Weiblich, Ü30, verbittert?

17 Minuten Lesezeit

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Ab 30 werden Frauen verbittert“, sagte mal ein Mann zu mir, als wir uns kennenlernten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht einmal die 20er-Marke überschritten, was ihn sichtlich freute. Ich hatte keine Ahnung, was er mit der Feststellung meinte, wie das kommende Jahrzehnt verlaufen, geschweige denn, wie ich mich als Ü30-erin fühlen würde. Ich verbuchte die Sache schlichtweg als positives Feedback, lächelte und dachte nicht weiter über die ominöse Altersschwelle nach.

Seit ein paar Tagen hängen nun zwei Luftballons an meiner Deckenlampe: eine 3 und eine 0. Also fiel mir die Behauptung von damals wieder ein und ich fing an mich zu fragen: Werde ich jetzt auch verbittert oder bin ich es schon? Und wenn ja, woran könnte das liegen?

Genau genommen fehlt mir die Datenbasis für Ü30-Erfahrungsberichte, denn die meiste Zeit meines Lebens war ich unter 30 Jahre alt. Jedoch ahne ich schon, was damals gemeint war, denn die (vermeintlichen) Veränderungen an mir selbst und meinen Freundinnen sind mir schon in den letzten Jahren aufgefallen. Daher nehme ich es nicht ganz so genau mit der 30er-Marke, wenn ich mich der Verbittert-Frage stelle. Schließlich sagte man schon früher über mich, ich sei meinem Alter voraus …

Vielleicht sollte ich eine Begriffsklärung voranstellen, damit das Wort verbittert nicht permanent über uns schwebt und wir uns alle ein bisschen besser fühlen. So richtig verbittert ist wahrscheinlich kaum eine Ü30-erin. Ich jedenfalls nicht, denke ich. Aber etwas desillusioniert, nicht mehr so unbedarft und unbeschwert – das könnte es treffen. Möglicherweise war ich auch noch nie so unbeschwert wie andere. Ist das eine Typenfrage?

Kindern sagt man jedenfalls nach, dass sie noch furchtlos sind. Sie klettern auf Bäume, während die Erwachsenen danebenstehen und vor Angst tausend Tode sterben. Sie wissen, was alles passieren kann. Kinder denken darüber noch nicht nach. Bis zu dem Moment, an dem auch sie nicht mehr ohne zu zögern vom 3-Meter-Brett springen oder jeden Baum erklimmen. Wann fängt das eigentlich an?

In meinen Augen durchlaufen wir in unseren 20ern einen ähnlichen Prozess. Wir verlieren unsere jugendliche Unschuld; wir fallen das erste Mal auf die Nase; unser Vertrauen wird erschüttert; so manches, woran wir geglaubt haben, zerploppt wie eine Seifenblase. Wir werden das erste Mal so richtig fies verlassen; die Eltern trennen sich, wenn sie es nicht schon früher getan haben; wir merken, wie hart das Arbeitsleben ist und dass das angewandte Einhornlinguistikstudium vielleicht doch nicht die beste Entscheidung war.

Es gibt so viele Bereiche, in denen wir uns nicht vor einer gewissen Desillusion schützen können. Lass uns doch mal gemeinsam auf ein paar dieser Bereiche zurückblicken.

 

Essen & Trinken: Über Gedankenlosigkeit und Ernährungshipster-tum

Ein Kind sollte nicht ständig darüber nachdenken, was es isst, denn das tun wir als Erwachsene noch oft genug. Tatsächlich machte ich mir auch keinerlei Gedanken, als ich riesige Nudelberge bei Oma verschlang, bis ich mich nicht mehr bewegen und schon gar keinen Mittagsschlaf mehr machen konnte. Wir tranken Sprite und Spezi, aßen nach der Schule 5-Minuten-Terrinen ohne die leisesten Zweifel. Es waren die 90er, in denen sich alle über die 300 verschiedenen Geschmacksrichtungen von Maggi-Fix-Tüten freuten. Kartoffelpüree aus der Tüte? Warum nicht! Man löffelte Cornflakes und las währenddessen die Rätsel und Gewinnspielbedingungen auf der Verpackungsrückseite. Auch Milch war ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Ernährung. Mit einer Freundin zelebrierte ich regelmäßig das „Fett-Kao“- Ritual, bei dem wir uns einen Fetten machten und dazu je ca. einen Liter Kakao tranken.

Irgendwann passierte es: Wie in einem Computerspiel wurde ein neues Level freigeschaltet. Es war plötzlich wichtig, sich gesund zu ernähren. Man wollte schlank sein. Der größte Umschwung in meiner Ernährung kam zunächst vor allem deshalb, weil ich regelmäßig in der Mensa aß und für mich selbst einkaufen musste. Ich wusste schon immer, dass Pommes nicht die beste Lösung waren. Das hatte es in der Familie nie gegeben. Ein Ernährungsfreak war ich aber bei Weitem noch nicht. Als Studentin aß ich immer noch viel Brot, wusste noch nicht, dass man seinen Salat würzen kann und dass ich so manche Gemüsesorte einfach nicht vertrage.

Nach dem ersten Semester hatte ich die erste handfeste psychosomatische Erkrankung: vor lauter Stress hatte sich mein Darm entzündet. Daraufhin wurde ich sensibler und lernte allmählich, was ich künftig nicht mehr essen sollte. Ich kaufte mir die „Fit for Fun“, beschäftigte mich zunehmend mit Lebensmitteln und las zum ersten Mal vom glykämischen Index, von Zucker und davon, dass Fruchtjoghurt nicht viel mit Früchten zu tun hat. Dann bescheinigte man mir eine Laktoseintoleranz und rüttelte damit zum ersten Mal an meinem Milch-ist-doch-gesund-Glauben. Das Buch „Tiere essen“ war vor sieben Jahren ein weiterer Einschnitt: Schon nach wenigen Seiten war mir klar, dass konventionelles Fleisch (und Fisch!) für mich gestorben sein würden.

