaft zog ich aus, denn nun wollte ich lieber allein leben. Ich war immer noch Single, aber eine Partnerin wäre zu diesem Zeitpunkt nicht verkehrt gewesen. In meiner Freizeit guckte ich Serien. Einmal im Jahr unternahm ich eine Backpacking-Fernreise. Bis dahin war das für mich nicht vorstellbar, doch das Reisen wurde schnell zur Normalität.

Mit 30 Jahren: Die Firma zehrte zunehmend an meinen Nerven, da ich mich mit meiner Geschäftspartnerin nicht mehr verstand. Ich entschloss mich, aus dem Unternehmen auszusteigen und um die Welt zu reisen. Kaum war ich zurück von meiner Weltreise, flog ich gleich wieder los und wurde zum Dauerreisenden. Ich wollte möglichst frei sein. Ein neues Unternehmen mit Mitarbeitern konnte ich mir nicht mehr vorstellen. Mein eigenes Ding zu machen, gefiel mir nun besser. Später tat ich mich mit Jasmin zusammen, um nicht ganz allein zu werkeln.

In meiner Freizeit las ich einige Bücher. Ich schaute noch mehr Serien, spielte ein bisschen Fußball und interessierte mich für gesunde Ernährung (bis dahin hatte ich mich überwiegend ungesund ernährt). Zeitweilig lief ich regelmäßig Halbmarathons. Ich wollte immer noch eine Partnerin finden, bemühte mich die meiste Zeit aber nur wenig.

Mit 35 Jahren (heute): Vom Reisen hatte ich vorerst genug. Ich wollte sesshaft werden, um mein soziales Umfeld zu pflegen und endlich eine Partnerin zu finden. Die Mühe zahlte sich aus. Jetzt möchte ich Zeit mit meiner Freundin verbringen, vielleicht auch mal länger mit ihr verreisen. Ich möchte nur noch halbtags arbeiten und nur an Projekten, auf die ich Lust habe. Anders als in den letzten Jahren möchte ich in meinen Blogs nicht nur von mir schreiben, sondern auch die Geschichten interessanter Menschen erzählen.

Ich lese noch mehr Bücher als zuvor. Ich möchte nützliche Fähigkeiten entwickeln. Ich interessiere mich für meine Finanzen und anstatt immer mehr zu verdienen, möchte ich meinen Wohlstand durch bedachten Konsum sichern. Ich gärtnere gern auf meinem Balkon und zukünftig vielleicht in einem Schrebergarten. Ich schaue immer noch gern Fernsehserien, spiele manchmal Fußball, bewege mich viel und achte weitgehend auf gesunde Ernährung, wenn auch nicht mehr so konsequent wie vor ein paar Jahren.

In diesem Rückblick wird deutlich, dass sich meine Wünsche in einem ständigen Wandel befinden. Was mir als Kind noch wichtig war, spielte in meiner Jugend kaum noch eine Rolle, und meine erste Berufswahl ist mit meiner heutigen Arbeit nicht mehr zu vergleichen. Auch an meinen privaten Wünschen änderte sich einiges. Alles hatte seine Zeit. Deshalb habe ich keinen Grund zur Annahme, dass von jetzt an alles gleich bleiben wird, so wie Andreas es von seiner Zukunft erwartet. Warum sollte ein Leben 30 Jahre lang von Veränderungen durchzogen sein, um dann plötzlich in ein- und demselben Zustand zu verharren? Das ergibt keinen Sinn.

Auch in den kommenden Jahren werde ich neue Bücher lesen, andere Menschen kennenlernen oder anderweitig mit spannenden Ideen in Berührung kommen. Daraus werden sich ungeahnte Chancen ergeben, die ich gern wahrnehmen möchte. Das kann allerdings nur gelingen, wenn ich mir die Zukunft nicht mit Traumhäusern und teuren Autos verbaue. Deshalb sympathisiere ich mit Nicos Philosophie, auf neue Wünsche vorbereitet zu sein. Irgendwann in der Zukunft, wenn er eine Veränderung braucht, wird er bei einer neuen Chance zugreifen können. Wäre ich nicht bereits auf dem gleichen Weg, fände ich diese Option beneidenswert.


Tipp: Mehr von Nico liest du in seinem Blog Finanzglück.

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Quellen

  1. Den Namen habe ich geändert.
  2. Es handelt sich um das Buch Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will.

