Warum du keinem Experten trauen solltest

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In einer Zeit, da jeder einen Blog schreiben, Bücher veröffentlichen und seinen eigenen Videokanal betreiben kann, sprießen Experten zu allen denkbaren Themen wie Pilze aus dem Boden. Das ist einerseits gut, weil man nicht mehr die Erlaubnis von Verlagen, Zeitungen und Fernsehsendern braucht, wenn man etwas zu sagen hat. Diese Gatekeeper verlieren ihre Relevanz. Für den Konsumenten hingegen ist es schwerer geworden, die Qualität einer Information zu bewerten. Er kann sich nicht darauf verlassen, dass jemand für ihn die Spreu vom Weizen trennt.

Aber um ehrlich zu sein, konnte man sich darauf noch nie verlassen, denn auch in den alten Medien ist die Expertensituation nicht spürbar besser. Im Radio und Fernsehen werden immer wieder Experten zu Rat gezogen, die bei drei nicht auf dem Baum waren. Doch selbst renommierte Autoren, Wissenschaftler und Ärzte haben nicht immer Recht. Sie liegen auch mal daneben oder widersprechen sich gegenseitig.

Je mehr Expertenwissen ich in Büchern, im Fernsehen und im Internet aufsauge, desto skeptischer werde ich. Ich hinterfrage sie zunehmend, denn es gibt einige Gründe, keinem Experten zu trauen:

1. Sie sprechen nicht aus Erfahrung

Manche Menschen werden zu Experten, weil sie selbst eine Herausforderung bewältigt haben. Sie sprechen aus Erfahrung. Andere hingegen lesen sich ihr Wissen an oder ziehen Rückschlüsse aus ihrem eigenen Leben, ohne jemals die gleichen Probleme gehabt zu haben wie ihre Zielgruppe. Mir fallen einige Beispiele ein:

  • Ernährungsexperten, die ihr Leben lang immer schlank waren und sich in die Herausforderungen dicker Menschen nicht hineinversetzen können.
  • Blog-Experten, die nie einen erfolgreichen Blog geschrieben haben, aber anderen Menschen erzählen, wie es geht.
  • Dating-Coaches, die jeden Abend eine andere Frau abschleppen, während ihre Zielgruppe eine Partnerin fürs Leben sucht.
  • Unternehmensberater, die nie ein eigenes Unternehmen geführt haben, aber in der Theorie alles besser wissen.
  • Extrovertierte, die über introvertierte Menschen schreiben und nicht den Hauch einer Ahnung haben (können). Ein solches Buch hat mich vor Jahren schwer geärgert.

Es ist leicht, theoretisch über ein Thema zu schreiben. Das kann jeder. Aber es bleibt oft realitätsfern. Am glaubwürdigsten sind jene Menschen, die selbst einen steinigen Weg gegangen sind. Traue deshalb keinem Experten, der nicht das gleiche Problem hat(te) wie du.

2. Sie überschätzen sich

Experten halten sich oft für schlauer, als sie sind. Nehmen wir den Finanzmarkt: Viele Anleger kaufen Aktienfonds, die von erfahrenen Experten gemanagt werden. Diese Leute kennen sich aus – dennoch performt die Mehrheit der gemanagten Fonds schlechter als der DAX. Als Anleger fährt man folglich besser, wenn man Aktien der 30 größten deutschen Unternehmen kauft, anstatt sich auf die Expertise gut bezahlter Finanzmanager zu verlassen.

Andere Experten verallgemeinern ihre speziellen Erfahrungen. So wird aus einem erfolgreichen Nischenblogger bald ein Experte für Online-Businesses. Wie soll das gehen? Die eine Erfahrung lässt sich nicht zwangsweise auf alles andere übertragen. Ich merke selbst, dass meine Blogs Healthy Habits und 101 Places zwei völlig verschiedene Herausforderungen sind.

Einigen Experten würde etwas mehr Demut gut tun. Traue deshalb niemandem, der seine Fähigkeiten überschätzt.

3. Sie schauen nicht nach links und rechts

Die meisten Experten konzentrieren sich auf ein kleines Gebiet. Das ist gut, anderenfalls wären sie keine Experten, sondern hätten lediglich ein breites Allgemeinwissen. Deshalb verlieren sie jedoch häufig den Blick fürs große Ganze. Nirgendwo sonst empfinde ich das so deutlich wie bei den Themen rund ums Abnehmen und gesunde Ernährung. Ich habe viele Bücher gelesen, einige davon sind sehr gut und schlüssig. Nur miteinander kompatibel sind sie oft nicht. Jeder der Autoren sieht seine kleine Nische, schaut aber nicht nach links und rechts.

Für Brian Wansink sind die Menschen zu dick, weil sie zu viel essen. In seinem Buch „Essen ohne Sinn und Verstand“ beschreibt er, wie es uns gelingt, weniger Kalorien zu uns zu nehmen. Dabei lässt er außer Acht, was Gary Taubes in „Good Calories, Bad Calories“ und Jonathan Bailor in „The Calorie Myth“ schreiben: Dass es nicht auf die Menge der Kalorien ankommt, sondern auf ihre Qualität. Damit sind Wansinks Ratschläge hinfällig. Allerdings vernachlässigen Taubes und Bailor, dass die meisten Menschen wider besseren Wissens nicht nur die hochwertigsten Lebensmittel essen. Damit spielt es doch wieder eine Rolle, wie viel wir essen.

Noch deutlicher wird das Experten-Wirrwarr, wenn wir uns mit der Frage beschäftigen, welche Lebensmittel das größte Übel sind: Robert Lustig („Fat Chance“) ist überzeugt, es sei der Zucker. Für T. Colin Campbell („China Study“) sind tierische Proteine die Ursache aller Probleme. William Davis („Weizenwampe“) hingegen redet Getreide – vor allem Weizen – in Grund und Boden. Stattdessen empfiehlt er tierische Produkte, die Campbell wiederum für gefährlich hält.

