Nimmst du, tauschst du oder gibst du?

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„Geben ist seliger denn Nehmen“, so steht es schon im Neuen Testament geschrieben. Auch wenn sich unsere Generation aus Seligkeit wenig macht, so weiß tief in sich drin wohl jeder, dass sich Geben besser anfühlt. Trotzdem tun wir uns damit schwer. Ich nehme mich gar nicht aus.

Wir Menschen sind zynisch. So sehr, dass viele glauben, nur wer egoistisch ist und die Ellenbogen ausfährt, bringt es in unserer Gesellschaft zu Erfolg. Wer hingegen selbstlos gibt, vergeudet seine Ressourcen und geht unter.

Nehmer

Wer so denkt, ist ein Nehmer. Das sind Menschen, die alles an sich reißen, aber im Tausch dafür nichts geben wollen. Sie sind auf ihren eigenen Vorteil bedacht und davon überzeugt, dass jemand anderes etwas verlieren muss, damit sie etwas gewinnen können. So ziehen sie zu ihrem eigenen Vorteil Energie aus dem System.

Jeder kennt solche Menschen. Vielleicht fallen dir sofort zwei oder drei ein. Menschen, die sich in den Mittelpunkt drängen. Menschen, die uns ausfragen, aber selbst nichts preisgeben. Menschen, die unsere Zeit rauben. Menschen, die sich nur melden, wenn sie etwas wollen. Ich reagiere allergisch auf Nehmer. Ich lasse sie nicht an mich heran. Kein Stück. Sobald mir ein Nehmer begegnet, fehlt es mir an jeder Empathie. Mit ihnen gibt es nichts zu gewinnen. Sie glauben ja selbst daran, dass ich verlieren muss, damit sie etwas von mir haben.

Tauscher

Die meisten Menschen sind zum Glück keine Nehmer. Die meisten sind Tauscher. Sie geben dann, wenn sich eine spätere Gegenleistung bereits absehen lässt. Sie tun uns mal einen Gefallen – wenn davon auszugehen ist, dass wir ihn erwidern. Sie bauen ihr Netzwerk danach auf, wer ihnen kurz- bis mittelfristig helfen kann. Das ist klassisches Netzwerken, wie es heute verstanden wird.

In meiner früheren Karriere habe ich das selbst so gemacht. Ich war auf einschlägigen Veranstaltungen, um Leute kennenzulernen, die mir nützlich sein könnten. Heute habe ich das aufgegeben. Unter vielen Menschen zu sein, laugt mich als Introvertierten viel zu sehr aus, als dass ich meine Zeit mit Leuten vergeuden könnte, die ich gar nicht mag.

Tauschen ist ebenfalls seliger denn Nehmen, auch wenn das so nicht im Neuen Testament steht. Unsere Gesellschaft basiert auf Tausch. Das ist gut, aber auch ein bisschen traurig, denn es führt zu kalkuliertem Handeln. Es gibt Tauscher, die von sich aus etwas geben – mit der klaren Absicht, kurz darauf etwas nehmen zu können. Und es gibt Tauscher, die sich sträuben, einen Gefallen zu akzeptieren, weil sie nicht in der Schuld stehen wollen.

Tauschen mag für unseren Seelenfrieden besser als Nehmen sein. Aber glücklich macht es nicht. Es kann sogar sehr auslaugend sein. Der Grund, weshalb so viele Menschen unzufrieden in ihren Jobs sind, ist aus meiner Sicht nicht das Gehalt oder der Stress. Es ist die Sinnlosigkeit. Sie tauschen Zeit gegen Geld, aber haben nicht das Gefühl, mit ihrer Arbeit jemandem zu helfen. Sie würden sich besser fühlen, wenn sie mit ihrer Arbeit irgendjemandem etwas Gutes tun könnten. (Tipp: Wenn du nicht gleich den Job wechseln wirst, hilf zumindest deinen Kollegen.)

Selbst ich merke das noch, obwohl ich seit sieben Jahren nirgends mehr angestellt war. Es kommt vor, dass andere Blogger oder Unternehmer von mir beraten werden wollen. Für einen Stunden- oder Tagessatz. Ein ganz klassischer Tausch. Doch Beratung macht mir wenig Spaß. Wenn ich die Menschen nicht kenne, sage ich ab. Wenn ich sie kenne und auch mag, sage ich trotzdem ab – biete aber ein kostenfreies Telefonat an. Von Unternehmer zu Unternehmer. Ich mag es, mein Wissen weiterzugeben. Doch dafür bezahlt zu werden, ist nur noch halb so spannend (vor allem, wenn ich Zeit gegen Geld tausche).

Das geht nicht nur mir so. Für dieses Phänomen gibt es eine Erklärung, die du Dan Arielys Buch Denken hilft zwar, nützt aber nichts entnehmen kannst. Demnach sind wir motiviert, wenn wir nach sozialen Normen handeln – also jemandem helfen. Doch sobald wir der sozialen Norm einen Geldbetrag zumessen, sinkt unsere Motivation, weil wir nun nach Marktnormen handeln.

