Genügsamkeit – eine Gewohnheit ohne Lobby

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Manche Themen haben schlichtweg keine Lobby, wie z. B. Genügsamkeit. Wie altbacken das schon klingt. Wenn Gewohnheiten wie Kinder zur Schule gingen, wäre Genügsamkeit wahrscheinlich ein Mobbing-Opfer. Sie würde auf dem Pausenhof im Abseits stehen und beim Schulsport zuletzt gewählt werden. Die coolen Gewohnheiten hingegen, wie Sport und gesunde Ernährung, wären die Stars in jeder AG – alle würden über sie reden und so sein wollen wie sie.

Genügsamkeit hat kaum UnterstützerInnen. Sie kann schon deshalb keine große Lobby hinter sich haben, weil unsere Wirtschaft überwiegend davon lebt, dass wir stetig konsumieren und mehr von allem wollen. Zudem ist Genügsamkeit abstrakt. Man kann diese Einstellung nicht so leicht in wenige Zeilen pressen oder in einzelne Schritte zerhacken und zu Geld machen, wie z. B. im Falle von Rezepten oder Anti-Zucker-Kursen.

Immerhin machen JournalistInnen Genügsamkeit ab und an zum Thema. Dann berichten sie meist über Extremfälle, denn die sind spannend und gut zu verkaufen. Man befragt beispielsweise Reisende ohne Budget, Menschen ohne Klamotten, Geld und Möbel oder Minimalismus-Blogger, die ihr Thema ins Extreme treiben. Der US-Amerikaner James Altucher verkaufte all seinen Besitz und wohnte zeitweise nur noch in AirBnB-Unterkünften. Solche Ansätze mögen inspirieren; mich schrecken sie jedoch ab, weil sie so wenig alltagstauglich sind.

Mir geht es nicht um Extreme, sondern um eine unaufgeregte Herangehensweise. Genügsamkeit muss sich nicht wie Verzicht anfühlen. Vielmehr meine ich eine Zufriedenheit mit dem, was man hat, denn das ist in meinen Augen genau so gesund wie Bewegung und frische Luft. Schließlich macht es frei, nicht ständig mehr zu wollen.Wenn ich dir von meiner Hardware erzähle, wird dieser Punkt deutlich.

Mein Hardware-Dreamteam

Meine Hardware sieht nicht danach aus, als würde ich ausschließlich am Computer und online arbeiten. Mein Laptop hält mir beispielsweise seit meiner Bachelorarbeit, also 2009, die Treue. Der Akku funktioniert schon lange nicht mehr, weshalb an dessen Stelle eine Lücke im Gehäuse klafft. Dank einer neuen SSD-Festplatte funktioniert das Gerät aber ansonsten gut. Nichts geht besonders schnell, aber daran habe ich mich gewöhnt. Dazu verwende ich eine Computer-Maus – selbstverständlich mit Kabel. Sie ist mindestens 20 Jahre alt. Zeitweise lungerte sie arbeitslos in der Schublade meines Elternhauses herum, bis ich sie vor einigen Jahren adoptierte.

Bis vor Kurzem komplettierte ein iPhone 4 mein Hardware-Dreamteam. Ich hatte es 2011 gebraucht von einem Freund abgekauft und mich bisher eisern daran geklammert, obwohl ich zuletzt kaum noch Apps installieren konnte. Selbst ältere App-Versionen verweigerten den Dienst auf dem iPhone. Willkürliche Abstürze wurden zur Regel, doch ich nahm sie in Kauf. Ich hatte immer wieder Berge von Elektroschrott vor Augen. Dort sollte mein iPhone nicht landen.

Schließlich war in meiner Familie ein iPhone 6 übrig. Es war älter als alle anderen kursierenden Geräte und wäre in einer Schublade gelandet. Ich ahnte, dass die Zeit gekommen war, und freute mich über das unerwartete Geschenk. Trotzdem schob ich etwas widerwillig meine SIM-Karte in das neue Smartphone. Ich wäre mit meinem alten bestimmt noch eine Weile ausgekommen. Das wartet nun seitdem im Schrank auf eventuelle Notfall-Einsätze.

