Push up your complaints – Ein Selbstversuch

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„Warum kann nicht einfach mal irgendwas klappen?!“

[10. März 2016] Es ist 9:30 Uhr und ich fluche das erste Mal aus vollem Herzen. Ich fliege heute nach Thailand und will einfach nur online einchecken. Es klappt natürlich nicht im ersten Anlauf. Zuerst verwechsle ich unsere Reisepassnummern, danach macht mir eine technische Störung im letzten Schritt einen Strich durch die Rechnung. Schließlich kann die SMS mit dem Boarding-Pass aus unerfindlichen Gründen angeblich nicht zugestellt werden, kommt aber dann doch an – sogar doppelt.

Ich bin leider ziemlich anfällig für sinnloses Meckern. Dabei ist mir bewusst, dass es nur Energie kostet und die Laune verdirbt. Es hat noch nie irgendeinen positiven Effekt gehabt – außer, dass ich kurzfristig Dampf ablassen konnte.

Das soll sich ändern – oder zumindest nicht länger ohne Konsequenzen bleiben. Wir möchten uns weniger beschweren. Wir kennen das Prinzip von A complaint free world, bei der man ein Armband von einem Arm auf den anderen wechselt, sobald man sich beschwert. Das soll das Bewusstsein fürs Meckern erhöhen.

Wir erhöhen den Schwierigkeitsgrad allerdings ein bisschen: Ab heute starten wir einen Selbstversuch und nennen ihn Push up your complaints. (Wir sind zwar gegen unnötige Anglizismen, aber wollen wir die Challenge wirklich „Mach jedes Mal einen Liegestütz, wenn du dich beschwerst!“ nennen?)

Die Regeln sind einfach:

Pro gedachte Beschwerde: ein Liegestütz

Pro ausgesprochene Beschwerde: zwei Liegestütze

Die Liegestütze können sofort erledigt oder über den Tag gesammelt und abends gemacht werden. Die größte Herausforderung wird für uns wahrscheinlich sein, exakt Buch zu führen und sich abends auch wirklich zu überwinden.

Ich glaube, das wird hart, aber ich bin hoch motiviert. 12:55 Uhr stehe ich bei 8 Liegestützen. Die werde ich jetzt erstmal fix abarbeiten, da ich nach 24 Stunden Anreise nach Thailand bestimmt keine keine 100 Stück mehr schaffe!

Wir werden diesen Artikel in den kommenden Wochen regelmäßig aktualisieren und unseren jeweiligen Zwischenstand mitteilen. Wie oft werde ich mich bei 36 °C auf den Boden eines Gästehauses niederlassen und hochstemmen? Und wie viele Liegestütze muss Patrick zu Hause in Leipzig absolvieren? Wenn’s dich interessiert, schau hier immer mal wieder rein. Oder mach gleich mit!


[Montag, 14. März – Patrick]
Seit fünf Tagen machen wir nun diese Challenge. Ich würde sagen, es läuft gut – so lange ich nicht Fußball oder Squash spiele. Fußball zählte noch nicht, denn das letzte Spiel fand vor dem Startschuss statt. Doch da merkte ich schon, wie schwer es ist, nicht mindestens in Flüchen zu denken, wenn mir etwas misslingt. Squash hingegen zählte. Seit Beginn der Challenge spielte ich zweimal und musste an den Abenden einige Liegestütze nachholen. Hin und wieder war mir ein „Scheiße“, „Mist“ oder Mann!!!“ rausgerutscht. Es zu unterdrücken, schien allerdings auch keine gute Lösung zu sein. Dann gelang mir (gefühlt) sogar noch weniger.

Doch abgesehen vom Sport fällt mir diese Challenge leicht. Einmal meckerte ich wegen einer E-Mail, dann wegen einer Website, die nicht funktionierte – dann meckerte ich über das Meckern. Aber als für mein Buch „Kopfsache“ eine 1-Sterne-Rezension eintrudelte, trug ich es mit Fassung.

Nach fast fünf Tagen stehe ich bei 28 Liegestützen. Das geht noch.


[Samstag, 19. März – Jasmin]

Nach meinem Meckerstart in diese Challenge kam ich in Thailand an und dachte: „Da hast du es dir leicht gemacht. Hier sind alle freundlich, die Reise klappt problemlos, es gibt herrliche Shakes und gutes Curry – worüber solltest du dich hier aufregen?! Das ist gar keine Herausforderung!

Von den (vorhersehbaren) Makeln eines Gästehauses ließ ich mich nicht in Versuchung führen. Über das Bad aufregen, weil beim Duschen alles nass wird? Das kannte ich doch schon vom letzten Jahr. Sich über das WLAN beschweren, das immer wieder verschwindet – das weniger nervig wäre, wenn es gar nicht erst vorgeben würde, dass es existiert? Auch da blieb ich ruhig und wähnte mich in Sicherheit.

