Warum du deine Aufmerksamkeit wie Geld behandeln solltest

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Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut – wie Geld oder Gold. Auf diese Idee brachte mich David Cain von Raptitude. In seinen Augen gehen wir verschwenderisch mit unserer Aufmerksamkeit um und verschulden uns dadurch ständig. Den Original-Artikel findest du hier.

Wenn wir uns Aufmerksamkeit wie Geld oder Gold vorstellen, fällt es uns leichter sie wertzuschätzen. Diese Sichtweise kann dazu beitragen, das Leben einfacher zu machen. 

Wäre Aufmerksamkeit für uns so wertvoll wie Geld, würden wir uns nicht so leicht von Facebook & Co. ablenken lassen, öfter Nein sagen, uns nicht für Dinge verpflichten, die wir eigentlich nicht wollen, weniger Dinge gleichzeitig tun und weniger Aufgaben vor uns herschieben. Wir hätten weniger Stress im Kopf – oder in Davids Worten: mehr mentale Klarheit. Aber fangen wir von vorne an.

Regenwald, seltene Erden, Tiere – wir reden oft über Dinge, die knapp sind oder immer knapper werden. Knapp heißt teuer, das weiß ich seit meiner ersten VWL-Vorlesung. Dabei dachte ich nie darüber nach, dass auch Immaterielles ein knappes Gut sein kann.

Aufmerksamkeit als Kosten

Jeden Tag schenken wir vielen Dingen unsere Aufmerksamkeit. Du tust es in diesem Moment: Danke, dass du diesen Artikel liest!

Kreative Geschäftsidee von @mishaanouk: “Neues Startup: Gegen eine kleine Service-Gebühr lassen wir Sie in Ruhe.”

Über die Verteilung unserer Aufmerksamkeit denken wir selten bewusst nach. Es passiert schnell, automatisch, teilweise unabsichtlich. Das stört uns aber auch nicht, schließlich kostet Aufmerksamkeit nichts. Wir brauchen dazu weder Kleingeld hervorzukramen, noch die EC-Karte zu zücken oder unseren PayPal-Login zu suchen.

David Cain schreibt dazu: “Wir verschleudern unsere Aufmerksamkeit und häufen so Ausgaben an, nehmen unnötige Schulden auf und zahlen Zinsen in Form von Stress und Extra-Arbeit.”

Daher sei mentale Klarheit selten, nach der viele von uns streben: das gute Gefühl, ein To Do abzuhaken, die Wohnung auf Vordermann gebracht und keinen sinnlosen Kram im Schrank zu haben. Nicht umsonst ist Minimalismus ein großer Trend.

Ich bin ein sparsamer Mensch, doch wenn ich vor diesem Hintergrund einen Blick auf meinen Alltag werfe, komme ich mir verschwenderisch vor: Manchmal will ich die Tagesschau im Fernsehen ansehen, surfe aber parallel auf dem Tablet – von den Nachrichten bekomme ich dann nichts mit. Das ist wie eine Theaterkarte gekauft zu haben, aber dann ins Kino zu gehen.

Bin ich zu Besuch, kann ich oft nicht widerstehen zwischendurch auf mein Handy zu gucken. Es wäre das gleiche, wenn ich bei meinem Steuerberater sitze und Gameboy spiele.

Während dieser Beitrag entsteht, streue ich meine Aufmerksamkeit auf Facebook, Twitter und Instagram. Das ist wie auf der Straße – mal hier, mal da – Münzen fallen zu lassen.

Aufmerksamkeit als Schulden

In Davids Augen sind wir oft so verschwenderisch, dass wir Aufmerksamkeitsschulden aufnehmen. Auch ich tue das oft, wenn ich z. B. Lesezeichen anlege und Artikel für später abspeichere. “Jetzt nicht, aber später” will ich den Inhalten meine Aufmerksamkeit schenken. Das ist wie einen Kredit abzahlen zu müssen.

Oft lasse ich Klamotten liegen und den Müll stehen. So sammeln sich kleine und große To Dos, die ich später angehen will. Das ist wie einen Brief mit einer Rechnung ungeöffnet liegen zu lassen.