Vielleicht bin ich heute schon so technikverdrossen wie andere Menschen erst im höheren Alter. Aber in anderen Bereichen habe ich genauso wenig Lust auf Shopping. Klamotten zu kaufen hat sich mittlerweile zu einem Reizthema entwickelt, das ich monatelang vor mir herschiebe. Ich habe keine Lust auf Schnäppchenjagen und -sammeln, auf den Konsumwahnsinn in der Innenstadt. Online-Shopping fällt mir wegen des Überangebots und meiner Entscheidungsträgheit nur bedingt leichter.

Also hege und pflege ich meine Sachen so lange wie möglich. Seit Jahren trage ich das gleiche Kleid auf Hochzeiten, bei denen ich zu Gast bin, und hoffe natürlich insgeheim, dass es niemandem auffällt. Besagtes Kleid habe ich nicht einmal selbst gekauft, sondern von meiner Mutter übernommen. Aber es funktioniert – genauso wie Teile meiner Sport- und Outdoorbekleidung, die ich seit 15 Jahren und länger verwende. Wahrscheinlich bin ich hoffnungslos altmodisch, jedoch widerstrebt mir der Gedanke, irgendwelchen Trends folgen zu müssen. Vielmehr bin ich stolz darauf, wie lange ich manches schon besitze. Seit meinem 18. Geburtstag trage ich den gleichen Rucksack durch die Gegend. Meine Wanderschuhe sind ungefähr gleich alt.

Größer, besser, teurer

Für mich ist es nicht erstrebenswert, ständig etwas Neues, Besseres oder Größeres zu haben. Ständig heißt dabei für mich: alle paar Jahre. Andere Menschen würden diese Zeitspanne kürzer sehen. Sie finden es normal, sich jedes Jahr neue Schuhe und alle zwei Jahre ein neues Handy zuzulegen.

Ich hingegen habe fast eine Konsumallergie entwickelt. Zudem weigere ich mich, bei der (geplanten) Obsoleszenz von Geräten mitzumachen. Das bedeutet, dass Geräte absichtlich so gebaut werden, dass sie nach einer gewissen Zeit kaputtgehen, überholt oder nicht mehr reparabel sind. Ich kann dieser Masche nicht ganz entkommen – schließlich brauche auch ich einen Drucker –, aber ich versuche mich so gut es geht zu entziehen.

Früher, als Technik noch etwas Besonderes war, hätte ich nie gedacht, dass mir meine Haltung mal genügsam vorkommen würde. Schließlich bin ich hochmodern ausgerüstet – im Vergleich zu Menschen in weniger privilegierten Teilen der Erde. Aber verglichen mit Freundinnen, Freunden, Bekanntinnen und Bekannten – stehe ich eher hinten an. Und das stört mich überhaupt nicht.

Ich bin so erzogen worden, dass man seinen Teller aufisst, anstatt die Hälfte übrig zu lassen und ein Dessert zu bestellen. Genügsamkeit bedeutet für mich auch, kein Auto zu besitzen, obwohl man es sich leisten könnte. Genügsamkeit heißt für mich, seine Wohnung zu behalten, obwohl man lange nicht umgezogen ist und sich zehn Quadratmeter mehr leisten könnte.

Nie hätte ich geahnt, dass ich es einmal unter Genügsamkeit verbuchen könnte, dass ich in absehbarer Zeit kein Haus bauen, kaufen oder mieten möchte. Im Gegensatz dazu scharren viele Gleichaltrigen mit den Hufen: die Zinsen sind niedrig; jeder baut; alle wollen an den Stadtrand, ins Grüne, ins eigene Heim. Ich komme mir fast exotisch vor, weil ich das nicht brauche. Zumindest in absehbarer Zeit reizt mich daran nichts.

Ich muss mich nicht immer weiter steigern. Im Gegenteil: Ich will genau das verhindern. Ich möchte eben nicht die typische Lifestyle-Inflation durchmachen, bei der die Lebenshaltungskosten ständig steigen. Jedoch – und das wird mir zunehmend bewusst – hat da draußen kaum jemand ein Interesse daran, dass ich nicht mehr von allem will.

Mein Mobilfunkanbieter möchte seit Jahren regelmäßig meinen 15-Euro-Tarif aufstocken – mit mehr SIM-Karten, mehr Datenvolumen, einer höheren Geschwindigkeit und – natürlich – mit einem neuen Smartphone! Sie ahnen nichts von meiner Hardware-Verdrossenheit.

