Aufräumen und Wegwerfen beginnt im Kopf

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Schon länger habe ich das Gefühl, Ballast abwerfen zu müssen. Zwar bin ich kein Shopping-Fan, habe aber auch noch nie bzw. selten etwas weggeworfen und daher inzwischen recht viel angesammelt: leere Verpackungen, alte Uni-Mitschriften, Visitenkarten, Hinstellerchen, kaputte Kameras, geschenkter Schnickschnack. „Das kann man doch nicht wegwerfen!“ So habe ich bisher gedacht und deshalb den Mammutanteil meiner Besitztümer bei jedem Umzug mitgenommen, platzsparend verstaut und gelegentlich abgestaubt – aber schon lange nicht mehr (oder noch nie) verwendet.  Demgegenüber kann ich die Dinge an zwei Händen abzählen, die ich täglich brauche und wirklich wertschätze.

Den Anstoß zum Ausmisten gibt mir das Buch „Magic Cleaning“ von Marie Kondo, das mir Patrick zum Geburtstag geschenkt hat. Ihre Prinzipien kennst du bereits aus dem Artikel „Jedes Ding, das du besitzt, ist eine Beziehung, die du hast„, den ich vor einer Weile übersetzt habe. Das Ziel der KonMari-Philosophie ist, ein aufgeräumteres Leben zu führen. Und das geht nur mit mehr Ordnung – in der Wohnung und im Kopf.

Der Clue dabei ist nicht, alles immer cleverer und platzsparender zu ordnen, sondern zu reduzieren. Ich soll alles wegwerfen, was mich nicht glücklich macht. Das hört sich für mich erst einmal schwierig bis unmöglich an. Schon bei dem Gedanken an die bevorstehenden Entscheidungen regen sich in mir zahlreiche Widerstände: Du kannst es bestimmt irgendwann nochmal gebrauchen!, Geschenke kann man doch nicht wegwerfen! und Vielleicht passt es ja irgendwann wieder!

Level 1: Mein Bücherregal

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Bereits nach ca. 30 Seiten des Buches juckt es mir trotz aller Zweifel in den Fingern. Ich schiebe die moralischen Bedenken zur Seite und knöpfe mir mein Bücherregal vor. Schon länger platzt es aus allen Nähten. Das Aussortieren scheint mir hier am leichtesten zu sein. Ich gehe zunächst wie empfohlen vor und nehme jedes Buch einzeln in die Hand. Nur so könne ich die Antwort auf die einzig wahre Frage spüren: Macht es mich glücklich?

Die Entscheidung fällt mir relativ leicht, u. a. bei den ca. 25 Büchern, die ich Patrick vor ein paar Monaten in überoptimistischer Naivität abgenommen habe. Die meisten interessieren mich mittlerweile nicht mehr. Außerdem fühlt es sich blöd an, so eine lange Leseliste abarbeiten zu müssen.

Die Koch-, Jugend- und Lehrbücher in meinem Regal machen mich ebenfalls nicht glücklich. Das spüre ich schon von Weitem. Ein paar Mal muss ich lächeln, als ich mich an den Kauf einiger Bücher zurückerinnere. Dass ich ernsthaft geglaubt hatte, ich könnte mich autodidaktisch in die traditionelle chinesische Medizin einarbeiten oder mich mit Zitaten aus einem Gelassenheitsbüchlein beruhigen!

Ich werde sentimental bei dem Gedanken daran, wie mich manche Bücher vor vielen Jahren begleitet haben. Wie oft ich sie zur Hand nahm und von Wohnung zu Wohnung schleppte. Ich danke schließlich der Fatburner-Workout-DVD und dem Bauch-Beine-Po-Übungsbuch für ihre Dienste und lege sie zu den anderen in eine Kiste.

Ich lasse mich zunehmend von Marie Kondos Vorgehensweise abbringen und nehme nach einer Weile nicht mehr alle Bücher heraus, sondern beurteile sie aus einem Meter Entfernung. Insgesamt übergebe ich vier Kisten an einen armen DHL-Mann, der sie zu Momox befördern wird, und freue mich über die rund 80 Euro mehr auf meinem Konto. Nach KonMari hätte ich sie wegwerfen sollen, was mir aber doch irgendwie herzlos vorgekommen war.