Seitdem ist mein Bewusstsein weitergewachsen und es geht mir wie vielen anderen: Ich weiß kaum noch, was ich bedenkenlos essen kann. Nahezu alles hat einen ja-aber-Beigeschmack, wenn man halbwegs informiert ist: Fleisch, Fisch, Getreide, Zucker, Leitungswasser, Gen-Food. Natürlich sind das zum Teil Luxusprobleme, aber ich befasse mich nicht damit, weil es ein Trend ist oder ich damit Aufmerksamkeit erregen will. Ich will möglichst viel richtig machen – für die Umwelt und meinen Körper. Deshalb kaufe ich mittlerweile viele Bioprodukte, weil es sich etwas weniger falsch anfühlt, als zu konventionellen Produkten zu greifen. Aber mir ist auch klar, dass Bio nicht immer so biologisch ist und nur Selbstversorger mit einer eingeschränkten Lebensmittelpalette sauber durchkommen. Aber ich tue, was ich kann. In meiner Küche tummeln sich Vorräte an Buchweizen, Chiasamen, Quinoa, Sojageschnetzeltem, Bio-Kokosmilch und Haferdrink als Milchersatz. Ich rühre sogenannte Flohsamenschalen in meinen grünen Smoothie, weil die Ballaststoffe meinem Darm guttun. Ich kippe Leinöl aus der einzig wahren Leinölmühle in Brandenburg dazu, weil der Müller meinte, das sei gut gegen Krebs.

Einkaufen – wie unkompliziert war das früher! Heute kann ich mich manchmal ewig nicht entscheiden, weil ich so viele Kriterien abwäge. Ich weiß, wo die gluten- und laktosefreien Produkte stehen, und welche der 30 alkoholfreien Biersorten am besten schmecken. An der Kasse kommt bei mir Weltschmerz auf, wenn dicke Kinder und noch dickere Eltern vor mir ihren Einkauf aufs Band legen: Toastbrot, Gesichtswurst, Chips, Tütensuppen und Haribo-Aktionspackungen.

Früher freuten wir uns über Müsliriegel, die wir in kostenlosen Studententüten abstaubten. Heute reißt mich die „zuckerreduziert“-Aufschrift nicht mehr vom Hocker. Ich lasse das Betthupferl im Hotel links liegen und habe Bedenken angesichts der Süßigkeitenberge, die an Weihnachten und Ostern ausgetauscht werden. Natürlich esse ich noch Süßigkeiten, Eis und Kuchen, aber seltener und mit einem anderen Bewusstsein als früher.

Verbittert würde ich es nicht nennen, aber desillusioniert bin ich sicherlich in puncto Ernährung. Man könnte mich als Ernährungshipster bezeichnen, weil ich viel darüber nachdenke und dafür ausgebe, was ich esse. Manchmal wünsche ich mir die Unbedarftheit von früher zurück, jedoch lassen sich Erkenntnisse nicht rückgängig machen.

Umwelt & Politik: Über Ahnungslosigkeit und Nachrichtendiät

Als es noch kein Internet gab, waren Nachrichten eine überschaubare Sache, für die meistens die Eltern zuständig waren: Sie wussten Bescheid, während für uns Kinder eigentlich nur wichtig war, ob wir wegen „Wetten, dass …?“ am Samstagabend länger aufbleiben durften.

Selbst im Studium war ich noch relativ abgekoppelt vom Weltgeschehen. Ich hatte keinen Fernseher, schon gar keine Tageszeitung und an Radiohören kann ich mich auch kaum erinnern. Smartphones kamen erst auf, als ich meinen ersten Job hatte. Nachrichten-Apps kamen mir damals noch unglaublich nützlich vor. Heute sehe ich sie als Fluch und Segen, denn die überwiegend negativen Nachrichten aus aller Welt sind omnipräsent, egal ob man Eilmeldungen auf dem Home-Screen oder Schlagzeilen auf Displays an der S-Bahn-Haltestelle liest.

Mit Ende 20 oder Anfang 30 weiß man mittlerweile, was alles schiefläuft, und dass es für viele Missstände entweder keine Lösung gibt oder zu viele Akteure von den Missständen profitieren. Denken wir an Bauernverbände, die weiterhin Glyphosat verwenden wollen, oder Unternehmen, für die der Verkauf von Medikamenten lukrativer ist, als die Forschung nach einem Impfstoff.

Wir ahnen inzwischen, dass bald Menschen die Blüten unserer Pflanzen bestäuben werden müssen. Wir wissen, dass wir unseren Rohstoffhunger auf dem Rücken anderer austragen. Dass Handys nicht auf Bäumen wachsen, sondern Menschen anderswo seltene Erden schürfen, um mit ein paar Cent nach Hause zu gehen. Wir kennen mittlerweile die Dokus über Kinder auf Müllhalden, die aus Elektroschrott ein paar verkäufliche Metalle herausbrennen. Wir wissen, dass 2-Euro-T-shirts und 1-Euro-Hackfleisch nichts Gutes bedeuten können. Viele von uns sind schon mal in Südostasien gewesen und haben gesehen, wie es dort um den Regenwald bestellt ist und wie viel Plastik täglich an den Strand geschwemmt wird.