Genauso wartet die Autoindustrie darauf, dass ich mir endlich einen Wagen zulege. Bauunternehmen haben derzeit zwar genug zu tun, würden aber sicherlich gern für mich ein Häuschen errichten. Die Versicherungsbranche möchte mir entsprechende Policen ans Bein binden. Ganz zu schweigen von all den Unternehmen, die sich darüber freuen würden, wenn ich Nachwuchs bekäme und dafür neue Möbel, Spielzeug und Co. anschaffte.

Ich bin auch ein schwerer Fall für die Werbebranche, denn viele Werbebotschaften und -versprechen gehen an mir vorbei. Durch ihre bloße Existenz wecken die meisten Weltneuheiten in mir keine Bedürfnisse. Ich brauche keine elektrische Zahnbürste, die mein Putzprofil mit der Cloud synchronisiert. Ich komme auch ganz gut ohne „Wearables“ – also Smartwatches usw. aus.

Bevor wir jedoch auf Konzerne schimpfen oder über technologische Notwendigkeiten debattieren, sollten wir zugeben: Genügsamkeit ist dem Menschen nicht gerade in die Wiege gelegt. Schließlich war es im Laufe der Evolution sinnvoll, seine Höhle immer sicher zu machen, Vorräte anzulegen und die Stammesmitglieder mit einem schicken Lendenschurz zu beeindrucken. Daher liegt es auch ein Stück weit in unserer Natur, immer mehr zu wollen. Diese Haltung hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen – nicht gerade ein rosiges Bild, wenn wir auf die Welt blicken, aber hey, wir leben noch.

Genügsamkeit bedeutet in meinen Augen, wider unsere Veranlagung zu denken und zu handeln. In den meisten Fällen sparen wir dadurch Geld und verschaffen uns Freiheit. Nur manchmal ist Genügsamkeit teurer, wenn nämlich die kleine Dose Kokosmilch relativ mehr kostet als die 1-Liter-Packung.

Aber in was für einer Welt würden wir leben, wenn Genügsamkeit ein Star wäre: Wenn Ausmisten so selbstverständlich wäre wie Staubsaugen und Wäsche waschen; wenn Menschen ohne Auto nicht belächelt, sondern bewundert würden; wenn es als normal angesehen wäre, nicht immer mehr zu wollen und sinnlose Schnäppchen links liegen zu lassen, und wenn Sich-nichts-Schenken zu Weihnachten die Norm wäre?

Bis es soweit ist, sollten sich genügsame Menschen nicht beirren oder ein schlechtes Gewissen machen lassen. Vielleicht kommt Genügsamkeit ja irgendwann in Mode – und wird doch noch zur Klassensprecherin gewählt.


teaser gelassenheitskurs

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22 Kommentare

  1. Hallo Jasmin!
    Du sprichst mir aus dem Herzen. Genau diesen Weg habe ich auch eingeschlagen und es fühlt sich ziemlich gut an. Mit dieser Lebensweise kann man sich von vielen Abhängigkeiten befreien und gewinnt dadurch mehr Freiheit wie Du richtig schreibst.
    Außerdem ist Genügsamkeit gelebte Verantwortung und Demokratie. Vor jeder Anschaffung zu hinterfragen ob man das wirklich braucht ist eine viel politischere und bedeutsamere Entscheidung als alle 4 Jahre ein Kreuz auf einen Zettel zu malen.
    Liebe Grüße
    Hans-Jörg

    • Hallo Hans-Jörg,
      vielen Dank für dein Feedback! Das hast du wunderbar gesagt. Ich finde auch, dass Genügsamkeit eine weitreichende Angelegenheit ist und vor allem ein Thema unserer Zeit ist. Wir müssten ja gar nicht so viel Müll vermeiden, wenn weniger Müll entstünde usw. Der Vergleich mit dem Wahlzettel trifft es auch gut! :-)
      Viele Grüße
      Jasmin

  2. Ein ganz toller Beitrag und du sprichst mir aus der Seele! :-)
    Ich handhabe es in immer mehr Bereichen genau so, ich ärgere mich richtig, wenn dann mal etwas kaputt geht.