Gleichzeitig erkenne ich das Problem in meiner Vorgehensweise: Immer noch stehen Bücher in meinem Regal, die mich nicht glücklich machen. Momox kauft sie aber leider nicht an, z. B. weil sie eine Widmung enthalten oder weil das Angebot auf dem Gebrauchtmarkt die Nachfrage schon übersteigt. Eigentlich müsste ich sie bei Ebay verkaufen, aber aus Zeit- und Lustmangel vertage ich das auf später. Einige Bücher lege ich in eine Zu-verschenken-Kiste, die ich irgendwann auf die Straße stellen will.

Die vor Last durchgebogenen Regalbretter atmen auf. „Für den Anfang ganz gut“, denke ich und lese erst einmal weiter.

Level 2: Mein Kleiderschrank

Ein paar Tage später widme ich mich meinem Kleiderschrank. In diesem Bereich sei das Ausmisten am leichtesten, schreibt Marie Kondo. Man spüre meistens sehr schnell, was zu tun sei. Daher hätte ich eigentlich damit anfangen sollen, aber wenigstens habe ich nun schon etwas Übung.

Der Inhalt meines Kleiderschranks ist überschaubar, denn ich kaufe seit Jahren nur noch ungern Klamotten. Die jeweils aktuelle Mode scheint mir für alle anderen Frauen – nur nicht für mich – gemacht. Außerdem erschöpft mich schon der Gedanke daran, mich in Kaufhäusern durch das Überangebot wühlen zu müssen.

Kurz darauf liegt alles vor mir und lässt mich über die Menge staunen: ein paar Lieblingssachen, Klamotten, die ich tagtäglich trage, viele Teile, die ich aus verschiedenen Gründen kaum anhabe, ein paar Fehlkäufe, Klamotten, die nicht mehr passen, überlassene Strumpfhosen von meiner Oma (danke, aber Größe 46 trage ich nun wirklich nicht!), Trikots und Knieschoner aus längst vergangenen Volleyballzeiten, zweimal getragene Neoprenschuhe, acht Bikinis uvm.

Beim Aussortieren beeile ich mich, um nicht zu viel nachzudenken und Zweifel aufkommen zu lassen. Dann lege ich das Trikot mit meinem Namen aber doch zurück in den Schrank. Es zählt zur Kategorie Erinnerungsstücke, die Marie Kondo aufgrund des hohen Schwierigkeitsgrades stets ans Ende des Ausmistens stellt.

Da auch Taschen und Schuhe zur Kategorie Kleidung zählen, nehme ich sie mir ebenfalls vor. Ich finde Umhängetaschen aus Schulzeiten, Digicamhüllen für Digicams von vor 15 Jahren, kostenlose Kosmetiktäschchen, Schuhe, die reiben und deshalb schon länger arbeitslos im Schuhordnungssystem hängen.

Mit der Zeit gewinne ich an Mut und der Wegwerfhaufen an Höhe. Die meisten Dinge sind wirklich alt und untragbar bzw. unbrauchbar. Daher scheint mir die Mülltonne der einzige richtige Weg zu sein. Nach ein paar Stunden werfe ich mehrere Weihnachtsmann-würdige Säcke weg und fühle mich irgendwie leichter.

Level 3: Unterlagen und Schnickschnack

Als nächstes schaue ich mich mit meinen KonMari-Augen im Arbeitszimmer um. Ich nehme mir den Rollcontainer vor, in dem sich alles mögliche befindet: u. a. kaputte Kopfhörer, Geodreiecke, Tintenpatronen, ca. zweitausend Stifte, ein Tischrechner mit vier Papierrollen zum Einspannen, Spitzer, zwanzig USB-Sticks, Schmierpapier, Batterien ungewissen Ladezustands und gefühlt einhundert Notizblöcke und Klebezettel.

All diese Dinge haben mich von Umzug zu Umzug begleitet. Immer wieder haben sie einen Platz in meinen Schubladen gefunden, ohne dass ich es jemals in Frage gestellt hätte. Jetzt frage ich mich, was mich geritten hat. Wie konnte ich all den Schnickschnack so lange aufbewahren, ohne zu merken, dass er mich kein bisschen glücklicher macht?