Die Welt ist komplexer geworden,

heißt es. Ich frage mich, ob das Leben tatsächlich schwieriger geworden ist als das meiner Großeltern, die morgens um 5 Uhr ihr Vieh versorgen und das Feld bestellen mussten. Haben wir ein Recht dazu, gestresster zu sein, nur weil ständig neue Hiobsbotschaften die Runde machen?

Das gestiegene Bewusstsein verhagelt mir und vielen anderen (insbesondere Hochsensiblen) die Leichtigkeit. Dabei gibt es keine einfache Lösung für alle diese Dinge.

Minimalismus und Nachrichtendiät sind zwei Ansätze, die es erträglicher machen. Viele von uns versuchen, Plastiktüten zu meiden. Wir sind stolz auf uns, weil wir den Müll gewissenhaft trennen. Aber eine gewisse Melancholie macht sich trotzdem breit, denn wir werden die größten Probleme nicht lösen können.

„Wahrscheinlich wird erst die Generation nach uns die Umwelt retten. Wir können den Prozess nur verlangsamen“,

sagte kürzlich jemand zu mir. Wenn das kein Grund ist, um desillusioniert zu sein! Aber was ist die Alternative? Die Augen verschließen und so tun, als ob alles schön wäre?

 

Job: Über Berufseinstieg und Dann-lieber-Selbständigkeit

Als ich BWL auf Englisch studierte, merkte ich, worauf man uns in erster Linie vorbereiten wollte: auf die Arbeit bei Banken, Wirtschaftsprüfern und Unternehmensberatungen. Wir waren mit Bulimiewissen vollgepumptes Frischfleisch – größtenteils motiviert, um unsere besten Jahre im Konzern abzuleisten. Allein die Erfahrungen einiger Kommilitonen, die bereits im Studium einige Hochglanz-Praktika absolvierten, ließen mich ahnen, dass ich einen anderen Weg gehen wollte. Ich hatte schon aus verschiedenen Quellen gehört, dass man als Unternehmensberater durchschnittlich zwei Jahre durchhalten und danach verbrannt sein würde.

Also suchte ich etwas anderes und landete zufällig bei einem kleinen Startup, das sich schnell wie eine Familie anfühlte. Eine junge Familie, denn die meisten von uns kamen frisch von der Uni und aus allen möglichen Studienrichtungen. Unsere Chefs waren nicht viel älter als wir Angestellten. Wir arbeiteten viel, identifizierten uns aber auch stark mit der Firma. Wir netzwerkten wie die Weltmeister und freuten uns über die Teamevents wie Grillen, Paddeln oder Surfen. Mit 23 verließ ich das Unternehmen, um meinen Master zu machen. Trotzdem habe ich mitverfolgt, wie das Unternehmen gereift ist. Das Team misst inzwischen ca. 50 Leute und besteht aus verschiedenen Hierarchieebenen. Das war zu meiner Zeit noch unvorstellbar.

Allerdings soll sich auch das Klima gewandelt haben. Es gibt nach wie vor hochmotivierte Neulinge, aber auch viele, die gleichgültiger sind als wir damals. Es ist eben ein Job. Man möchte Urlaubs- und Weihnachtsgeld haben und nimmt nicht mehr bereitwillig an jedem Teamevent teil, wenn es nicht als Arbeitszeit gilt. Und das ist nachvollziehbar, denn das Team ist nicht mehr durchgängig Anfang 20. Mancher hat Familie, ein Haus, ein Boot und ein Schaukelpferdchen (abzuzahlen).

Lebensplanung spielt jetzt eine Rolle: Prioritäten verschieben sich, Ansprüche steigen. Uniabsolventen lassen sich noch mit einem Obstkorb für alle ködern, aber irgendwann schließen auch sie ihre Hausratversicherung und den ersten Bausparvertrag ab. Das mit der Vertrauensarbeitszeit ist ohnehin so eine Sache, wenn man regelmäßig neun oder zehn (statt der abgemachten acht) Stunden im Büro verbringt. Somit rückt der Startup-Geist unweigerlich in den Hintergrund. Parallel dazu drängt sich früher oder später der Verdacht auf, dass die Chefs auch nur Menschen sind. Sie durchlaufen ihren eigenen Desillusionierungsprozess: Anfangs wollen sie noch ein cooler Arbeitgeber sein und es besser machen als ihre bisherigen Chefs. Bis sie merken, dass sich keiner mehr um zusätzliche Arbeit prügelt, dafür aber immer mehr Forderungen gestellt werden. Niemand sagt Danke dafür, dass der Lohn jeden Monat pünktlich auf dem Konto landet. Dazu kommt die ständige Suche nach gutem Personal, denn wir wechseln heute viel schneller den Job als noch unsere Eltern oder Großeltern.

Was man nach den ersten Berufsjahren ebenfalls gelernt hat, ist: Die Arbeit wird nie weniger – auch wenn die Deadline geschafft oder das nächste Projekt abgehakt sind. Es kräht auch kein Hahn danach, wenn man sich jahrelang verausgabt und irgendwann nicht mehr kann. Man ist ersetzbar. Immer stehen neue Leute in der Schlange, um sich (zumindest für eine Weile) verbrennen zu lassen – solange das Gehalt stimmt und sie einen hübschen Passus im Lebenslauf dafür bekommen. Das kann vielleicht nicht jeder nachvollziehen, aber ich bin jedenfalls schon an meine Grenzen gestoßen und würde heute nicht mehr alles für meinen Chef tun.