In “Getting Things Done” schreibt David Allen über open loops. Das sind Vorsätze, Wünsche und Verpflichtungen, die wir im Kopf haben: von Teller wegräumen bis Welt retten. Da wir schnell Zusagen machen und übermotivierte Vorsätzen fassen, entstehen unbewusst viele open loops, die dann in unserem Kopf rumschwirren. Als wären wir eine Bank, die den Leuten Geldgeschenke verspricht.

Das Ergebnis: Spannung und Stress

Schulden fühlen sich nie gut an. Sie belasten uns – genau wie unerledigte To Dos.

Wenn sich zu viel ansammelt, sehen wir nur noch ein Meer aus Aufgaben und Verpflichtungen vor uns. Kein Wunder, dass Prokrastination ein gängiges Problem ist.

Wenn wir Arbeit aufschieben, staut sich immer mehr auf. Sie wird unangenehmer, schwieriger, in unserem Kopf immer komplexer. Wir müssen uns irgendwann neu reindenken. Das sind die Zinsen des Kredits.

Unfertige Aufgaben sind in unserem Kopf zu allem Übel auch noch präsenter als die Dinge, die wir geschafft haben. Das nennt man Zeigarnik-Effekt. Dieser besagt, dass eine Spannung aufgebaut wird, sobald wir eine Aufgabe angehen. Schließen wir diese nicht ab, gibt es keine Gelegenheit zum Spannungsabbau. Das liegt nicht immer an uns, denn manchmal fehlt uns zur Vollendung einer Aufgabe eine Information, eine Freigabe oder eine Rückmeldung. Wenn wir allerdings prokrastinieren, sind wir für unsere Anspannung selbst verantwortlich.

Der Weg zurück zur mentalen Klarheit

Wie würde ich mit meiner Aufmerksamkeit umgehen, wenn ich sie wie Geld behandle würde?

Anders als bisher, denn ich bin sonst eher sparsam und überlege genau, was ich mir kaufe. Ich würde es jedenfalls vermeiden, meine Aufmerksamkeit aus dem Fenster zu werfen:

  • Ich würde lesen oder Radio hören, nicht beides gleichzeitig.
  • Ich würde meinen (Social-Media-) Stream aussortieren und mich so weniger in Versuchung führen.
  • Ich würde (noch) weniger Blogs und Nachrichtenseiten scannen und gezielter auswählen, was ich wirklich lesen möchte.
  • Ich würde die Dinge nacheinander – nicht gleichzeitig – tun.

Aufmerksamkeitsschulden abzahlen

Schulden fühlen sich nicht gut an, aber ich kann sie abzahlen, z. B. wenn ich mein Email-Postfach leere. Nur wer jemals eine Inbox Zero erreicht hat, kennt dieses gute Gefühl!

Meine aufgeschobenen To Dos abhaken, den Müll rausbringen, Klamotten wegräumen – all das sind Wege, um meine Schulden abzubauen. Auch wenn ich meine Lesezeichen abarbeite, zahle ich ab.

Aufmerksamkeitsschulden fallen lassen

Nicht immer muss (oder kann) ich meine Schulden abzahlen. Ich kann sie auch abstoßen, indem ich meine Vorsätze hinterfrage und aufgebe – besonders, wenn ich mir zu viel vorgenommen habe.

Meine Lesezeichen kann ich löschen. Wenn sie mich bisher nicht interessiert haben, waren sie vielleicht nicht so wichtig.

Ich kann meinen Kleiderschrank oder gleich die ganze Wohnung ausmisten. So werde ich all die unsortierten, unfertigen Dinge sowie negative Gefühle los, denn jedes Ding, das ich besitze, ist eine Beziehung, die ich habe.

Keine Schulden aufnehmen

Schulden vermeide ich, wenn ich den Abwasch sofort erledige, bevor sich Zinsen in Form von Verkrustungen ansammeln, und wenn ich keine leeren Versprechungen mache (“Wir können ja bald mal wieder was machen.”). Dafür muss ich öfter Nein sagen, auch wenn das schwierig ist.


Der Vergleich von Aufmerksamkeit mit Geld kann sehr nützlich für dich und deine Mitmenschen sein. Mach dir doch mal bewusst, wie viel dir die Dinge in deinem Leben wert sind: Wie viel Aufmerksamkeit investierst du in deinen Partner? Was gibst du für deine Gesundheit aus? Investierst du in dein soziales Umfeld? Wen hast du schon abgeschrieben? Anschließend wirst du deine Aufmerksamkeit vielleicht neu verteilen.