Geber

Bin ich also die dritte Spezies unter den Menschen, ein Geber? Wahrscheinlich nicht! Jedenfalls nicht ausschließlich. In der einen Situation mag ich ein Geber sein, in anderen jedoch ein Tauscher. Die Idee des Tauschens ist tief in mir verkankert, sodass ich schwer davon loskomme. Aber ich bemühe mich.

Der Geber gibt anderen Menschen ohne die Erwartung, etwas zurückzubekommen. Er gibt nur, weil er geben will. Ganz im Gegensatz zu Nehmern, führen Geber dem System Energie zu. Wer clever gibt, beschwört Win-Win-Situationen herauf, von denen alle Beteiligten etwas haben.

Diese Theorie von Nehmern, Tauschern und Gebern stammt übrigens von Adam Grant, der ein Buch darüber geschrieben hat: Geben und Nehmen. Seinen Untersuchungen zufolge stehen Geber oft ganz unten auf der Erfolgsleiter.

Haben die Zyniker also recht? Setzt sich nur Egoismus durch?

Nicht unbedingt. Denn Geber stehen häufig auch ganz oben auf der Erfolgsleiter. Also ganz unten oder ganz oben – jedoch nur selten dazwischen. Diesem Phänomen ging Grant auf den Grund. Erfolgreiche Geber …

… geben nicht an Nehmer: Sie achten darauf, nur an Menschen zu geben, die selbst gern geben oder an Menschen, die zumindest tauschen. Nehmer ignorieren sie jedoch, denn die ziehen schließlich Energie aus dem System.

… nehmen gern für andere: Wenn Geber etwas nehmen, also um einen Gefallen bitten, dann tun sie das häufig für andere. Somit verschaffen sie sich nicht selbst einen Vorteil, sondern einem Mitmenschen. Genau genommen geben sie in dieser Situation also schon wieder.

… geben in großen Dosen: Sie halten sich nicht so sehr mit kleinen Gefälligkeiten auf. Stattdessen geben sie so viel, dass die gute Tat in jedermanns Gedächtnis bleibt.

… verlieren ihre eigenen Interessen nicht aus den Augen: Um anderen helfen zu können, müssen sie sich zunächst selbst helfen. Wie im „unwahrscheinlichen Fall“ eines Druckabfalls im Flugzeug, für den wir angehalten werden, erst uns selbst die Sauerstoffmaske aufzusetzen, bevor wir uns um andere kümmern.

Erfolgreich sind sie übrigens, weil sie das Gegebene auf anderen Wegen um ein Vielfaches zurück bekommen. Die meisten Menschen sind ja Tauscher und wollen an solche altruistischen Menschen unbedingt etwas zurückgeben. Sie reißen sich geradezu darum, einen in Erinnerung gebliebenen Gefallen wieder auszugleichen – oder sogar noch mehr zu geben. Das geht mir genauso. Zwar kenne ich nicht viele Geber, aber es gibt sie. Und wenn sie mir geben und geben, will ich ihnen auch unbedingt helfen. Oft scheitere ich daran, dass ich nicht weiß, wie ich mich erkenntlich zeigen kann oder mich nicht traue. Ich bin kein geborener Geber.

Doch wenn ich gebe, mache ich es tatsächlich – bislang unbewusst – wie die erfolgreichen Geber:

  • Ich halte mich von Nehmern fern und bin bei offensichtlichen Tauschern vorsichtig.
  • Wenn ich um einen Gefallen bitte, mache ich das lieber im Namen von anderen als für mich selbst.
  • Ich gebe mir mehr Mühe, je größer die Wirkung meiner Hilfe auf eine Person ist. Ich habe kein Problem damit, jemanden zwei Stunden am Telefon zu beraten oder beim Umzug zu helfen. Aber die vielen kleinen Fragen von Lesern, die ihre nächste Reise planen, beantworte ich eher knapp – sie sind in der Summe zu auslaugend und die individuelle Wirkung ist gering.
  • Ich verliere meine eigenen Interessen nicht aus den Augen. Ich gönne mir selbst und meinen Interessen sogar eine ganze Menge Zeit.

Ich sehe mich zwar nicht als echten Geber, aber ich finde es erstrebenswert, häufiger zu geben, als ich es bisher mache. Nicht, weil ich selbstlos wäre. Sondern, weil es mir guttut. Weil mich andere Geber inspirieren. Und weil ich nicht daran glaube, dass jemand verlieren muss, damit ein anderer gewinnen kann. Ich glaube daran, dass das Leben ein bisschen lebenswerter ist, wenn wir uns etwas mehr aufs Geben als aufs Nehmen und Tauschen konzentrieren würden. Wenn Menschen manchmal zynisch sind und sich einreden, sie könnten nur mit Egoismus erfolgreich sein, dann hoffe ich, dass die Geber nicht aufgeben, sondern weitergeben.

Was glaubst du: muss jemand verlieren, damit du gewinnen kannst oder kannst du einen Wert für andere und für dich schaffen?


Mehr zu diesem Gedanken liest du in dem Buch Geben und Nehmen von Adam Grant.

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