Kurz darauf trat ich allerdings in einen Hundehaufen und stellte fest: mein Meckermodus funktionert noch! Ich fluchte weniger über den Haufen (der wenig für sein Dasein konnte), sondern über meine Aufgeschmissenheit in dieser Situation. Ein Taschentuch nehmen? Völlig aussichtslos! Der Haufen war so groß, dass keine zwei Packungen gereicht hätten. Zurück zur Unterkunft fahren und die Schuhe wechseln? Dann hätte alles am Roller geklebt!

Ich handelte mir einige Liegestütze ein. Aber die Moral von der Geschicht‘: Liebe ist, wenn er mit ihr aufopferungsvoll die Schuhe tauscht, sich damit zur Toilette einer Bar begibt, den Schlauch neben der Toilette nutzt und wenig später mit glänzenden Schuhen zurückkehrt. Wir nennen die Bar seitdem Poo-Bar.

Ein paar Tage später machten wir einen Ausflug in den Dschungel – zu zwölft. Jetzt weiß ich wieder, warum ich Klassenfahrten früher hasste! Da gab es z. B. den extrovertierten 49-jährigen Brasilianer, der fast durchweg über sich, sein Leben und seine Reisen erzählte. Dann waren da diese drei Drittsemestler, die ihm begeistert zuhörten und ihm die Bälle zuwarfen. Dann waren da diese drei Abiturientinnen, die ich irgendwann nur noch die Girls nannte. Sie gehören zur Generation Handy, Selfie und „Sah das jetzt wirklich gut aus oder soll ich meine Haare nochmal anders machen?!“

Ich bin wahrscheinlich einfach zu alt für diesen Girls-Kram. Mir fehlt das Verständnis für das hundertste Selfie aus dem zehnten Blickwinkel. Es ist mir peinlich, wenn sie sich über die primitiven Umstände im Dschungel lautstark aufregen. Und auch wenn das türkisblaue Wasser des Stausees „voll schön“ und „voll idyllisch und so“ war, machte ich mir ein paar mehr Gedanken über die Schattenseiten (und die Ökobilanz) dieses Paradieses. Ja, typisch hochsensibel. Die Unbeschwertheit der Girls regte mich auf.

Jedenfalls war ich abends erschöpft und freute mich auf die Matratze in unserer schwimmenden Hütte – wenn da nicht die lautstarke Unterhaltung der Girls vor der Nachbarhütte gewesen wäre. Mit zunehmender Müdigkeit bröckelte meine Geduld, bis ich mich wirklich ärgerte. Ich sammelte mindestens 20 Liegestütze an jenem Abend, schob die Erledigung aus Platzmangel aber auf den nächsten Tag auf.

Ungünstigerweise hatte ich am Vortag meine Liegestütze vergessen, weshalb sich jetzt einige Wiederholungen angesammelt haben. Heute Abend habe ich also mindestens 40 Liegestütze vor mir. Damit die Ellenbogen halbwegs eng angelegt sind (das ist gelenkschonender, sagt Bootcamp-Trainer Martin!), werde ich bald auf die Knie gehen müssen.

Ich werde berichten – vom Muskelkater, weiteren Begegnungen und Aufregern.


[Sonntag, 20. März – Patrick]

In den letzten Tagen habe ich mir nur wenige Liegestütze eingehandelt. Einmal regte ich mich im Straßenverkehr über einen Autofahrer auf, einmal über ein Software-Update auf meinem Handy, das vieles durcheinanderbrachte. Dann die üblichen Worte beim Fußball – aber sonst läuft’s. An den meisten Tagen mache ich nicht mehr als zwei bis vier Push ups.

Aber heute Abend bin ich wieder zum Squash verabredet. Da könnte noch etwas zusammenkommen.


[Sonntag, 27. März – Jasmin]

Natürlich hatte ich Muskelkater. Vierzig Liegestütze hinterlassen ihre Spuren. Ansonsten hat das Beschweren aber stark nachgelassen. Ich mache inzwischen zwischen vier und sechs Liegestütze am Tag, was für meine Verhältnisse wirklich gut ist.

Ich bin insgesamt optimistischer. Zwar bringen mich einige Verluste der letzten Tage (Bikini-Teil, Reisehandtuch, SD-Karte verloren) kurz aus dem Gleichgewicht, aber wenig später weiß ich: Das ist alles harmlos. Sich aufzuregen lohnt sich nicht.

Die allgemeine Thailand-Zufriedenheit hilft, um positiv und gelassen zu bleiben. Daher macht sich bei mir der Verdacht breit, dass die eigentliche Challenge im Alltag zu Hause beginnen wird.

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