Foto: Mann beim Multitasking mit Laptop von Shutterstock

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11 Kommentare

  1. Hallo Jasmin,
    das ist eine sehr interessante Sichtweise der Aufmerksamkeit, die mich zum Nachdenken bringt. Verkaufe ich sie doch meist deutlich unter Wert, sprich: ich sage nicht oft genug Nein und richte sie auf zu viele Dinge gleichzeitig. Genau das schafft bei mir auch mentalen Stress, der spürbar ist.
    Durch die Vorstellung, sie gegen Geld aufzuwerten, bekommt sie einen messbaren und realistischen Bezug für mich, der deutlich einfacher einzuordnen ist. Danke für diesen aufschlussreichen Artikel.
    Gruss, Kiki

    • Danke, Kiki! Freut mich sehr, dass der Artikel dich zum Nachdenken bringt. Ich war mir nicht sicher, ob die Gedankengänge zu abstrakt sind…
      LG Jasmin

  2. Ich habe etliche blogs in meinem feedly und vieles was da reinkommt interessiert mich nicht, aber deine Beiträge lese ich immer. Ich werde gleich mal meinen feedly ausmisten :-)
    DANKE

  3. Ich kann mich Marko da nur anschließen und werde gleich mal meine Pocket-Einträge ausmisten. Außerdem werde ich den ein oder anderen Feed kicke , euren aber definitiv nicht. ;-)

  4. Hallo Jasmin, ich finde es eine sehr interessante Betrachtungsweise, die gewiss nicht 1:1 umsetzbar, aber dennoch in Teilen nach und nach vielen Stress mindern könnte. Zumindest, den „selbstgemachten“!
    In diesem Zusammenhang muss ich dir ein Kompliment machen: ich freue mich, dass unser beider Aufmerksamkeit aneinandergeraten durfte :-) finde es schön, Neues zu erfahren, durch dich!

    • Oooohr, Anne :-) Danke dir! Du trägst auch dazu bei, meine Gedanken immer wieder anzuschubsen, sodass neue Beiträge entstehen. Schön, dich dabeizuhaben und von dir immer wieder wohltuendes Feedback zu bekommen!

  5. Hallo Jasmin,

    seit einigen Tagen denke ich genau darüber nach. Irgendwie bin ich viel gestresster als sonst. Dieser Beitrag hat mich sehr getroffen, da er mein aktuelles Problem auf den Punkt bringt: Viel zu viel zu wollen und viel zu wenig dafür zu tun. Ich nehme im Moment Schulden ohne Ende auf, aber ich kann sie gar nicht alle zurückbezahlen. Also an mich selbst quasi. Das muss ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen. Wahrscheinlich fliegt heute Abend wirklich einiges an Dingen raus, was mich weniger interessiert.