Sie alle glauben, die wahre Ursache für unser Ernährungsproblem gefunden zu haben, vernachlässigen aber die Erkenntnisse des jeweils anderen. Traue deshalb keinem Experten, der sich auf seine These versteift.

4. Sie glauben nur, was ihre Meinung bestätigt

Experten tun sich schwer andere Meinungen zuzulassen. Alles, was ihren Glauben widerlegen könnte, spielen sie herunter. Neutrale Informationen legen sie zu ihren eigenen Gunsten aus. Wie alle Menschen, unterliegen Experten dem sogenannten Bestätigungsfehler. Dieser besagt, dass wir Informationen immer so interpretieren, dass sie unsere eigene Meinung bestätigen. Deshalb kann es passieren, dass zwei Experten zu ein- und demselben Thema völlig verschiedener Ansicht sind und diese trotz stichhaltiger Gegenargumente vehement verteidigen.

Viele Experten verkaufen ihre Meinung als die einzige Wahrheit und verschließen sich neuen Informationen. Dabei ist Wissen oft nicht so eindeutig, wie es scheint. Für jede gut belegbare Behauptung gibt es eine ebenso gut belegbare Gegenbehauptung. Oft zitieren Experten dieselben Studien, legen sie aber anders aus. T. Colin Campbell widmete sein Leben der China-Studie und schloss aus dieser: tierische Lebensmittel machen uns dick und krank. William Davis wischt die gleichen Daten in „Weizenwampe“ auf zwei Seiten vom Tisch.

Noch bedeutender ist das Beispiel Ancel Keys. Der renommierte US-Wissenschaftler formulierte in den 50er Jahren die These, dass die Anzahl von Herzerkrankungen mit dem Verzehr von fettigen Speisen steige. Daraufhin entwickelte er die berühmte Sieben-Länder-Studie und sah seine These in deren Ergebnissen bestätigt. Andere Wissenschaftler waren ob dieser Daten skeptisch. Der Brite John Yudkin sah keinen Zusammenhang zwischen Herzerkrankungen und Fett, aber zwischen Herzerkrankungen und Zucker. Beide analysierten die gleichen Daten, kamen aber zu unterschiedlichen Ergebnissen. Am Ende setzte sich Keys in der öffentlichen Wahrnehmung durch und läutete den langen Kampf gegen fetthaltige Speisepläne ein. Bis heute hält sich der Glaube, dass Fett fett macht. Dabei ist längst bekannt, dass es hauptsächlich der Zucker und andere leicht verdauliche Kohlenhydrate sind, die uns dick machen.

Bis heute verändert sich unser Wissen zu der Frage, was genau eine gesunde Ernährung ausmacht. Was gestern als gesichert galt, kann morgen schon falsch sein. Traue deshalb keinem Experten, der nicht offen für neue Informationen ist.

5. Sie verfolgen ihre eigene Agenda

Die Ziele eines Experten sind nicht immer deckungsgleich mit den Absichten seiner Zielgruppe. Diese will ein Problem lösen, während der Experte etwas verkaufen möchte. In der Regel möchte er die Problemlösung verkaufen, daher handelt es sich vordergründig um eine Win-Win-Situation. Dennoch kann der Experte in dieser Situation nie ganz unabhängig sein, denn er handelt in erster Linie in seinem eigenen Interesse.

Da fällt mir Dave Asprey ein, der Erfinder des Bullet Proof Coffee – ein Kaffee mit Butter, Kokosöl und Antioxidantien. Er soll wahre Wunder wirken! Asprey schrieb nicht nur ein Buch über diesen Kaffee, sondern verkauft unter seiner Marke BulletProof gleich alle Zutaten selbst. Ein gutes Geschäftsmodell, aber glaubwürdig?

Verwerflich finde ich das nicht. Es ist selbstverständlich, dass jeder für seine Arbeit vergütet werden will. Für den Konsumenten ist es allerdings wichtig zu wissen, dass es fast immer Zielkonflikte gibt. Noch deutlicher werden diese Konflikte, wenn der Experte für ein Unternehmen arbeitet. Diese geben immer wieder Studien in Auftrag, nur um ein Ergebnis „nachzuweisen“, das mit ihrem Markenversprechen vereinbar ist. Dazu brauchen sie nur noch den richtigen Experten, der mit seinem Namen dafür steht. Traue deshalb keinem Experten, der für seine Meinung bezahlt wird.

Kann man niemandem mehr trauen?

Doch doch, das kann man. Ich selbst belese mich gern zu verschiedenen Themen und nehme mir häufig Erkenntnisse aus Büchern an. Jede neue Information kann für mich ein Anstoß sein, etwas in meiner Arbeit oder in meiner Lebensweise zu verändern. Zudem positionieren auch wir uns als Experten, indem wir bei Healthy Habits unsere Erfahrungen weitergeben.

Aber nimm nicht jeden Rat für bare Münze. Aufgrund einer Expertenmeinung musst du nicht dein Leben umkrempeln. Sie ist auch keine Garantie dafür, dass du die gleichen Erfolgserlebnisse haben wirst wie der Experte. Sieh stattdessen jede neue Information als einen Schritt auf deinem eigenen Weg. Prüfe, ob ein Ratschlag für dich relevant ist, wie er sich in deinen Alltag integrieren lässt und wie er zum großen Ganzen passt. Je mehr Ratschläge du reflektiert aufnimmst, desto mehr kannst du für dich aus dem Expertenwissen anderer herausziehen. Irgendwann wirst du selbst zum Experten für dein Leben.


Foto: Geschäftsmann von Shutterstock

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