Es muss wohl daran liegen, dass ich mich nie getraut habe etwas wegzuwerfen. Schließlich wurde mir beigebracht Dinge wertzuschätzen und sie gut zu behandeln. Das ist wahrscheinlich auch ein guter Zug, so grundsätzlich. Doch als ich mein rieselndes Herbarium und zerknittertes, aber unbeschriebenes Millimeterpapier in den Händen halte, erinnere ich mich an meine Mission und eröffne eine neue Müllkiste. In den nächsten Stunden wandern abgelaufene Gutscheinkarten, Ersatzknöpfe, Muscheln, Magneten, Bastelsachen von vor 15 Jahren, Ausmalhilfen von vor 20 Jahren uvm. dort hinein.

Oft denke ich an meine Zu-verschenken-Kiste, die schon sehr voll ist und darauf wartet, dass ich sie der Öffentlichkeit präsentiere. Doch ich erinnere mich auch an Marie Kondos Rat, niemanden mit seinem Müll zu belasten. Gerade Eltern hätten einen natürlichen das-heben-wir-noch-auf-Reflex, der jedoch nur dazu führe, dass sich der Kram in ihren vier Wänden sammele. Daher lege ich nur ein paar Gegenstände in die Kiste, die noch so gut wie neu und unbenutzt sind.

Level 4: Erinnerungsstücke

Marie Kondo hat Recht: Die meisten Utensilien, die mit mir unter einem Dach wohnen, haben wenig bis nichts mehr mit mir zu tun. Sie stammen aus einer anderen Zeit oder haben ausgedient. Einige bereiten mir sogar negative Gedanken, denn sie erinnern mich an aufgeschobene Projekte (z. B. ungelesene Bücher) oder sind das Produkt längst vergangener Ambitionen (englische Sprichwörter mit einem Übungsheft auffrischen bzw. einen Tanzkurs per DVD machen). Wiederum andere Gegenstände wecken aus anderen Gründen ein schlechtes Gewissen in mir: Es sind Geschenke und Erinnerungsstücke.

Dies ist ein besonders schwieriges Thema und stellt gleichzeitig einen überraschend großen Anteil an den Dingen, die ich ausmisten muss. Viele Geschenke oder Mitbringsel habe ich noch nie oder seit vielen Jahren nicht benutzt. Da wären z. B. diverse Lip-Gloss-Stifte, die nach all den Jahren in einem Kosmetiktäschchen wahrscheinlich ohnehin nicht mehr brauchbar sind, oder überlassene Oberteile, die mir weder passen noch stehen. Und was fange ich mit Espressotassen an, wenn ich keinen Espresso mag und auch keine Maschine dafür habe?

Ich erinnere mich an frühere Gedanken, sie weiterzugeben. Doch damals kam mir mein Kopf in die Quere, denn er ist kreativ darin, mich vom Ausmisten abzuhalten. Er klammert sich auch an Dinge, wenn ich zu ihnen längst keinen Bezug mehr habe, sie nie wieder brauchen werde und nicht einmal gern an sie zurückdenke. Er gibt mir zu bedenken, dass ich in zehn Jahren vielleicht doch nochmal eine Fisch-Vorlege-Gabel gebrauchen oder einen Garantieschein vor Gericht vorweisen können müsse.

Marie Kondo schreibt über Erinnerungsstücke und Geschenke, dass wir uns oft fälschlicherweise auf das vergangene, statt auf das heutige, Ich konzentrieren. Wichtiger sei, wer wir heute sind und wie wir leben wollen. Die Kiste mit Erinnerungsstücken an Verflossene, alte Tagebücher und Fotos haben mehr damit zu tun, wer wir einmal waren. Wenn wir sie schon ewig nicht mehr hervorgeholt und mit positiven Gefühlen betrachtet haben, werden wir es wahrscheinlich nie mehr tun.