Dann doch lieber selbständig sein, dachte ich mir. Ich hatte damit schon immer geliebäugelt und 2014 war der Zeitpunkt gekommen. Aber auch in Bezug auf die Selbständigkeit bin ich nicht mehr so verträumt wie mancher Gründer, der bei „Die Höhle der Löwen“ für hochkant rausfliegt. Man kann sich zwar seine Zeit frei einteilen und hat niemanden über sich, aber der Druck ist hoch: Man muss seine Brötchen verdienen, sich versichern, seine Fixkosten decken und etwas fürs Alter zurücklegen. Nicht zuletzt will man sich selbst, der Familie und Freunden beweisen, dass man es draufhat. Der Druck ist anders als in einer Anstellung, aber er ist nicht zu verachten.

Als mich mal jemand fragte:

„Bei dem schönen Wetter fährst du doch bestimmt immer an den See, oder?“,

konnte ich deshalb nur seufzen. Ich nehme mir meine Freiheiten und schätze sie sehr, aber durchweg Halligalli bringt keine Punkte.

Ich denke oft daran, wie viele durchgegrübelte Nächte hinter (und noch vor) mir liegen, wie viele Fehler ich gemacht habe und wie viele Projekte schon kläglich gescheitert sind. Trotzdem würde ich die Zeit nicht eintauschen wollen. Dafür ist die Lebensqualität zu hoch. Für sich selbst Gas zu geben, fühlt sich besser an, als es für jemand anderes zu tun.

Wäre ich gern nochmal die Berufseinsteigerin von damals? Eher nicht, denn damals bin ich oft über meine Grenzen gegangen, weil ich hochmotiviert war und gut in dem, was ich tat. Mittlerweile achte ich besser auf meinen Energiehaushalt und versuche, meinen Selbstwert nicht zu sehr von meinem Erfolg abhängig zu machen. Das ist jedoch die wohl schwerste Übung, die mich noch in zehn Jahren fordern wird.

 

Beziehungen: Über gebrannte CDs und Federnlassen

Wie naiv ich früher war! Als ich zum Beispiel das erste Mal eine Telefonnummer von jemandem zugesteckt bekam, glaubte ich, die Welt liege mir zu Füßen. Der Kandidat war damals ca. 15 Jahre älter als ich, aber ich schrieb natürlich trotzdem eine Höflichkeits-SMS, um mich zu bedanken. Ich überlegte, ob er nicht auf mich warten könne, bis der Altersunterschied zwar immer noch groß, aber nicht mehr ordinär wäre.

Ein paar Jahre später verknallte ich mich bei einem Kneipenfestival (selbstverständlich) in den Gitarristen einer Band, der ein paar Meter vor mir auf der Bühne stand. Nach der fünfminütigen Unterhaltung in der Pause glaubte ich, die Sache wäre geritzt. Wir schrieben uns ein paar E-Mails hin und her, aber irgendwann riss der E-Mail-Kontakt ab, komisch!

Es gab aber auch erfolgreiche Bemühungen, d. h. romantische, überschwängliche – rückblickend teilweise niedliche – Beziehungen. Alles war aufregend und neu. Vielleicht erinnert sich manche Ü30-erin daran, wie wir in unseren ersten Beziehungen noch Collagen für den Partner bastelten, CDs brannten und Gedichte schrieben. Ich jedenfalls verpulverte meine kreative Energie, von der ich heute gern noch mehr übrighätte. Mit dem Älterwerden wurden meine Geschenke vorhersehbarer, gewöhnlicher und materieller.

Einige Negativerfahrungen sind besonders hängen geblieben. Die Beziehungen hielten nicht immer, was ich mir erhofft hatte. Das lässt sich kaum vermeiden: Man wird das erste Mal betrogen oder verlassen – von einem Tag auf den anderen, am Telefon. Jedes Mal lässt man Federn, egal ob man der/die Verlassene ist oder selbst geht.

„Du suchst dir aber auch immer den schillerndsten Fisch raus und wunderst dich dann, dass er nicht schmeckt“,

kommentierte ein guter Freund das damalige Muster in meiner Partnerwahl. Ich versuchte daraus zu lernen und wurde unweigerlich skeptischer gegenüber dem, was mir Männer ins Ohr säuselten. Vor allem, wenn sie vergeben waren.

Mittlerweile bin ich besser darin geworden, ich selbst zu bleiben und mich nicht mehr bis zur Unkenntlichkeit anzupassen. Verschmelzung ist verlockend, aber man braucht ein Gegenüber und kein Spiegelbild in einer Beziehung.

Andere Frauen haben ganz andere Probleme: Vor lauter Arbeitsalltag funktioniert die Partnersuche nicht mehr so fluffig wie früher und beschränkt sich entweder auf den Kollegenkreis oder man muss in den sauren Online-Dating-Apfel beißen.

Dann wäre da noch die tickende Uhr. Ein paar von uns haben den Joker gezogen, denn alle drei Kriterien stimmen: Sie haben einen Kinderwunsch, die körperlichen Voraussetzungen und einen Partner an ihrer Seite, um Eltern zu werden. Sie sind es, die am Samstagmorgen ihre Kinderwagenanhänger joggend durch den Park rollern. Alle anderen haben es schwerer, wenn nämlich eine der drei Voraussetzungen nicht passt. Der Partner fehlt oder es klappt nicht oder man wird in Abwesenheit eines Kinderwunschs ständig auf seine Pläne angesprochen.

Das ist nur ein kurzer Einblick in die vielen Gründe, weshalb manche Frauen über 30 weniger unbeschwert durchs Leben gehen könnten. Ob sich Männer auch darin wiedererkennen?