    Gruß,
    Ben

  6. Danke für diesen Beitrag! Er trifft besonders am Ende den Nagel auf den Kopf.
    Ich möchte zweierlei ergänzen: a) Arbeitstypen b) Mut zur Lücke
    a) es gibt verschiedene Arbeitstypen. Die einen ziehen ein Projekt durch, dafür gibt es dann halt mal kein Mittagessen. Solche Typen schaffen es nicht, regelmäßige Dinge zu tun: Vokabellernen, Instrumentüben, Blumengießen, Schuheputzen (alles, was aufgeschoben werden kann, ohne daß es unhygienisch wird). Anderen arbeiten lieber täglich in kleinen Schritten und kommen auch zum Ziel. Wiederum andere machen alles gleichzeitig. Sie konzentrieren sich immer auf das, was gerade vor ihnen liegt. Wenn sie nach einer Ablenkung (nur kurz zwischengeschoben) wieder zur ersten Arbeit zurückkehren, ist das auch in Ordnung. Ich bin der Meinung, daß man seinen Arbeitstyp nicht grundlegend ändern kann, sondern akzeptieren und verstehen muß, wie man tickt.
    Projekte sind in meinen Augen alle Dinge, die man gerne erledigen möchte, aber die man eben auch gut lassen kann. Bezogen auf die Aufmerksamkeit heißt es, daß man solche Projekte trotzdem nur erledigt, wenn man sich auf sie konzentriert, egal ob nun mit Tunnenblick (Projektarbeiter), Routine oder Multitasking (was bekanntermaßen ein schnelles Umschalten bedeutet). Für alle gilt, daß sie nur erfolgreich sind, wenn sie das Projekt wirklich erledigen wollen. Außenstehenden wird immer etwas einfallen, was man falsch macht, weil man „so nicht“ arbeiten sollte. Deshalb möchte ich allen zusprechen, ihren Arbeitstyp herauszufinden und so zu akzeptieren, auch wenn es für Außenstehende dann vielleicht so aussieht, als ob man vielleicht unaufmerksam / unkonzentriert arbeitet.
    b) Der Alltag besteht aus 1000 Ablenkungen. Auch ohne „soziale Netzwerke“ (die ich nicht für „sozial“ halte – jeder kennt den Unterschied zwischen einem facebook-Freund und einem echten Freund), ohne Werbung und ohne ständige Erreichbarkeit gibt es sie: kreative Ideen, Freundschaften, Alltagsgeschäfte, Gesundheit… Wer nicht kritisch auswählt, kommt sein ganzes Leben zu spät und hetzt hinter seinen Ideen hinterher. Manche scheitern dann auch noch an der Unvollkommenheit der Welt – immer wieder treten Hindernisse auf, daß noch nicht mal das klappt, worum man sich bemüht hat. Wer also zu viele „Schulden“ aufbaut, wie Du es nennst, (Scheitern und Nichterledigen), wird unglücklich. Neben dem Aspekt, klug auszuwählen, muß man deshalb lernen, sich mit diesem Scheitern abzufinden – Mut zur Lücke! Es ist menschlich, daß vieles nicht klappt. Wieviele Freundinnen entschuldigen sich bei mir, daß sie sich zu lange nicht gemeldet haben… doch es wäre unrealistisch, öftere Meldungen einzufordern. Auswahlkriterien wie Qualität statt Quantität helfen, doch ich möchte Dich ermutigen, auch Dinge, Du nicht gründlich getan hast, zu würdigen: Wenn Du einen Artikel lesen möchtest, aber Dir die Zeit fehlt: Lies ihn quer und vertraue darauf, daß Du genug mitnimmst, was Du Dir beim Radfahren durch den Kopf gehenlassen kannst – völlig ok! Man muß nicht immer alles zu 100% oder gar nicht erledigen, sondern akzeptieren, daß halb-unwichtige Dinge eben auch mit wenig Aufmerksamkeit erledigt werden dürfen. Dein Wettbewerbstierchen verzweifelt auch daran, daß es alles in sehr hoher Qualität machen möchte – ein unbestritten sehr schöner Anspruch. Ich möchte Dir zusprechen, daß es völlig in Ordnung ist, einer Sache von vornherein wenig Aufmerksamkeit zuzuteilen und nur halb zu erledigen: Das ist dann immer noch mehr als gar nicht. Mut zur Lücke!
    (Und für die Multitasking-Arbeitstypen: Man darf außerdem sehr wohl viele Sachen gleichzeitig machen, solange man weiß, welchen Aufmerksamkeits-Stellenwert sie haben. Keine Angst vor Gleichzeitigkeit, denn sie ist nicht das Maß der Aufmerksamkeit.)
    Nur vor Zerstreuung und Ablenkung sollte man sich hüten.

    • Danke für das gute Zureden, Viola :-) Es stimmt – Querlesen reicht natürlich oft, aber ich ertappe mich dabei, wie es mir zunehmend schwerfällt, dann auch mal wieder auf vollen Konzentration mit 100% Aufmerksamkeit umzuschalten. Wenn das dann gar nicht mehr geht, ist das ja auch blöd! Aber ich kann dir nur zustimmen, auch dem, was du übers Scheitern sagst. Das Wettbewerbstierchen in mir mag das tatsächlich nicht, muss sich aber damit abfinden, denn je mehr wir ausprobieren, desto öfter klappt auch mal etwas nicht. Lieber probiere ich künftig weiter vieles aus, als aus Vorsicht nichts zu wagen!

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