Loslassen, als gäbe es kein Morgen

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Schon wieder ist ein Jahr um. Schon wieder ist es Zeit, den alten Kalender abzuhängen und sich beim Unterschreiben eine neue Jahreszahl anzugewöhnen. Die meisten Jahresrückblicke werden wohl negativ ausfallen und sich vor allem um Corona drehen. Klar, wir hatten uns etwas anderes ausgemalt für dieses und das kommende Jahr. Wir hatten Urlaube und Feste geplant, wir wären zu Konzerten gegangen und hätten niemals an der Sicherheit unseres Jobs und der Wirtschaft im Allgemeinen gezweifelt. Nun ist so vieles in Frage gestellt. Ganze Branchen kämpfen ums Überleben, während wir uns an tägliche Todeszahl-Meldungen gewöhnen, als seien drei vollbesetzte Boeings abgestürzt.

Eigentlich erübrigt sich damit jeder Blogbeitrag, dachte ich bisher. Welches Thema ist schon relevant vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse? Ich hätte also vermutlich einige Monate lang nichts mehr geschrieben. Doch dann schrieb mir wieder einmal eine Frau, die Healthy Habits jetzt erst entdeckt hat. Sie bat mich, bitte weiter zu bloggen, denn es ermutige sie. Also beschloss ich, mich nun doch einem Thema zu widmen, das mich schon länger beschäftigt und auch mit der Pandemie zusammenhängt: nämlich die Fähigkeit loszulassen.

Loslassen müssen wir derzeit so vieles. Im schlimmsten Fall ist es das eigene Leben oder das von Angehörigen. Wenn es besser läuft, müssen wir nur unsere Pläne von vor Corona über Bord werfen, sowie Teile unseres Alltags und so manche Freiheiten, die uns als solche nicht bewusst waren. Plötzlich ist es nicht mehr selbstverständlich, gesund zu sein, uns zu treffen, uns zu umarmen, zu Hochzeitsfeiern mit 60 Gästen zusammen zu kommen. Jetzt lassen mich Menschenansammlungen im Fernsehen zusammenzucken. Wieso trägt niemand eine Maske? Die sind doch viel zu nah beieinander!, denke ich nun auch schon, wenn ich träume.

Etwas loszulassen heißt immer, mit Veränderung klarzukommen. Das wiederum liegt uns Menschen leider gar nicht. Wir sind Gewohnheitstiere und mögen automatisierte Prozesse, über die wir nicht nachdenken müssen. Daher scheuen wir Veränderungen, denn sie bedeuten auch immer Gefahr. Wir haben es lieber gemütlich. Alles soll bitteschön bleiben, wie es ist.

Es gibt allerdings auch Menschen, die grundsätzlich offener sind für Veränderungen. Sie ziehen mutig einen Schlussstrich und fangen neu an – und das immer wieder aufs Neue. Eine solche Person gibt es in meinem Freundeskreis. Sie hat schon mehrmals die Brücken hinter sich eingerissen. Dazu gehörte mehrmals, allen Kram zu verkaufen, auf Reisen zu gehen und sich beruflich neu zu orientieren.

Ich hingegen hinke Veränderungen gefühlt immer ein paar Jahre hinterher. Das heißt, ich merke, dass eine Veränderung ansteht, brauche aber noch Monate bis Jahre, bis ich mich dazu durchringen kann. Projekte, die nicht mehr funktionieren, schleppe ich noch Jahre durch, bis ich sie schweren Herzens ausklingen lasse. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich ein Blog-Projekt zum Thema Babyausstattung über Jahre laufen ließ, obwohl es nur noch 30 Euro jährlich abwarf. Selbst eine von Anfang an hoffnungslose Seite zum Thema Klappräder schaltete ich erst nach Jahren ab. Ich habe oft ein viel zu schlechtes Gewissen, als dass ich leichtfertig ein Ende setzen kann. Lieber verdränge ich die Baustelle oder hoffe auf ein Wunder, das mir die Entscheidung abnimmt.