 


So gesehen war die Frauen-über-30-Aussage von damals eine Vorausschau auf die Rückschau heute. Als verbittert würde ich mich nicht ansehen, aber die jugendliche Leichtigkeit, Verrücktheit und Naivität sind sicherlich verflogen. Das liegt u. a. an den Erfahrungen, die damals noch vor und heute hinter mir liegen.

Abgesehen davon läuft nun mal vieles schief in der Welt. Und wir sind endlich alt genug, um es zu begreifen. Ich kann zwar die Nachrichten meiden, doch ich weiß auch, dass weder ich noch andere unsichtbar werden, nur weil ich mir die Augen zuhalte.

Manchmal würde ich gern meinen Kopf zurücksetzen und mir die Unbeschwertheit von damals zurückwünschen. Ich kann aber auch alles in einem positiveren Licht betrachten. So sprechen viele Erkenntnisse dafür, dass man informiert ist, Verantwortung übernimmt und nicht mehr jeden Mist mitmacht. Das ist eine gute Sache. Negativerlebnisse zeugen davon, dass man sich gezeigt und riskiert hat. Was wäre die Alternative? Niemanden an sich heranlassen und den Kopf in den Sand stecken?

Vielleicht ist es auch gerade der Witz am Älterwerden, dass wir diesen Desillusionierungsprozess durchlaufen. Wir sind es, die mithelfen müssen, damit die Erde nicht noch schneller untergeht. Wir müssen vorhersehen, ob sich Kleinkinder vom Klettergerüst stürzen und das Genick brechen könnten. Wir müssen einschätzen, wie viele Überstunden unser Körper mitmacht. Wir müssen lernen, toxische Beziehungen zu erkennen und nicht ausgenutzt zu werden.

Es hat also alles einen Sinn und jede Erfahrung ist für etwas gut. So könnte das positive Fazit lauten, das Ratgeberblogs für gewöhnlich ans Ende stellen, um dem Leser ein gutes Gefühl zu geben. Ich meine es aber tatsächlich so. Passend dazu sagte kürzlich mal jemand (in etwa) zu mir:

„Lebenserfahrung ist viel attraktiver als so manche Äußerlichkeit.“

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31 Kommentare

  1. Hallo Jasmin! Ich finde deinen Artikel interessant. Ich weiß nicht mehr, wie ich mit 30 dachte. Es ist mir auch Wurscht 😉. Ich fühle mich jung und werde immer weiser. ☺️ Ich, 43, selbstständig, Mann, Kind, Hund
    Liebe Grüße von Sonja

  2. Hallo Jasmin,
    vielen Dank für den Beitrag. Ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen und vieles geht mir jetzt durch den Kopf. Ich finde mich in vielem wieder, auch wenn ich in wenigen Minuten 46 Jahre alt werde und ich nun um einiges gelassener auf die 30er Jahre zurückblicke. Mit zunehmender Erfahrung schwinden die Illusionen. Wenn ich meine Kinder sehe oder die Teenies in der Schulmensa, wo ich ab und an aushelfe, denke ich oft, dass ich gerne noch diese Illusionen hätte, diese Leichtigkeit und diese Absolutheit, mit der man noch das Leben sieht. Und doch möchte ich nicht tauschen, weil es oft auch nicht einfach ist, wenn man jung ist. Nein, man wird mit ü40 noch desillusionierter und man wünscht sich manches Mal in die 30er zurück. Andererseits ist es gut, wie es ist. Man sammelt ja auch weiterhin Erfahrungen, auch schöne und hilfreiche. Vieles haut einen nicht mehr um, man weiß, dass es weitergeht. In diesem Sinne – lieber x Jahre alt werden, als diese nicht erleben. Dir ein schönes und gutes neues Lebensjahr! Viele Grüße Silke

    • Liebe Silke,
      alles Gute zum Geburtstag und vielen Dank für deinen Kommentar. Interessant, wie sich mit 40 alles fortsetzt, was sich schon mit 30 andeutet. Aber deine positive Sicht werte ich als ein gutes Zeichen und hat für mich Vorbildcharakter. Danke und dir alles Liebe!
      Jasmin

  3. Wieder ein toller und ehrlicher Artikel in deinem unnachahmlichen, persönlichen Schreibstil, liebe Jasmin. Du hast das Feeling super eingefangen, ich musste oft schmunzeln.

    Ich fand die Jahre zwischen 30 und 40 besonders spannend, eben weil ich nicht mehr ganz so naiv an das Leben heranging und schon viele interessante Erfahrungen gemacht hatte. Die Jahre zwischen 20 und 30 waren für mich eigentlich nur das Sprungbrett ins eigentliche Leben, aber vielleicht bin ich auch nur eine Spätzünderin.

    Ich kann mich noch genau erinnern: Meine Mutter hatte an ihrem 30sten Geburtstag die Rolläden heruntergelassen und wollte niemanden sehen. Diese Altersgrenze war 1966 ein Horror für sie, fast schon der Beginn der Großmütterlichkeit. Ich bin froh, dass wir heutzutage anders damit umgehen.

    Mit zunehmendem Alter kommt bei mir immer mehr Leichtigkeit auf, ich möchte wieder mehr spielen, bin selbstbewusster, kann besser Grenzen ziehen. Außerdem weiß ich jetzt, dank deiner Artikel und deines Buches, dass ich HSP bin und kann damit besser mit den Herausforderungen des Lebens umgehen. 20 möchte ich ganz bestimmt nicht mehr sein, auch nicht 30 oder 40, denn ich finde, jedes Alter hat Vorteile.

