Wie du in einer Welt voller „Likes“ mehr Zeit, Ruhe und Fokus findest

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Dies ist ein Gastbeitrag von Walter Epp, Autor des Blogs Endlich lebendig. Der Beitrag enthält Affiliate-Links, das heißt wir erhalten eine Provision, wenn du sie klickst und Produkte bestellst.


Ein merkwürdiges Gefühl.

Ich sitze in der Bahn und fahre nach Hause. Das ist aber nicht das Ungewöhnliche. Das Ungewöhnliche ist, dass ich etwas tue, das ich seit langer Zeit nicht mehr getan habe: Ich schaue aus dem Fenster.

Nein, der Akku meines Smartphones ist nicht leer – ich tue es freiwillig. Ich beobachte die Gesichter der Menschen, soweit es mir möglich ist, denn die meisten schauen nach unten – auf ihr Smartphone. Ich gehöre zu den wenigen Ausnahmen, die in der Bahn nichts in der Hand halten.

Ich mache einfach nichts.

Langsam kommt ein altes Gefühl wieder in mir auf. Ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das ich aus meiner Kindheit kenne. Es ist das Gefühl der Sorglosigkeit, der Leichtigkeit und der Dankbarkeit dafür, dass ich einfach leben darf.

Ich bin voll im Moment.

Doch das war nicht immer so

Bis vor kurzem war ich noch ein exzessiver Facebook-Nutzer, der in jeder freien Sekunde das iPhone zückte, um zu sehen, was in der weiß-blauen Welt da draußen so passiert.

Täglich bekam ich neue Freundschaftsanfragen, Gruppeneinladungen und natürlich: mehr Likes für meine Bilder.

Meine Welt wurde immer schneller, immer lauter und immer komplexer. Ich hatte rund 800 Facebook-„Freunde“ und in meiner Timeline war immer etwas los.

Doch eines Tages wurde ich aus dieser Welt gerissen – durch meine Frau. Sie beschwerte sich, dass ich zu viel Zeit am Handy und am Laptop verbringen würde. Zuerst verteidigte ich mich. Doch dann nahm ich etwas Abstand und dachte nach. Ich war gefangen in einer Welt voller Likes, Eitelkeit und Katzenbildern. Sie hatte Recht.

Es wurde Zeit, den Stecker zu ziehen, also tat ich es. Ich löschte alle Facebook-Freunde, trat aus allen Gruppen aus, entlikte alle Seiten und folgte niemandem mehr. Meinen Account habe ich behalten, um meine Facebook-Fanpages, die ich beruflich betreue, weiterzupflegen.

Doch privat war für mich Facebook nun gestorben.

Was es mir gebracht hat?

Mittlerweile sind mehr als zwei Monate seit meinem Facebook-Ausstieg vergangen und ich kann bereits mehrere Schlüsse ziehen:

1) Mehr Zeit

Ich checke keine Statusupdates mehr und ich scrolle auch nicht mehr in der Timeline herum.

Mein Timeline sieht nämlich so aus:

walter-facebook

Da gibt es einfach nichts zu sehen.

Auf meinem Smartphone gibt es die Facebook-App nicht mehr, Instagram habe ich deaktiviert und die Twitter-App habe ich gelöscht. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Das Smartphone ist langweilig geworden.

Jedes Mal, wenn ich aus Gewohnheit mein Smartphone zücke, merke ich nach einigen Sekunden, dass es da nichts zu gucken gibt und stecke es zurück. Der Blick wandert nach oben: Was soll ich tun?

Mehr Zeit zum Denken

Ich griff somit zu einem altertümlichen Mittel: dem Buch. In den letzten zwei Monaten habe ich mehr gelesen, als in den sechs Monaten davor und ich merke erst jetzt wie ich das vermisst habe. Oder besser gesagt: Wie mein Gehirn das vermisst hat.

Zu Beginn war ich noch etwas hibbelig und mir fehlte die Geduld, dicke Schinken zu wälzen. Mein Gehirn war den schnellen „3-Sekunden-gucken-liken-und-weiter“-Rhythmus aus Facebook gewohnt. Ich musste mir das „Scannen“ abgewöhnen und das akkurate Lesen wieder lernen – wie jemand, der lange nicht mehr Autogefahren war, sich nun plötzlich wieder ans Steuer setzt.

Mein Gehirn fing langsam wieder an, nicht mehr in Häppchen zu denken, sondern in Zusammenhängen. Mein Denken richtete sich nicht mehr auf kurzfristige Fragen wie „Was soll ich posten?“, sondern auf langfristige Fragen wie „Wo sehe ich mich in 10 Jahren?“ „Wie kann ich mein Buch verbessern?“ „

Vorher war mein Hirn wie ein Grashüpfer, der ständig seine Richtung änderte. Jetzt ähnelt es mehr einem Kreuzfahrtschiff.