    • Liebe Katha,
      ganz lieben Dank für dein Lob und dass du mir eine Rückmeldung dalässt. Das ist immer schön zu lesen.
      Das mit dem Ärger über defekte Geräte usw. kenne ich gut. Manchmal beschäftige ich mich auch überproportional mit den Dingen, die irgendwie nochmal repariert werden könnten, muss ich zugeben. Ich sollte wahrscheinlich mal die Lampe in der Abstellkammer wegwerfen, die seit vier Jahren darauf wartet, repariert zu werden…
      Viele Grüße
      Jasmin

  3. Hey Jasmin,
    es immer bereichernd sein Verhalten und nicht Physikalische rein Menschliche Konstrukte zu hinterfragen. Ich mag deinen Beitrag möchte dem ganzen aber noch mit dem Wort „bewusst“ mehr in den Mittelpunkt, regelrecht auf die Bühne heben wollen. Ein bewusst lebender und handelnder Mensch wird nicht blind einem Trend folgen. Aus meiner Erfahrung ist bewusstes Handeln der Anfang von etwas sehr Schönem … dem Genuss. Startest du so die Reise, findest du auch viele Ansätze die jeden Alltag lebenswert machen. Viel Spaß noch beim Reisen.

    • Hallo Maggie,
      danke für deinen Kommentar! Ja, „bewusst“ ist hier auch ein wichtiges Stichwort, das stimmt. Leider ist das Wort schon etwas ausgetreten. „Bewusste“ Ernährung habe ich selbst jahr(zehnt)elang gehört und doch nie gewusst, was damit eigentlich gemeint ist. Ich denke, es wird vielen so gehen. Bewusstsein ist eben auch etwas, was man schwer beschreiben kann, sondern man muss es erleben.
      Viele Grüße
      Jasmin

  4. Liebe Jasmin,

    vielen Dank für deinen tollen Artikel. Ich persönlich fühle mich sehr viel freier und unabhängiger seitdem ich einen minimalistischeren Lebensstil (durch das Reisen geweckt) lebe. Ich finde es toll, das du so offen darüber schreibst. Dein Artikel wirkt positiv und motivierend auf mich. You made my day 👍🏾🙂

  5. Hallo,
    dein Artikel spricht mich sehr an, ich denke dass zur Genügsamkeit auch die Zufriedenheit sehr gut passt. Ich für mich komme mit dieser Kombination sehr entspannt durch den Alltag. Liebe Grüße Doris

  6. Hi, meine verehrte Grossmutter sagte oft: das Teuerste ist das Billigste und meinte wirkliche Qualität. Diese Dinge kosten was, halten aber lange und wenn sie in meinen Augen schön sind, nutze ich sie sehr lange. Bei uns zu Hause würde der Gerichtsvollzieher angewidert verschwinden. Eine Musikanlage, die 15 Jahre hielt, schafft noch 5 weitere, oder? Wenn mir was gefällt, kaufe ich gerne, aber wohl selten. Nur das mit dem Auto klappte nicht, mein Kauf war ein Begeisterungskauf und absolut unlogisch, aber ich bin mir sicher: dieser Wagen wird mich bestimmt 15-20 Jahre begleiten oder länger. Es ist also interessant zu sehen, dass viele Menschen doch ähnlich ticken.

    • Danke für deinen Kommentar, Rüdiger. Omas haben ja so oft recht. Es ist ein interessantes Bild, dass ein Gerichtsvollzieher unverrichteter Dinge abziehen würde :-D Das spricht für sich.
      Um ein Auto kommen nun mal die meisten Menschen nicht drumherum. Und Begeisterungskäufe haben auch was schönes, wenn auch sehr teuer wie in deinem Fall. Bei mir sind sie ziemlich selten, glaube ich.
      Viele Grüße
      Jasmin

  7. Liebe Jasmin,
    du sprichst mir aus dem Herzen. Vielen Dank für diesen tollen Text.
    Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich meinen Lebensstil mal unter „Genügsamkeit“ verbuchen könnte. Mir geht es ähnlich wie dir. Ich brauche z.B. mal wieder eine neue Jeans, weiß auch schon welche Marke ich kaufen werde, aber ich muss mich dazu aufraffen, in die Stadt zu fahren und mir eine zu kaufen. Mit 18 Jahren bekam ich mein erstes Handy geschenkt, bin jetzt 35 Jahre und habe erst mein drittes. Es ist kein Smartphone, sondern ein Klapphandy. Habe es geerbt, von meiner Oma. Die SIM-Karte ist noch die erste und der Vertrag ist auch nie geändert worden. Zu deinem Text fällt mir eines der Lieder von der Band Pur ein. „Ganz egal“ heißt es. Es geht darin um die Werbeindustrie. Im Refrain heißt es: „Lass sie einfach labern, lass sie denken, was sie wollen, denn es zählt nur, dass du weißt, worauf es dir ankommt und was dein Gewissen erträgt.“
    Falls du das Lied nicht kennst, solltest du es dir mal anhören, ich glaube, dass es dir gefallen wird. Das Lied ist von 1994 oder 1995.
    Ich freue mich schon auf neue Texte von euch beiden, die zum Nachdenken anregen.
    Liebe Grüße! Eure treue Leserin Katharina