    • Meine liebe Dagmar,
      herzlichen Dank für dein Lob und deine Worte! Das glaube ich dir alles aufs Wort, denn wenn ich mal in deinem Alter so fit, verspielt, weltoffen und abenteuerlustig bin wie du – dann passt sowieso alles! Aber krass, das mit der Großmütterlichkeit! Heute ist es ja beim Durchschnitt der Frauen noch nicht mal Mütterlichkeit soweit.
      Lass es dir gut gehn!
      Viele Grüße
      Jasmin

  4. Hallo Jasmin,

    wieder ein toller Bericht von dir. Ich bin im Club der 40jährigen angekommen vor kurzem. Wenn ich auf die Jahre zurückblicke, dann kann ich eins sagen, dass ich auf jeden Fall kein einziges Jahr nochmal durchleben möchte. Jede Entscheidung, die ich getroffen habe, war zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich notwendig, wenn auch rückblickend vielleicht nicht immer richtig. Was aber sicher ist, dass ich nicht der Mensch wäre, der ich jetzt bin, wenn ich bestimmte Entscheidungen nicht getroffen hätte. Also was wäre wenn, stellt sich einfach nicht mehr in meinem Leben.

  5. Ich komme bald im Club der 50er an, und kann nur sagen: das wird auch wieder besser. Ich bin inzwischen wesentlich gelassener als früher, die Kinder haben das Haus verlassen und ich habe meine Wohnung, meine Zeit und mein Leben wieder für mich und ich fühle mich irgendwie besser als früher. Bei vielen Dingen erkenne ich heute, dass sie total unwichtig sind, und diese „ich-kontrolliere-alles-was-ich-esse“-Geschichte habe ich zum Glück auch hinter mir. Ich brauche nur noch sehr wenig, um mich glücklich und zufrieden zu fühlen…
    Aber ich denke, jedes Alter hat so seine Vor- und Nachteile. Niemals wieder wollte ich nochmal 20 sein und trotz Unbeschwertheit die ganzen „doofen“ Erfahrungen dieser Zeit nochmal machen (diese Unsicherheit in Bezug auf mich und auf Partnerschaften etc…). Insgesamt glaube ich, dass man einfach alle diese Erfahrungen machen muss, um dann irgendwann zu erkennen, dass das alles überhaupt nicht wichtig ist… ;)

    • Danke, Ursula, für deinen Kommentar und dass du deine Erfahrungen hier teilst. Ja ich würde auch v. a. die negativen Erfahrungen nicht wiederholen wollen. Dass ich nicht viel brauche, weiß ich auch schon in Ansätzen. Deshalb zieht es mich immer wieder auf Reisen mit dem Rucksack oder zum Back-to-the-roots-Zelten.
      Alles Gute für dich und auf dass alles immer besser wird :-)
      Jasmin

  6. Liebe Jasmin,

    Ich habe seit langem nicht mehr einen so guten Artikel gelesen. Vielen Dank dafür!
    Du hast mich mit deinem Text total abgeholt, ich erkenne mich in sehr vielen Punkten wieder. Ich merke auch, dass sich die eigene Einstellung verändert. Das kommt mir manchmal pessimistisch vor, wenn man sich bei allem Unrecht auf der Welt wie Klimaerwärmung, soziale Ungerechtigkeit undundund so hilflos fühlt und es einen frustriert. Aber das zeigt mir auch, dass man sich einfach mehr mit Themen beschäftigt, die einem wichtig sind. Und das ist halt nicht immer FriedefreudeEierkuchen :) Aber auf der anderen Seite liebe ich mein Leben mit jetzt Anfang 30 und möchte keinen Tag missen. Ob die Sonne scheint, ich einem netten Hund begegne oder einfach die Zeit mit meinem Freund verbringe (eine super Reihenfolge, wie mir gerade auffällt =) Ich behalte mir die positive Sicht auf die Dinge, so gut es geht. Das Leben muss gefeiert werden!! Ich freue mich schon sehr auf deinen nächsten Artikel. Ganz liebe Grüße, Laura

    • Wow, Laura, vielen Dank für dieses Riesenkompliment. Ich fühle mich geehrt! „Hilflosigkeit“ ist ein treffender Begriff, das Gefühl kenne ich auch. Und das mit den Hunden kenne ich übrigens ebenfalls. Ich gehe selten an Hunden vorbei, ohne mit ihnen kurz „ein paar Worte zu wechseln“. Ansonsten bin ich auch sehr froh, wie gerade alles ist. Mal sehen, was ich in 10 Jahren sage.
      Vielen Dank für dein Feedback und alles Gute
      Jasmin

  7. Ich werde in zwei Monaten 40, bin also schon etwas länger über 30. Und ich kann euch sagen: Das Leben ist so, wie man es lebt, egal in welchem Alter. Man kann ich jedem Alter und sogar als Mann (!) verbittern. Das Einzige, was das Erwachsenen-Ich vom Kinder-Ich unterscheidet sind doch die Erfahrungen. Gut, dass ich jetzt ein bisschen Ahnung davon habe, wie das mit der Liebe läuft! Gut, dass ich nicht mehr so naiv und leichtgläubig bin wie mit 20! Gut, dass ich finanziell unabhängig bin! Gut, dass ich langjährige Freundschaften habe! Gut, dass ich schon so viel von der Welt gesehen habe! Gut, dass ich Bio-Lebensmittel und fair produzierte Kleidung kaufen kann! Ich fühle mich Jahr für Jahr besser, selbstbewusster und irgendwie… ausgeglichener. Ich habe keinen Grund, zu verbittern. Hey – das Leben ist ein großes Glück, eine Reise!
    Es geht nicht bergab, Leute, es geht bergauf!