Mehr Zeit für Beziehungen

Seitdem ich nicht ständig auf mein Handy starre, esse und rede ich ganz anders. Ich nehme mir Zeit für mein Essen und für meine Mitmenschen.

Ich merke, wie ich immer öfter mit meiner Frau einfach auf der Couch sitze, ohne ein Handy in der Hand zu halten. Vor dem Schlafengehen checke ich kein Facebook mehr. Das führt dazu, dass ich früher schlafen gehe und damit ausgeschlafener und fitter bin.

Meine Familie, für die ich nun mehr Zeit habe.
Meine Familie, für die ich nun mehr Zeit habe.

Mehr Zeit zum Arbeiten

Ich bin ehrlich: Facebook hat mich schon oft von der Arbeit abgelenkt. Oder besser gesagt: Ich ließ mich ablenken. Ich wollte nur schnell eine private Nachricht beantworten und schwupps: Schon scrolle ich in der Timeline rum und lache darüber, wie Teenager im Affenkostüm Menschen am Strand erschrecken.

Es lag aber nicht nur an der Ablenkung. Da ich Facebook nicht mehr nutze, schreibe ich öfter im Zug, beim Arzt, bei Behördengängen. Ich konsumiere nicht mehr, ich kreiere.

Es ist einfache Mathematik: Wenn du fünfmal am Tag etwa 10 Minuten in Facebook hockst, dann kommst du auf 50 Minuten pro Tag. Das macht 350 Minuten die Woche. 1400 Minuten im Monat.

Ich habe in den zwei Monaten somit schon 2800 Minuten gewonnen. Das sind fast 47 Stunden.

Da ich im Home-Office nur 6 Stunden arbeite, bedeutet das für mich einen Gewinn von fast 8 Arbeitstagen. Diese Rechnung hat mich überzeugt.

Wie viel Zeit würdest du gewinnen, wenn du seltener in Facebook hocken würdest? Rechne es mal nach.

2) Fokus

Gary Keller betont in seinem Buch „The One Thing“, dass es kein Multikasting gibt. Jedes Mal, wenn du dich ablenkst, dann verlierst du nicht nur 5 Sekunden. Nein, du verlierst deinen Fokus und dein Gehirn schaltet von einer Tätigkeit auf die andere um.

Dieser Umschaltprozess kostet Energie und Zeit. Du darfst bei den typischen Ablenkungen (hierzu zählt nicht nur Facebook, sondern auch E-Mail, Whatsapp und Twitter) also nicht die reine Nutzungszeit als „verlorene“ Zeit berechnen. Du musst noch 5 bis 10 Minunten hinzurechnen, weil dein Gehirn sich wieder umstellen muss. Du musst deinen „Flow“ zurückgewinnen, was nicht innerhalb von Sekunden passiert.

Hier hilft auch eine einfache Rechnung: Wenn du dich während eines Arbeitstages (8 Stunden) nur dreimal ablenkst, verlierst du jedes Mal eine halbe Stunde (15 Minunten Ablenkung, 15 Minunten, um den Fokus zurückzubekommen) und insgesamt pro Tag also 1,5 Stunden.

Das macht pro Arbeitswoche 7,5 Stunden. Wenn du dich nicht ablenken würdest, könntest du also eine 4-Tage-Woche haben. Und genau so ist es bei mir: Ich arbeite im Home-Office nur 6 Stunden und lege oft eine 4-Tage-Woche ein.

Mit sechs ablenkungsfreien Stunden schaffe ich mehr als an einem „vollen“ Arbeitstag, an dem herumgeeiert wurde.

Als selbständigen Autor bezahlt mich niemand dafür, dass ich „meine Zeit absitze“. Effektives Arbeiten ist bei mir überlebensnotwendig.

Selbst wenn du nicht selbständig bist: Überleg mal, wie viel du schaffen könntest, wenn du einen Tag mehr als die „abgelenkten“ Kollegen zur Verfügung hättest?

Deep Work

Dadurch, dass soziale Medien mich nicht mehr vom Arbeiten ablenken, komme ich einem Ziel näher, dass sich „Deep Work“ nennt. In seinem Buch „Deep Work: Rules for Focused Success in a Distracted World“ erklärt Cal Newport, dass immer weniger Menschen in der Lage sind wirklich fokussiert zu arbeiten. Noch nie war unsere Welt so voller Ablenkung.

Er sagt auch, dass diejenigen, die lernen fokussiert und tief (deep) zu arbeiten, erfolgreich sein werden. Im Umkehrschluss werden die Menschen, die die Ablenkung nicht unter Kontrolle haben, die Verlierer sein. Und zwar nicht nur bei der Arbeit, sondern bei so ziemlich jedem Lebensbereich, in dem Fokus erforderlich ist: Sport, Familie, Ernährung.

