Wofür bist du bereit zu leiden?

In einem meiner immer wiederkehrenden Tagträume sitze ich an einem warmen Sommerabend zusammen mit Freunden um ein Lagerfeuer, hole meine Gitarre hervor und spiele „Wonderwall“ von Oasis. Natürlich habe ich auch alle anderen Akustik-Klassiker im Repertoire. Ich kann sie einfach so nachspielen – kein Problem. Meine Freunde bewundern mich für meine Fähigkeiten an der Gitarre.

Bisher ist es ein Tagtraum geblieben, dabei wollte ich schon immer Gitarre spielen können. In der Grundschule nahm ich an einem Nachmittagskurs teil, bis ich aufs Gymnasium wechselte. Während des Studiums versuchte ich es noch einmal auf eigene Faust, doch auch diese Bemühungen schliefen schnell wieder ein. Zuletzt fing ich vor zwei Jahren wieder bei Null an. Damals nahm ich sogar Unterricht. Nach einigen Monaten kam jedoch eine längere Reise dazwischen, anschließend blieb die Gitarre in der Ecke stehen.

Mit meinem Instrument und mir gibt es ein Problem: Ich will Gitarre spielen können, aber ich will nicht Gitarre spielen lernen. Diese Diskrepanz betrifft nicht nur meine musikalischen Ambitionen, sondern alles, das mir und auch anderen Menschen etwas wert ist. Die meisten von uns wollen etwas erreichen, das wir noch nicht haben. Einen besseren Job, mehr Geld, einen makellosen Körper oder die perfekte Beziehung.

Mit diesen Zielen verbinden wir schöne Gefühle. Wenn wir erstmal reich, schlank und beliebt sind, können wir glücklich sein. Dass wir solche positiven Emotionen erwarten, hat allerdings keinen Einfluss darauf, was wir im Leben tatsächlich erreichen. Entscheidend ist allein, wie wir mit den Schwierigkeiten umgehen, während wir diese Ziele verfolgen. Denn alles, was für uns von Bedeutung ist, ist schwer zu bekommen.

Jeder Erfolg setzt Entbehrungen voraus

Eine erfolgreiche Karriere mit Verantwortung und einem hohen Einkommen könnte ein gutes Ziel sein, wenn dir das wichtig ist. Aber dieser Erfolg wird dich einiges kosten. Er ist verbunden mit langen Arbeitstagen, weiten Fahrtwegen, endlosen Meetings, lauten Großraumbüros, sinnlosen Aufgaben, häufigen Überstunden, nervigen Vorgesetzten, täglichem Druck, schlaflosen Nächten, schlechter Ernährung usw. Das alles sind Entbehrungen, die du für eine große Karriere in Kauf nehmen musst.

Auch die selbständige Arbeit ist nicht unbedingt besser, obwohl sie ein lohnendes Ziel sein kann. Die Schwierigkeiten werden andere sein, aber du wirst dich nicht selbständig machen ohne unzählige Kämpfe auszufechten. Du gehst Risiken ein, die mit hoher Unsicherheit verbunden sind. Du wirst nicht nur siegen, sondern mit einem Projekt auch mal scheitern. Womöglich arbeitest du noch mehr Stunden als im festen Job. Abends und an Wochenenden kannst du nicht abschalten, da die Arbeit zu deinem Leben geworden ist. In vielen Fällen gehören diese Schwierigkeiten zur Selbständigkeit dazu.

Private Erfolge gibt es ebenfalls nicht frei Haus. Die perfekte Beziehung darfst du dir wünschen, doch sie kommt nicht von allein. Für manche Menschen (wie mich) ist es ein enormer Aufwand, überhaupt einen Partner zu finden. Hast du ihn dann, musst du viel Zeit für ihn aufbringen – auch dann, wenn es dir gerade nicht passt. Du musst durch schwierige Gespräche hindurch oder Kompromisse finden. Manchmal wirst du zurückgewiesen oder musst selbst jemanden zurückweisen. Das alles und noch viel mehr gehört zum Beziehungsleben dazu.

Bei körperlichen Zielen ist es das Gleiche. Die meisten Menschen wollen gut aussehen, schlank sein, vielleicht sogar muskulös. Aber ein attraktiver Körper setzt eine disziplinierte gesunde Ernährung voraus. Das ist mehr, als viele Menschen bereit sind zu leisten. Auch mir fällt es schwer. Wer darüber hinaus noch fitter werden will, muss sich zusätzlich mit einem harten Training quälen. Das alles kostet nicht nur Disziplin und Selbstüberwindung, sondern auch viel Zeit.

Wie willst du leiden?

Der amerikanische Autor Mark Manson, der mich mit seinem Text The most important question of your life zu diesem Artikel inspirierte, fragt seine Mitmenschen ganz offen: “Wie willst du leiden?“ Denn die Frage, ob du leiden wirst, stellt sich nicht. Wenn du in deinem Leben etwas erreichen möchtest, wirst du dafür kämpfen müssen. Nur über das „Wie“ kannst du selbst entscheiden, indem du deine Ziele nicht nur nach dem gewünschten Ergebnis definierst, sondern auch nach dem Leidensweg, der zum Ziel führt.