Berufliche Veränderungen sind aber auch schwierig. Selbst kurz vorm Burnout brauchte ich noch Monate, um die Reißleine zu ziehen. Ich wollte die Stelle nicht aufgeben, denn ich fühlte mich am richtigen Ort. Es brauchte viel Zeit, zahlreiche Gespräche sowie die eindringlichen Worte einer Therapeutin, bis ich meine Zelte letztendlich doch abbrach. Das Positive daran: Erst dadurch kam Healthy Habits zustande. Ich baute meine Selbständigkeit aus und fing mit dem Programmieren an. Ende gut, alles gut!? Trotzdem werde ich bis heute noch wehmütig, wenn ich an den einstigen Traum – oder zumindest die Vorstellung davon – denke.

Etwas loszulassen heißt auch zuzugeben, dass etwas nicht geklappt hat. Man gesteht sich also eine Niederlage ein. Zu diesem Aspekt fallen mir die verschiedenen Gitarren im Abstellraum ein. Sie warten seit Jahren vergebens darauf, ausgepackt und gestimmt zu werden. Zu Schulzeiten spielte ich sehr viel und gut. Doch mit dem Studium kam mir das Hobby abhanden. Ich wollte das Hobby mehrmals wiederbeleben, aber es gelang mir nicht. Aber die Gitarre endgültig sein lassen und alle Instrumente verkaufen? Dafür hätte ich die Tür endgültig hinter mir schließen müssen, was ich bisher nicht übers Herz gebracht habe.

Ähnliche Geschichten hätten meine Kletterschuhe, meine Inline-Skates und ein Paar neongelbe Flossen zu erzählen. Es ist unangenehm, sich einzugestehen, dass man Dinge nicht oder nicht mehr braucht. Die Endgültigkeit, der Aspekt der Verschwendung – all das ist schmerzhaft. Hat es sich überhaupt gelohnt, die Dinge jemals gekauft oder sich zum Geburtstag gewünscht zu haben? Sicher bin ich in dieser Hinsicht extrakritisch. Aber wie vielen Menschen geht es vielleicht ähnlich, die im Keller das eine oder andere Fitnessgerät horten?

Loslassen ist eben wider unserem Instinkt. Wir tendieren dazu, Dinge festzuhalten, sie zu horten und zu vermehren. Loslassen ist nicht vorgesehen. Dabei habe ich schon mehrfach Anlauf genommen, eine Zu-verschenken-Kiste aufzustellen. Healthy Habits-Kenner wissen um meine Erfahrungen beim Ausmisten, die selbst mich beim Lesen amüsieren. Ich sollte es besser wissen. Doch ein paar Meter von mir entfernt fristen leider zwei große Tüten mit aussortierten Klamotten ihr Dasein – nämlich genau da, wo ich sie vor vielen Monaten bereitgestellt habe, um sie zur Kleiderkammer zu bringen. Offensichtlich war mein Kopf seitdem stärker und hat mir dringend davon abgeraten. So schlecht sind die Sachen doch nicht!

So viele Dinge haben mehrere Ausmist-Wellen überdauert, die schon über meine Wohnung geschwappt sind. Aller Vorhaben und Anläufe zum Trotz habe ich immer noch so viel Quatsch in meinen Schubladen: CD-Rohlinge, die kein Mensch mehr braucht, Medikamentenwerbungsklebezettel von vor 15 Jahren, ein Rechenautomat, um Kaufladen zu spielen, ein Block Buntpapier, falls übermorgen jemand zum Basteln vorbeikommt und und und. Im Bad ärgert mich schon lange ein Harkur-Spray mit einem Rest von vor 4 Jahren. Es stapeln sich leere Duschbadfläschchen, die man für die nächste Reise befüllen könnte. Ganz zu schweigen von den zig Gesichtsmasken, die ich mir mit den besten Absichten gekauft habe, mir aber nie die Zeit für auch nur eine davon nehme.

Wegwerfen fällt mir eben schwer. Genauso viel Überwindung kostet es mich, Essensreste zu entsorgen – es sei denn, sie haben schon Beine und laufen weg. Aber ansonsten: egal, was übrig ist, ich kratze es zusammen, bewahre es in Dosen auf, transportiere es notdürftig durch die Gegend und wärme es später wieder auf. Einmal benutztes Plastikgeschirr? Das können wir doch nochmal nehmen! Wie, du willst das Apfelmusglas wegwerfen?!

Man kann sich dieses Verhalten schönreden und es mit Sparsamkeit, Genügsamkeit und einer Form von Loyalität in Zusammenhang bringen. Genauso gut zeugt es aber von einer Spur Verbohrtheit und einer Prise Naivität. Denn macht es die Welt wirklich besser, wenn ich gebrauchte Tiefkühlbrötchentüten als Biomüllbehälter verwende?