Fokus ist das Gold unserer Zeit.

Und je weniger ich in den Sozialen Medien hänge, desto mehr Gold habe ich.

3) Ruhe

Ich lerne gerade die Ukulele zu spielen. Ich kann schon „Over the Rainbow“ und „Sweet Home Alabama“.

Warum?

Weil ich die innere Ruhe dazu habe.

Noch vor zwei Monaten musste ich, sobald ich zuhause war, sofort meine Updates checken und schauen, was andere so Tolles posten.

Keine Frage, das Internet ist eine spannende Sache, aber irgendwie war meine Seele danach nicht befriedigt. Meine Seele fühlte sich immer noch leer an – während mein Kopf vor lauter Katzen- und Fail-Videos platzte.

Jetzt schaukele ich auf unserem Schaukelstuhl und lerne ein Instrument – einfach so. Weil ich Ruhe habe.

Meine Seele ist ruhig. Ich habe keine Angst, etwas zu verpassen. Diese Angst, etwas zu verpassen, ist ein verbreitetes Phänomen unserer Zeit und es hetzt uns von einem sozialen Netzwerk ins Nächste. Die Amis haben dafür einen passenden Begriff: Fear of missing out.

Kurz: Fomo.

Durch diese Fomo wurde ich zum Getriebenen. Ich war gehetzt und ständig unter Druck, Facebook zu öffnen und Twitter zu checken. Dazu kam noch der Druck, ständig „coole“ Fotos zu posten, um meine Likes in die Höhe zu treiben.

Heute lese ich nicht mal mehr Nachrichten. Und schaue auch nicht mehr die Tagesschau. Ich muss auch nichts mehr checken, weil ich eine innere Ruhe in meiner Seele habe.

Dazu musste ich mir nur eins klar machen: Ich verpasse nichts. Denn das, was hier und jetzt passiert, das ist das Leben. Und das möchte ich nicht verpassen.

Ich bin voll im Moment.

Das ist wertvoller, als die Momente anderer zu bestaunen.

Ist Facebook böse?

Ich will hier nicht den großen Zeigefinger erheben und sagen, dass alle Facebooker schlechte Menschen sind oder, dass Facebook an sich schlecht ist. Es ist ein Tool und es liegt an uns, was wir daraus machen.

Ich habe mich entschlossen, dieses Tool nur noch beruflich zu nutzen und habe damit Zeit, Ruhe und Fokus gewonnen. Ressourcen, die in unserer Gesellschaft seltener als Gold sind.

Wenn du merkst, dass du zu wenig Zeit für die wichtigen Dinge im Leben hast, wenn du dich getrieben und gehetzt fühlst und nicht zur Ruhe kommst, dann versuche es mal: Ziehe den Stecker.

Mich hat es sehr befreit. Vielleicht wird es auch dich befreien.

Zum Abschluss noch eine kleine Liste mit praktischen Ideen, wie du dein Leben entschleunigen kannst:

7 Smartphone-Hacks für mehr Zeit, Fokus und Ruhe

  • Schalte das Handy immer (auch tagsüber) auf „Nicht-Stören“, es sei denn du erwartest einen wichtigen Anruf.
    Lass das Handy wie einen Regenschirm im Flur. Zuhause brauchst du es nicht. Widme deine Zeit lieber wichtigen Dingen.
  • Lösche die Apps für Soziale Medien. So arbeitest du die Sozialen Medien am Desktop effektiv und fokussiert ab. Danach hast du den Kopf frei.
  • Lies keine Mails am Handy. E-Mails-Lesen ist Arbeit. Das sollte also nur während deiner Arbeitszeit passieren – und selbst da nur zu vorgegebenen Zeiten.
  • Wenn du die Ablenkung nicht kontrollieren kannst, lösche oder deaktivere deine sozialen Accounts. Die Welt wird nicht untergehen.
  • Wenn du die sozialen Medien beruflich nutzt, mache dir einen klaren Redaktionsplan, damit du nicht ziellos in Facebook herumirrst.
  • „Vergiss“ das Handy absichtlich mal zuhause, wenn du raus gehst. So konzentrierst du dich nicht auf sinnlose Schnappschüsse, sondern genießt einfach den Moment.

Walter Epp hat seine Juristenkarriere an den Nagel gehängt, um seiner Berufung zu folgen: dem Schreiben. Heute ist er Autor und schreibt auf seinem Blog (endlichlebendig.de) darüber, wie auch du deine Berufung leben kannst. Ohne Hokuspokus und Fachgelaber gibt er praktische Ratschläge, wie man seiner Leidenschaft folgt und dadurch „endlich lebendig“ wird. 

 


Foto: Frau mit Smartphone von Shutterstock

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