Dass ich mir alles Lohnenswerte selbst erarbeiten muss, ist für mich keine Neuigkeit. Aber in den letzten Jahren gab es immer wieder Situationen, in denen ich mir gesagt habe: Das wäre ein schönes Ziel, aber es ist den Aufwand nicht wert. Als ich einen unserer Fitnesstrainer zum ersten Mal sah, war ich beeindruckt von seinem schlanken und muskulösen Körperbau. So wollte ich auch aussehen! Also fragte ich ihn, was er in seinen Körper investiert: Fünf bis sechs harte Trainings jede Woche und eine konsequent gesunde Ernährung. Damals habe ich dankend abgewunken, denn das war mir zu viel Aufwand. Wann immer ich nun jemanden sehe, der einen beneidenswerten Körper hat, frage ich mich, wie sehr er sich dafür quält und bin weniger neidisch.

Genauso sehe ich langsam ein, dass aus dem Gitarrespielen nichts wird. So schön das Ergebnis auch sein könnte, aber wenn ich jede Woche viele Stunden üben muss, um überhaupt einfachste Lieder spielen zu können und mir dabei noch die Fingerkuppen schmerzen, ist mir die Lagerfeuerromantik nicht mehr so wichtig. Der Aufwand für dieses Ziel ist mir zu hoch.

Dennoch gibt es Ziele, für die ich bereit bin viel zu investieren, auch wenn es schwer ist. Ich schreibe z. B. Bücher. Viele Menschen träumen davon ihre Gedanken mit der Welt zu teilen und ihr eigenes Buch in den Händen zu halten. Das Ziel wirkt lohnenswert, aber der Weg dorthin ist mit so vielen Qualen verbunden, dass die meisten Menschen dieses Ziel nie erreichen. Für mich ist der Prozess ebenfalls quälend. Der Blick auf die weiße Seite, die Selbstzweifel, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Text – aber ich komme irgendwie hindurch. Es macht mir nicht ganz so viel aus wie anderen.

Auch mit den Nachteilen der Selbständigkeit komme ich zurecht. Vor einiger Zeit schrieb ich in einem Artikel, was es bedeutet, im Internet sein eigenes Ding zu machen. Der Text könnte als Aufruf verstanden werden, sich bloß nicht (im Internet) selbständig zu machen. Das ist er zwar nicht, aber er ist eine Warnung an alle, die mit den Schwierigkeiten nicht zurechtkommen würden. Auch für mich ist es schwer, aber ich genieße Teile des Prozesses, deshalb sind die Hürden für mich überwindbar.

Außerdem bin ich bereit in gute Beziehungen zu Freunden und einer Partnerin zu investieren. Beziehungen sind nicht zwangsweise mit Leiden verbunden, aber sie verlangen einem mehr ab, als viele Menschen bereit sind zu geben. Sie kosten Zeit und Energie. Man muss sich selbst auch mal zurückstellen können, gut zuhören, Zugeständnisse machen, einen anderen mit seinen Macken akzeptieren. Das ist vielleicht nicht möglich, wenn man sich gleichzeitig für seine Karriere verausgabt oder viel Aufwand in ein wichtiges Hobby investiert.

Was ist dir wichtig genug, um dafür zu leiden?

Bei jedem Ziel, das du dir steckst, musst du nicht nur die positiven Gefühle wollen, sondern auch den Prozess akzeptieren, der zum Ziel führt. Besser noch, du solltest dem Prozess etwas abgewinnen können – auch wenn er mit Qualen verbunden ist.

Manche Menschen quälen ihren Körper gern im Fitnessstudio und holen noch das letzte bisschen Kraft aus sich heraus. Für gewöhnlich haben sie die muskulösesten Körper. Workaholics hingegen schinden sich gern im Büro und kommen im Beruf am besten voran. Andere Menschen blühen auf, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Sie sind wahrscheinlich erfolgreiche Selbständige. Wer sein eigenes Ego zurückstellt und Zeit für andere Menschen aufbringt, führt die besten Beziehungen. Das heißt nicht, dass der Prozess diesen Menschen leicht fällt. Aber sie können ihrem Kampf etwas abgewinnen und empfinden ihn als lohnend.

Wähle deshalb weise, welche Kämpfe du austrägst. Wenn du dir große Ziele steckst, frage dich nicht nur, was du erreichen möchtest, sondern wie du bereit bist zu leiden. Erst wenn du dir der Schwierigkeiten bewusst bist und den Weg trotzdem gehst, wird dein Ziel keine Tagträumerei bleiben.


Foto: Freunde am Lagerfeuer von Shutterstock

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6 Kommentare

  1. Guten Morgen,
    Ich hab den Artikel gestern Abend gelesen. Und nach ner Nacht drüber schlafen, denke ich du siehst es falsch. Bzw. Leiden ist das falsche Wort.

    Eigentlich sollte es doch heißen, Wofür bin ich bereit Arbeit und Zeit reinzustecken? Weil ich leide nicht wenn ich Spaß habe. Wenn ich keinen Spaß habe, an dem was ich mache, dann ist es nicht das richtige Ziel.