Während ich eindeutige Stücke in die Zu-verschenken-Kiste bzw. in den Müll tue, werden meine Zweifel langsam immer stärker. Das Ausmisten der Erinnerungsstücke strengt mich mehr an, als es bei den anderen Kategorien der Fall war. Einige Dinge machen mich traurig, doch gerade deshalb beschließe ich sie loszulassen. Tagebücher, Fotos und andere neutrale Erinnerungen lasse ich vorerst dort, wo sie sind. Vielleicht brauche ich noch eine Weile, bis ich weiß, was zu tun ist.

Das Wagnis: Die Zu-verschenken-Kiste

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Ungefähr drei Wochen hat die Zu-verschenken-Bananenkiste in der Abstellkammer gewartet – u. a. darauf, dass das Wetter und ich gut drauf sind, denn immer wieder bin ich ins Zweifeln gekommen. Ich habe befürchtet, dass ein Tornado aufzieht und meine Sachen vernichtet. Dass ich zu voreilig handle und meine Aktion bereue. Dass ich doch eine Telefonliste hätte anlegen sollen, um alle Bekannten und Verwandten ersten und zweiten Grades zu fragen, ob sie etwas aus der Kiste brauchen. Und ich habe Angst, dass niemand meinen Kram mitnehmen wird.

Irgendwann ist die Entscheidung unausweichlich: Müll oder Straße. Schweren Herzens stelle ich die erste Zu-verschenken-Kiste in meinem Leben an einem heiteren Sonntag auf den Fußweg und vergewissere mich, dass die Dinge darin weder mir noch anderen Freunden oder Familienmitgliedern etwas nützen.

Irgendwie will ich es auch wissen, ob an einem ganz normalen Sonntag jemand vorbeikommen und meine Dinge adoptieren wird. Ein letzter Widerstand regt sich in mir, als ich Rezeptehefte, Stifte, Federmäppchen, Kettenanhänger und anderen Schnickschnack in der Kiste sehe. Ich erinnere mich nochmals daran, dass ich die Anhänger seit vielen Jahren nicht getragen habe, sie eigentlich schon vergessen hatte, und das 30-cm-Lineal sowie die NIVEA-Dose lange genug Platz im Schubfach blockiert haben.

„All diese Dinge machen mich nicht glücklich und es ist legitim sie zu verschenken„, spreche ich in meinem Inneren mantramäßig vor mich hin. Es wird keinen Unterschied machen, ob ich die Gegenstände weiterhin horte oder nicht. Mit einem „Zu verschenken. Schönen Sonntag!“-Zettel versuche ich love zu spreaden und hoffe das Beste.


Nach ein paar Stunden gehe ich zögerlich an meiner Kiste vorbei in der Erwartung, sie unberührt vorzufinden. Doch ich bin überrascht, als schon ein paar Rezeptebücher, die Klamotten und einige andere Dinge verschwunden sind.

Als ich abends wiederkomme, sehe ich gerade noch einen Mann mit einem Fahrrad von dannen ziehen. Er bugsiert vollgepackte Tüten am Lenker und auf dem Gepäckträger vorwärts und wirkt ein bisschen Messi-mäßig auf mich. Sofort regt sich mein Weltschmerz, schließlich wollte ich mit meiner Aktion nicht für (noch mehr) Chaos bei einem anderen Menschen sorgen. „Ob er es nicht trotzdem gebrauchen kann, wissen wir ja nicht :-)“, schreibt mir Patrick per Whatsapp zu meinen Befürchtungen.

Ein paar verbliebene Gegenstände schauen aus der Kiste zu meinen Füßen mit großen Augen zu mir auf. Ein Ingwertee aus Indonesien (sorry, Patrick!), ein Cocktail-Rezeptebüchlein und ein Anhänger haben es nicht geschafft. Ich schwanke zwischen einem mütterlichen Kommt-her-ich-nehm-euch-zu-mir-Reflex und dem Gang zur Mülltonne. Als ich den Deckel schon hochgeklappt habe und mir der übliche Geruch entgegenschlägt, komme ich mir grausam vor. Ich lasse von meinem Plan ab, den Deckel wieder fallen und stelle die Bananenkiste kurz darauf wieder in meiner Wohnung ab.

Ich gewähre den Dingen noch eine Weile Asyl. Zumindest bis zur nächsten Kiste.

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Artikelfoto: Kleiderschrank und Ausmisten von Shutterstock

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