    • Hallo Katharina,
      vielen Dank für dein Feedback und die treffenden Beispiele aus deinem Leben :-) Danke auch für die musikalische Anregung, das Lied kenne ich bisher nicht. Schön dich als treue Leserin an Bord zu haben!
      Machs gut und viele Grüße zurück.
      Jasmin

  8. Du sprichst mir aus dem Herzen! Meine Waldviertlerschuhe sind gerade 20 geworden, der Kindercomputer von 2005 ist erst im Dez endgültig irreparabel kaputtgegangen und wurde durch das Modell 2009 ersetzt. Und auch Kleidung trage ich jahrzehntelang, mein Trekkingrucksack ist von 1993 usw. Dazu gehört etwas Überlegung beim Einkauf, ob es langfristig gefallen wird, funktional ist und ein Mindestmaß an Qualität besitzt. Da denke ich auch an Patriks Packliste; mehr braucht man nicht wirklich.
    Genügsamkeit reduziert Dinge auf ihren Sinn, ihren Kern. Und diese Denkweise ‚mehr Sein als Schein‘ gilt auch für die Lebensart, ob ich in Balkonien glücklich urlauben kann und meinen Tee für unterwegs mitnehme, oder ob ich in der Südsee im Robinsoncamp sitzen muß und täglich außerhalb essen muß. (Nichts gegen Aktivurlaub und Besichtigungen: das geht nunmal nicht zu Hause.) Es geht um die (buddhistisch genannte) Weisheit, sich zufrieden geben zu können.
    Momentan ist Entrümpeln mal wieder modern: Ich bin gespannt, was ich in 5 Jahren dazu lesen werde, ob beim Durchschnitt auf das Entrümpeln das Weiterkonsumieren folgte oder die nächste Entrümplungswelle folgen wird!
    Dein iPhone 4 kannst Du mir verkaufen, mein behinderter Sohn braucht eines zum Strukturieren seines Tages, und seine iPhone 5 (natürlich auch gebraucht gekauft) ist gerade kaputt, wir haben schon viel Energie in Fehlersuche und Reparaturen gesteckt, und er braucht es sozusagen ‚medizinisch‘. Er würde es treu lieben und in Ehren halten (-:

    • Danke, Viola. Ich freu mich, dass du dich damit so identifizieren kannst. Das 4er iPhone ist leider kaputt – es musste kürzlich aushelfen, als das Neuere beim Akkutausch war. Aber da hat es sich nochmal als nützlich erwiesen :-)
      Viele Grüße aus Leipzig
      Jasmin

  9. Liebe Jasmin,

    Dein Beitrag spricht mich an – er löst also Resonanz aus. Danke dafür.
    Auch ich lebe mehr und mehr bewusster (versuche es zumindest) – allein beim Einrichten meiner neuen Wohnung schaue ich darauf, was brauche ich wirklich? Ideal ist es dann irgendwo zwischen Minimalismus und übersichtliche Behaglichkeit.
    Welche Grundfrage steckt dahinter: „Haben oder Sein“? Wenn ich mit mir selbst zuFRIEDEN bin, im Reinen mit mir bin, EINFACH SEIN darf – habe ich dann noch das Bedürfnis, neuere, bessere Dinge zu besitzen (die mich nur von mir SELBST ablenken sollen)?
    In der ZuFRIEDENheit genüge ich mir selbst. Und das reicht mir… dann bin ich REICH Oder? ;-)
    Aufpassen muss ich dann bei manchen Dingen dennoch, bspw. dass meine Genügsamkeit nicht nur vorgeschoben ist und es sich in Wahrheit um Bequemlichkeit/Trägheit handelt.
    Liebe Grüße
    Henrik

    • Danke für deinen Kommentar, Henrik. Das ist ein interessanter Gedanke, dass es nicht zu Bequemlichkeit werden darf!
      Viele Grüße
      Jasmin