5 Kommentare

  1. Hallo Patrick,

    danke für deinen Berich!
    Ich werde bald 31, bin also in einem Alter, in dem viele heiraten und Kinder bekommen. Wenn ich nur daran denke, bekomme ich eine innerliche Krise. Ich habe so Angst, auf einmal festgefahren jeden Tag bis zur Rente den gleichen Tagesablauf durchleben zu müssen. Für die meisten ist das ja anscheinend das Highlight des Lebens….Von meinem gleichaltrigen Freund habe ich mich pünktlich zum 30. Geburtstag getrennt, weil ich eben den klassischen Weg nicht gehen will.
    Für mein erstes Auto, das ich nun seit ca. 10 Monaten habe, habe ich auch nicht das große Geld ausgegeben. Auch wenn ich merke, dass ich es einfach nicht so lieben kann wie ein schnelleres, technisch hochwertigeres und eben auch teureres Auto. Aber es erfüllt seinen Zweck, hat eine Klimaanlage, 5-Türer. Also das, was ich unbedingt benötige im Alltag. Ein teureres Auto müsste ich länger abzahlen oder monatlich mehr dafür abstottern und das ist es mir einfach nicht wert. Du hast mich mit deinem Bericht wieder bestärkt, dass es die richtige Entscheidung war (und ja, das Auto an sich ist notwendig, da ich sonst nicht in die Arbeit komme).
    Aktuell beschäftige ich mit mit Flylady und mit der Konmari Methode, um meinen chaotischen Lebensstil zuhause und im Alltag entgegen zu wirken (OT, entschuldige 😀 )
    Ich habe im übrigen nach einem Jahr meinen Job und Wohnort gewechselt und ziehe endlich nach Österreich. Auf diese Veränderung freue ich mich so riesig. Aktuell bin ich in einem Bundesland gelandet, in dem es Regeln und Ordnung mit vielen engstirnigen Menschen gibt. Nichts für mich!

    Alles Gute Patrick! Ich freue mich schon auf deinen neuen Artikel. Vielleicht bist du mal wieder auf Reisen und lässt uns daran teilhaben 🙂

    Evelyn

  2. Als ich ins Neubaugebiet zog, hatte ich zwar ein praktisches Haus (wir mußten die Baufirmen mühsam davon überzeugen, nicht großherrschaftlich sondern praktisch zu bauen), aber auch das Gefühl, in der Falle zu sein: mit 28 schon Hausbesitzerin, mit diesen Nachbarn alt werden? Inzwischen sind um uns herum viele Veränderungen passiert, wir haben auch nur Kontakt zu interessanten Leuten, das Haus wandelt sich mit unserer jeweiligen Situation, und die Kinder sind größer geworden, so daß ich nicht mehr das Gefühl einer Falle habe.
    Jetzt ist mein letztes Kind eingeschult worden, und auf einmal hatte ich das Gefühl, ich dürfte jetzt nicht mehr weiterlernen (dabei steht noch so viel auf meinem Zettel, was ich noch ausprobieren will), sondern müsse mich jetzt mal entscheiden und mit meinen Fähigkeiten Geld verdienen. Das war schrecklich. Ich habe dafür gerade noch keine Lösung, aber ich stelle gerade fest, daß in ‚verdienen‘ das Wort ‚dienen‘ steckt: Wenn man dient, darf man dafür auch was für sich machen. Also werde ich das Geld von meinem Minijob für eine weitere Reise einsetzen. Die körperliche Arbeit wird mich fit für ein anderes Klima machen. Außerdem habe ich einfach trotzdem schon wieder etwas gelernt und ausprobiert, ob meine Lernzeit nun vorbei ist oder nicht. (-:
    Ich glaube aber, daß ich nur ganz wenige Wünsche hatte. Selbst mit 20 war die Frage nach einer Familie für mich weniger ein Wunsch als das Vertrauen darauf, daß ich meinen Mann bestimmt im Studium kennenlernen würde. Ich sehe für mich eher Etappenziele und Projekte. Vielleicht, weil mein Lebenssinn (etwas weitergeben) an vielen kleinen oder größeren Ideen festgemacht werden kann.
    Ich werde mir diese Wünsche anhand meiner Biographie aber mal durch den Kopf gehen lassen. Wer sich gut kennt, kann sich bei den nächsten Angeboten gut entscheiden, egal was kommt.

  3. Naja, mit Ehe, Kindern und gemeinsamem Haus haben beide schon enorm viel Freiheit geopfert. Tanzen sie nicht nach der Pfeife ihrer Frau, sind sie das Haus los und sehen sie ihre Kids nur noch jedes zweite Wochenende.

  4. Toller Beitrag, Patrick! Er hat mich in meiner Sichtweise auf das Leben bestärkt.
    Ich bin jetzt 26 und komme ursprünglich vom Land, wo immer mehr meiner ehemaligen Klassenkameraden und alten Freunde schon heiraten, Kinder bekommen und sesshaft werden. Ein bisschen neidisch bin ich schon, da ich oft umgezogen bin und auch mehrere Beziehungen mittlerer Dauer hatte – die letzte ist vor einer Woche in die Brüche gegangen – und das Gefühl habe, nicht den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen. Andererseits kann ich es mir nicht vorstellen, mein ganzes Leben an ein und demselben Ort zu wohnen und immer den gleichen Job zu haben. Ich brauche regelmäßige Veränderung, möchte mich weiterentwickeln und meine Träume erfüllen. Persönliche Freiheit und Unabhängigkeit sind mir sehr wichtig. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt!

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