Ich will aber nicht zu sehr ins Thema Recycling abzudriften. Stattdessen möchte ich noch eine Geschichte des Nicht-Loslassens von zwischenmenschlichen Beziehungen erzählen. Als Studentin besuchte ich damals während der Semesterferien einen zweiwöchigen Sprachkurs in Berlin und versuchte mit ca. zehn anderen TeilnehmerInnen, mein Spanisch auf Vordermann zu bringen. Dabei lernte ich eine etwa gleichaltrige Frau kennen und wir freundeten uns an. Am Ende des Kurses war für mich klar, dass wir in Kontakt bleiben würden. Schließlich hatten wir viele zähe Stunden gemeinsam durchgestanden und das verbindet. Zudem gebot es in meinen Augen die Höflichkeit, sich nicht einfach so zu verabschieden. Ich fragte sie also nach ihrer E-Mail-Adresse (die damals modernste Form des In-Kontakt-Bleibens). Zu meinem Erstaunen reagierte die Frau darauf recht abgeklärt. Sie sagte, sie glaube nicht daran, dass man weiterhin in Kontakt bliebe. Sie habe die Erfahrung schon mehrfach gemacht. Es würde sich ohnehin verlieren. Daraufhin fühlte ich mich in meiner Ehre angekratzt und herausgefordert. Auf mich ist schließlich Verlass! Ich versicherte, ich wolle wirklich in Kontakt bleiben. Wir tauschten also unsere Adressen aus. Danach vergingen die Wochen und Monate – und natürlich haben wir uns nie wieder gehört, gelesen oder gesehen.

Inzwischen bin ich ein bisschen erwachsener geworden (siehe auch Weiblich, Ü30, verbittert?). Ich würde heute nicht mehr versuchen, mir oder der anderen Person etwas zu beweisen oder um jeden Preis zu gefallen. Aber es fällt mir immer noch schwer, jemanden loszulassen bzw. die gemeinsame Zeit loszulassen, die vorbei ist. Bei Urlaubsbekanntschaften würde es mir heute aber wahrscheinlich leichter fallen, einfach so auseinander zu gehen. Schwieriger ist es schon bei loseren Kontakten, mit denen man auf jeden Fall wieder telefonieren und sich treffen will. Irgendwie dreht sich die Welt dann doch weiter und man verliert den Anschluss, bis es irgendwann peinlich wird, den Faden überhaupt wieder aufnehmen zu wollen.

Im Podcast Hotel Matze sagte die Schauspielerin Nora Tschirner einmal, wir Menschen seien einfach nicht gut im Verabschieden. Es bringe uns schlichtweg niemand bei. Wenn Papa die Wohnung verlasse, seien Tränen beim Kind daher vollkommen angebracht. Schließlich könne es nicht wissen, ob er jemals von der Arbeit wieder nach Hause kommt. Als Erwachsene wissen wir es zwar besser, doch wir kennen auch mehr Risiken, die das tägliche Leben bereithält.

Das wiederum erinnert mich an einen Gedanken von Dale Carnegie. Er schrieb in „Sorge dich nicht – lebe!“ vor über 70 Jahren, dass Glaube und Religion einen Vorteil haben: Man vertraue auf eine höhere Macht und gebe sein Schicksal ein Stück weit ab. Nach dem Abendgebet könnten gläubige Menschen daher leichter loslassen, während andere grübeln und nicht einschlafen können. Loslassen hat also mit Urvertrauen zu tun und der Gewissheit, dass schon alles gut werden wird. Das ist allerdings keine leichte Übung in diesen Zeiten.

Lass uns einen Strich unter das Jahr 2020 machen und mit diesem Gedanken in das neue Jahr starten: Man kann nur loslassen, was man zuvor auch festgehalten hat. Und das lässt mich ans Händchenhalten denken: Lieber halte ich eine Hand richtig fest, als dass ich sie lose in meiner halte und ständig zu verlieren glaube. Halten wir also fest, was uns wichtig ist, und lassen wir allen Quatsch los, der keine Rolle spielt. Und nun schenke man uns nur noch die Gewissheit, was auf welchen Stapel gehört.

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