    Wenn jemand 5-6 Wochen ins Fittnesstudio geht, dann sicher nicht um dort zu leiden. Sondern weils ihm Spaß macht. Weil er sich freut, wenn seine Arbeit belohnt wird. Weil die Art und Weise wie er seinen Körper betätigt, Grenzen überwindet, Zufriedenheit bringt.

    Wenn ich Klettern gehe, obwohl ich Angst habe so hoch zu gehen. Dann bin ich stolz auf mich, mich überwunden zu haben. Und gehe wenn ich eine Strecke nicht schaffe solange ran, bis ich rankomme. Und bin glücklich.

    Das Leben ist so kurz. Zu kurz um sie mit Dingen (Job, Hobbies) zu verbringen, wo ich kein Spaß habe. Und um mal nen Schwung zu machen um einen anderen Artikel aufzugreifen.

    Ich will jetzt glücklich sein. Nicht morgen. Nicht in einem Monat, oder ein paar Jahren. Sondern jetzt 😉 Glücklich sein und Leiden? Das passt einfach nicht.

    • Hi Barbara,

      danke für deine Worte, ich habe 1:1 dasselbe gedacht, als ich den Artikel gelesen habe.

      Ich mag Patrick und seine Artikel sehr und habe ihm das auch schon öfter gesagt bzw. geschrieben. Nur in diesem Fall bin ich so wie du der Meinung, dass Leiden hier nicht das passende Wort ist. Im Prozess, der mir grundsätzlich Freude macht (z.B. Buch schreiben), kann es schon sein, dass Tage kommen, an denen ich mich überwinden muss, damit das Ding nicht gegen die Wand fährt. Nur wenn ich das Buchschreiben selbst schon mit Leiden in Verbindung bringen würde, dann würde ich es gar nicht erst anfangen.

      Liebe Grüße – natürlich auch an dich, lieber Patrick

      Mischa

  2. Hi Patrick,

    diesen Kommentar hat gerade das Universum in Auftrag gegeben 🙂

    Imaginäre Bilder repräsentieren unsere Vorstellung von einem bestimmten Gefühl, nachdem wir uns sehnen.

    Manchmal wurde die für uns perfekte Umsetzung bisher noch von keinem anderen Menschen realisiert oder wir haben es nur noch nirgendwo gesehen. Daher haben wir kein 100% zutreffendes Bild.

    Wenn du die Gitarre aus der Szene nimmst, bleibst du und die Runde von Freunden, die dir ihre Aufmerksamkeit schenken.

    Hast du es schon mal mit Geige oder Trompete probiert? Nur Spaß 🙂

    Du hast ein Hammer-Talent unglaublich nützliches Wissen verständlich, authentisch und kurzweilig zu kommunizieren.

    Was ich den Kommentaren entnehme und wenn ich von mir auf andere schließe, dann schart sich schon eine recht große Gruppe von wohlgesonnenen, freundlichen Wesen um dich, die dir aufmerksam lauscht.

    Würdest du deine Ansichten life zum Besten geben, würden sich sicher auch eine ganze Reihe Zuhörer einfinden.

    Was mir in Bezug auf gesellige Lagerfeuer-Atmosphäre noch eingefallen ist, war, dass ich es immer klasse fand in einer WG zu mit Gleichgesinnten zu wohnen. Echt schön das. Das hat so ein Indianerstamm-We-Belong-Together-Feeling.

    Vielleicht bist du die Reinkarnation eines Stammeshäuptlings und vermisst deinen Tribe 🙂

    Sunny Greetz
    Kris

  3. Danke für den Tipp mit der Avocado aufs Brot. Hab an dich gedacht. War mein Wegfliegmoment diese Woche. Patrick, ich wünsche dir sooo sehr, dass du viel mehr nach dem Lustprinzip lebst. Statt nach dem Leistungsprinzip. Ich liebe den Prozess, Bücher zu schreiben und quäle mich nicht. Sonst würde ich es einfach lassen. Aber es ist einfach meine Leidenschaft.

    Liebe Grüße, Tanja

  4. Ich verstehe den Artikel so, daß Patrick sagt, daß Erfolg nicht von alleine kommt, sondern auch Kraft braucht. Es kann sein, daß Patrik sehr leistungsorientiert ist, aber das geht für mich nicht aus diesem Artikel hervor.
    Am besten ist es, wenn Arbeit Spaß macht, und dieser Aspekt kommt im Artikel tatsächlich zu kurz. Aber auch nach einem erfüllten Orchesterwochenende bin ich total erschöpft – es kostet Kraft, und wenn ich eine falsche Haltung hatte, bekomme ich Sehnenscheidenentzündung oder Rückenschmerzen. Das nehme ich inkauf, aber andere stöhnen schon nach 2 Std. Patrick spricht diesen Aspekt an, indem er davon spricht, er könne mit gewissen Schwierigkeiten besser als mit anderen umgehen.
    Insgesamt ein toller Artikel, der mir hilft, Durststrecken zu überwinden. Danke!

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