    • Danke für den Kommentar, Jule. Ich finde es super, wie du nach vorn und zurückblickst. Und interessant ist, wie viele Frauen sich schon gemeldet haben, die die 30er schon hinter sich gelassen haben. Cool, dass wir uns da so austauschen und gegenseitig auf den Rücken klopfen können :-)
      Viele Grüße und auf dass es weiter bergauf geht!
      Jasmin

      • Neulich habe ich mit einem sehr guten Freund – auch Ende 30 – über das Älterwerden gesprochen. Er war sehr frustriert darüber, über den körperlichen ‚Verfall‘ vor Allem, Falten und so…
        Ich sagte ihm, dass ICH vorhabe, noch 60 weitere Jahre zu leben. Diese 60 Jahre lang würde ich NICHT mehr jung sein. Und ich wolle nicht die ganze Zeit hadern und verbittern über Dinge, die ich eh nicht ändern kann. Die Einsicht darin – in die eigene Sterblichkeit letztendlich – ist schmerzhaft. Aber wer das nicht akzeptieren kann wird zwangsläufig bitter werden. Man kann sich entscheiden, wie man leben möchte: Das Leben als großes Glück sehen, wach sein und lebensfroh, egal, was der Faltenstatus sagt – oder man kann gegen Windmühlen kämpfen.
        Mir helfen zwei Einsichten: 1. Als junger Mensch ist es auch nicht einfach. Nur weil die Haut glatt ist, heisst das nicht, dass man glücklich ist. Ich war mit Anfang 20 sehr unglücklich und würde für mein Leben nicht in diese Zeit zurück. Und äußerlich glatt aber innerlich gereift – DAS gibt es nicht. 2. Es ist egal, was die anderen denken. Man muss sich nicht an Konventionen halten, man kann auch mit 50, 60 noch surfen gehen, um Kap Horn segeln und laut lachend in der Kneipe sitzen.

        Verbitterung macht alt. Älterwerden macht nicht bitter.

        • Hallo Jule,
          danke für deinen Kommentar! Ja, da hast du ganz Recht. Ich habe kürzlich gelesen, dass zum Erwachsen-/Älterwerden dazugehört, dass man auf Dinge zurückblickt und dabei sicher auch etwas Wehmut empfindet. So ist das eben und wie du sagst – man kann damit gelassen oder verbittert umgehen. Ich hoffe, dass mir in den meisten Fällen ersteres gelingt…
          Viele Grüße
          Jasmin

  8. Darf ich als Mann auch was dazu schreiben? Nun, ich versuche es mal :-)
    Beruflich kam ich in der Vergangenheit sehr viel mit Menschen in Kontakt. Meine Beobachtung für Ursache der Verbitterung jenseits der 30/40/50 ist oftmals die Unzufriedenheit mit dem was ist, gepaart mit dem fehlenden Mut es zum Besseren zu ändern. Die Verbitterung ist die Antwort auf den wehmütigen Blick von (scheinbar) vergeudeter Lebenszeit. Das trifft übrigens nicht nur Frauen. Obschon Frauen ob der Kindererziehung (leider immer noch) auf wesentlich mehr verzichten, als Männer dies im Regelfall tun.
    es grüßt Dieter

  9. Hier haben ja bisher nur Frauen kommentiert! Das geht nicht ;)
    Auch ich als (anscheinender) Quotenmann fand den Artikel interessant. Und sicher habe ich mich hier und dort wiedererkannt. Sich für die Firma aufopfern? Den geplanten Weinachtsurlaub daheim wegen einem Termin abblasen? Kommt mir heute nicht mehr unter. Anstrengen und Einsetzen für ein gutes Team? Klar – aber nicht ohne Limit.
    Und auch für sich Sorgen muss man. Seine Kräfte einteilen – gerade wenn man vielleicht (was auf mich nicht zutrifft, aber auf genügend Bekannte) Kinder hat und zeitweilig für „eindreiviertel“ Leute arbeite muss… Und auch wenn es vermutlich nicht mehr so ausgeprägt wie früher ist, hat man dann vielleicht auch Angst zu verpassen, wie die eigenen Kinder aufwachsen.
    Aus diesen und anderen Gründen geht man auch als Mann sicher nicht mehr so unbeschwert durchs Leben. Eben mal den Job wechseln? Schwierig wenn man sich durch Familie und Haus örtlich gebunden hat. Auch gibt es jüngere Leute, die gerne noch fleißig durcharbeiten für weniger Lohn (auch wenn Erfahrung natürlich auch zählt). Aber es wird nicht einfacher… Nochmal Probezeit? Vielleicht wenn es nicht passt doch ohne Job dastehen? Und das mit einem abzuzahlendem Haus und vielleicht einem Kind und zwei Hunden? Alles kein Grund wie Glöckchen über dem Boden zu schweben…
    Aber verbittert muss man deshalb nicht sein. „Geerdet“ finde ich netter. Schließlich ist nicht alles schlecht. Im Alter hat man auch vieles erlebt – und sieht vielen (zumindest trifft das auf mich zu) entspannter. Selbst größere Päckchen die einem augeschultert werden, zwingen einen nicht mehr so zu Boden wenn es vorher schon andere Päckchen gab. Man lernt, wie man heben muss (womit ich nicht sagen möchte, dass es deshalb leicht ist).
    Zusammenfassen würde ich sagen, dass meine Person schon etwas schwerer (nicht nur körperlich) ist, aber auch entspannter. Älter werden hat gute und schlechte Seiten – und man sollte nicht immer nur die Schlechten sehen ;)