  10. Liebe Jasmin,
    sehr gut ausgedrückt und ich halte es genauso mit meinen old Geräten, bin so happy, wenn sie halten. Ich denke, wir haben auch Verantwortung, was wir mit unserem Geld anstellen, ob wir alles für unseren Konsum ausgeben oder abgeben können. Henrik
    hat es auch gut kommentiert, worum es eigentlich geht, viele stopfen die innere Leere nur durch Konsum. Der Drang dazuzugehören gehört sicher auch dazu. Und ich merkte schnell, wie fix der Reiz einer getanen Anschaffung verblasst, auch wenn der Wunsch vorher groß war. In diese Frage spielt hinein, was die wahren Werte , Sinn im Leben sind. Viele Menschen definieren sich so sehr vom „Außen“. J.Hartl hat einen guten Vortrag über youtube über „Innen -Außen“ gesendet.
    Ein Ausspruch von Albert Schweitzer zum Schluss sinngemäß: Die Menschen werden so im Tätigkeitstaumel gehalten, damit sie sich nicht mit den wichtigen Fragen des Lebens beschäftigen müssen. Deshalb finde ich es gut, dass es z.B. diesen Artikel gibt, um mal zu hinterfragen, wie wir entscheiden, auch gegen den Trend.
    Liebe Grüße
    Beate

  11. Hallo Jasmin ,
    ich finde alle deine Artikel sehr spannend und befruchtend. Ihr seid wirklich spitze und gebt den Personen, die Eure Artikel lesen eine wunderbare Inspiration.
    Diesen Artikel über Genügsamkeit , sprichst du mir und vielen Menschen aus dem Herzen. Diese Hetzte und Druck über Manipulationen in den Medien und Werbung ist unerträglich geworden. Immer neuer , immer schneller, kein Wunder das viele Menschen so erschöpft sind. Das alles kosten Kraft , aber es kostet auch Disziplin sich dagegen zu stellen. Man wird oft von der Gesellschaft , sonderbar angesehen. Aber egal .. alles wie du es schreibst , praktiziere ich schon länger .. Und mit deinen Artikel,
    “ Ausmisten und Aufräumen beginnt im Kopf “ kann ich 100% zustimmen . Es muss vom Kopf, in das Herz runter rutschen.
    Ich liebe deine Artikel, würde mir persönlich wünschen , das du noch mehr in das Eingemachte gehst. Die Themen noch etwas ernster aufbaust um Menschen noch mehr zu motivieren.
    Weiter so Jasmin
    Gruß Natascha

    • Liebe Natascha, wow, ich danke dir ganz herzlich für dein Lob. Das freut mich immer sehr und motiviert weiterzumachen! „Es muss vom Kopf, in das Herz runter rutschen“, finde ich wunderbar gesagt. Toll, dass du das alles auch so siehst und lebst.
      Danke, dass du mir so ein Feedback zum Schreiben gibst. Ich habe dazu eine Frage: Was genau meinst du mit „noch mehr in das Eingemachte“? Meinst du evtl. mehr Argumente und Ratschläge? Wir sind ja mittlerweile davon abgekommen, irgendwelche Empfehlungen auszusprechen, weil wir glauben, dass ohnehin nur die Menschen „durch eine Tür gehen“, die von selbst genug Motivation und Eigeninteresse haben. Außerdem bringen Ratschläge eine gewisse Verantwortung mit sich und v. a. sind Ratschläge eben oft „Schläge“. Vielleicht meinst du aber auch etwas anderes.
      Jedenfalls ist es so, dass ich immer mal hin- und herschwanke. Mal macht es mir Spaß, in die Tiefe zu gehen, wie z. B. bei Empathie. Dann wieder habe ich Lust, etwas Locker-flockig-leichtes zu schreiben. Manchmal wird so etwas dann häufiger gelesen und geteilt, weil die Menschen oft nicht die Geduld für lange Texte haben. So oder so gehe ich danach, wie ich ein Thema in meinen Augen gut und auch ein bisschen unterhaltsam bearbeiten kann. Ich denke, das macht unseren Charme aus. Es geht auch darum, dass ich mich „bei Laune“ halte – also das mache, was mir Spaß macht. Denn andernfalls kann man sich nicht auf Dauer motivieren.
      Viele Grüße
      Jasmin

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