    • Hallo Torben,
      danke für deinen Beitrag als Quotenmann :-) Ja, das ist eine interessante Perspektive, danke fürs Teilen! Ich kann mir das sehr gut vorstellen, dass auch auf den Schultern der Herren der Schöpfung einiges lastet. Aber ich finde das Bild gut: Man weiß, wie man heben muss…
      Viele Grüße
      Jasmin

  10. Nach dem Lesen dieses Artikels war mir klar, dass du, liebe Jasmin, auch bei 3 x 30 Jahren noch nicht verbittert sein wirst. Du hast hier viele Lebensbereiche sehr persönlich, ausführlich und gedanklich wegweisend angesprochen.
    Dabei habe ich mir selbst die Frage gestellt, ob man als HSP je verbittert sein oder werden kann? Gewiss gibt es reichliche Momente der Enttäuschung, man ist traurig, sorgenvoll, auch mal verärgert oder wütend – das kenne ich, als introvertierter Typ mit HSP-Anteilen nur zu gut! Doch den richtig verbitterten Damen bin ich in den Reihen der Neidhammel, der ewigen Lästerer und Egoisten begegnet. Oft spielen Äußerlichkeiten und materielle Werte eine viel zu große Rolle bei Leuten, die meinen, dass sich die Sonne um sie zu drehen hat. Kommen Krankheit, Schulden und Partnerprobleme hinzu, wird es noch schwerer, diese bedauernswerten Egozentriker wieder aufzurichten.
    Du machst dir zu vielen Alltagsdingen Gedanken und versuchst dich stets in andere Menschen emotional hineinzuversetzen, wobei du auch bei dir selbst so manches hinterfragst. Ich denke, dass das ein wichtiger Schlüssel ist, um niemals verbittert zu sein!
    Ich wünsche dir noch viele angenehme, gewinnende und wissenserweiternde Erfahrungen, die dein Leben im neuen Lebensjahr bereichern werden.

    • Danke, Karin, für deine lieben Worte und den Kommentar. Ich werde mein Bestes geben, mich niemals zur Verbitterung hinreißen zu lassen. Aber natürlich gibt es Phasen, in denen mal alles doof ist und es dann „verlockend“ ist, zu meckern. Aber der Gedanke, dass die HSP-typische Empathie eine Prophylaxe gegen Verbitterung ist, finde ich interessant. Danke!
      Viele Grüße und dir auch alles Gute
      Jasmin

  11. Ein Beitrag, den ich fasziniert gelesen habe, obgleich ich eigentlich ein Vertreter des männlichen Geschlechts bin. Die Frage, ob sich Männer darin ebenfalls wiedererkennen, muss ich für mich verneinen. Männer ticken anders. Oder wie es Herbert Grönemeyer: „Wann ist der Mann ein Mann?“. Vielleicht erst mit 40? Ich denke, dass ein Mann erst ab dieser Altersgrenze anfängt, über sein bisheriges Leben nachzudenken.

    Lothar

    • Hallo Lothar,
      danke für deinen Kommentar. Ich frage mich, ob diese Ansicht repräsentativ ist? :-)
      Viele Grüße
      Jasmin

  12. Gefällt mir sehr der Artikel. Und finde mich da erstaunlich gut wieder, auch wenn ich keine Frau bin.

  13. Sehr schöner Artikel, habe mich bei fast allem wiedererkannt. Ich habe auch diesen Wehmut mit Mitte 20.. Als Kind habe ich immer geträumt, wie toll als Erwachsene alles sein würde. Ich wollte früh heiraten, Kinder bekommen und trotzdem beruflich erfolgreich sein. Stattdessen bin ich gesundheitlich angeschlagen, renne zu Ärzten&Heilpraktikern und weiß nicht mal, ob ich in dem Zustand Kinder bekommen kann/will. Einige Kilo zugenommen, dass ich wegen unansehnlicher Hochzeitsbilder gar nicht mehr heiraten möchte. Meine Eltern sind quasi getrennt und ich muss als Tochter vermitteln. Aus den vielen Familienfeiern werden langsam Beerdigungen. Ich versuche das Positive im Leben zu sehen, aber ich vermisse meine Kindheit. Da habe ich mich gefreut, dass ich im Hochsommer bis spät abends schaukeln durfte und an einem Tag 3x Eis am Stiel essen durfte. In meinem Alltag verhalte ich mich erwachsen, aber wenn keiner hinsieht, trete ich absichtlich in Pfützen und habe nun wieder mit Puzzlen angefangen.

    • Hallo Mary, wow, danke für deinen offenen Kommentar. Ich konnte ab der ersten Zeile sehr gut mitfühlen. Eine gute Portion Schmerz scheint durch deine Zeilen. Ich hoffe, du hast jemanden an deiner Seite, mit dem du ihn teilen und bewältigen kannst.
      Alles Gute für dich und viele Grüße
      Jasmin

  14. Bombastischer Text, ich kann jede Zeile mitfühlen! :) Es ist nicht einfach, um die 30 seinen Platz zu finden bzw. zu behalten und immer stark zu bleiben, vor allem wenn man alleine durchs Leben geht (die Partnersuche wird ja auch immer schwieriger je älter man wird…). Aber es geht wirklich fast allen (Single-)Mädels so, die ich momentan um mich herum habe, und wir stützen uns immerhin gegenseitig und versuchen die Desillusionierung als Chance auf neue Blickwinkel zu sehen!

    Liebe Grüße einer fast 31jährigen ;)

    • Danke, Charlie, für dieses tolle Lob :-) Das ehrt mich sehr und schön, dass du dich so mit mir solidarisierst!
      Viele Grüße und einen guten Start in die Woche
      Jasmin

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