Nimmst du, tauschst du oder gibst du?

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„Geben ist seliger denn Nehmen“, so steht es schon im Neuen Testament geschrieben. Auch wenn sich unsere Generation aus Seligkeit wenig macht, so weiß tief in sich drin wohl jeder, dass sich Geben besser anfühlt. Trotzdem tun wir uns damit schwer. Ich nehme mich gar nicht aus.

Wir Menschen sind zynisch. So sehr, dass viele glauben, nur wer egoistisch ist und die Ellenbogen ausfährt, bringt es in unserer Gesellschaft zu Erfolg. Wer hingegen selbstlos gibt, vergeudet seine Ressourcen und geht unter.

Nehmer

Wer so denkt, ist ein Nehmer. Das sind Menschen, die alles an sich reißen, aber im Tausch dafür nichts geben wollen. Sie sind auf ihren eigenen Vorteil bedacht und davon überzeugt, dass jemand anderes etwas verlieren muss, damit sie etwas gewinnen können. So ziehen sie zu ihrem eigenen Vorteil Energie aus dem System.

Jeder kennt solche Menschen. Vielleicht fallen dir sofort zwei oder drei ein. Menschen, die sich in den Mittelpunkt drängen. Menschen, die uns ausfragen, aber selbst nichts preisgeben. Menschen, die unsere Zeit rauben. Menschen, die sich nur melden, wenn sie etwas wollen. Ich reagiere allergisch auf Nehmer. Ich lasse sie nicht an mich heran. Kein Stück. Sobald mir ein Nehmer begegnet, fehlt es mir an jeder Empathie. Mit ihnen gibt es nichts zu gewinnen. Sie glauben ja selbst daran, dass ich verlieren muss, damit sie etwas von mir haben.

Tauscher

Die meisten Menschen sind zum Glück keine Nehmer. Die meisten sind Tauscher. Sie geben dann, wenn sich eine spätere Gegenleistung bereits absehen lässt. Sie tun uns mal einen Gefallen – wenn davon auszugehen ist, dass wir ihn erwidern. Sie bauen ihr Netzwerk danach auf, wer ihnen kurz- bis mittelfristig helfen kann. Das ist klassisches Netzwerken, wie es heute verstanden wird.

In meiner früheren Karriere habe ich das selbst so gemacht. Ich war auf einschlägigen Veranstaltungen, um Leute kennenzulernen, die mir nützlich sein könnten. Heute habe ich das aufgegeben. Unter vielen Menschen zu sein, laugt mich als Introvertierten viel zu sehr aus, als dass ich meine Zeit mit Leuten vergeuden könnte, die ich gar nicht mag.

Tauschen ist ebenfalls seliger denn Nehmen, auch wenn das so nicht im Neuen Testament steht. Unsere Gesellschaft basiert auf Tausch. Das ist gut, aber auch ein bisschen traurig, denn es führt zu kalkuliertem Handeln. Es gibt Tauscher, die von sich aus etwas geben – mit der klaren Absicht, kurz darauf etwas nehmen zu können. Und es gibt Tauscher, die sich sträuben, einen Gefallen zu akzeptieren, weil sie nicht in der Schuld stehen wollen.

Tauschen mag für unseren Seelenfrieden besser als Nehmen sein. Aber glücklich macht es nicht. Es kann sogar sehr auslaugend sein. Der Grund, weshalb so viele Menschen unzufrieden in ihren Jobs sind, ist aus meiner Sicht nicht das Gehalt oder der Stress. Es ist die Sinnlosigkeit. Sie tauschen Zeit gegen Geld, aber haben nicht das Gefühl, mit ihrer Arbeit jemandem zu helfen. Sie würden sich besser fühlen, wenn sie mit ihrer Arbeit irgendjemandem etwas Gutes tun könnten. (Tipp: Wenn du nicht gleich den Job wechseln wirst, hilf zumindest deinen Kollegen.)

Selbst ich merke das noch, obwohl ich seit sieben Jahren nirgends mehr angestellt war. Es kommt vor, dass andere Blogger oder Unternehmer von mir beraten werden wollen. Für einen Stunden- oder Tagessatz. Ein ganz klassischer Tausch. Doch Beratung macht mir wenig Spaß. Wenn ich die Menschen nicht kenne, sage ich ab. Wenn ich sie kenne und auch mag, sage ich trotzdem ab – biete aber ein kostenfreies Telefonat an. Von Unternehmer zu Unternehmer. Ich mag es, mein Wissen weiterzugeben. Doch dafür bezahlt zu werden, ist nur noch halb so spannend (vor allem, wenn ich Zeit gegen Geld tausche).

Das geht nicht nur mir so. Für dieses Phänomen gibt es eine Erklärung, die du Dan Arielys Buch Denken hilft zwar, nützt aber nichts entnehmen kannst. Demnach sind wir motiviert, wenn wir nach sozialen Normen handeln – also jemandem helfen. Doch sobald wir der sozialen Norm einen Geldbetrag zumessen, sinkt unsere Motivation, weil wir nun nach Marktnormen handeln.

Geber

Bin ich also die dritte Spezies unter den Menschen, ein Geber? Wahrscheinlich nicht! Jedenfalls nicht ausschließlich. In der einen Situation mag ich ein Geber sein, in anderen jedoch ein Tauscher. Die Idee des Tauschens ist tief in mir verkankert, sodass ich schwer davon loskomme. Aber ich bemühe mich.

Der Geber gibt anderen Menschen ohne die Erwartung, etwas zurückzubekommen. Er gibt nur, weil er geben will. Ganz im Gegensatz zu Nehmern, führen Geber dem System Energie zu. Wer clever gibt, beschwört Win-Win-Situationen herauf, von denen alle Beteiligten etwas haben.

Diese Theorie von Nehmern, Tauschern und Gebern stammt übrigens von Adam Grant, der ein Buch darüber geschrieben hat: Geben und Nehmen. Seinen Untersuchungen zufolge stehen Geber oft ganz unten auf der Erfolgsleiter.

Haben die Zyniker also recht? Setzt sich nur Egoismus durch?

Nicht unbedingt. Denn Geber stehen häufig auch ganz oben auf der Erfolgsleiter. Also ganz unten oder ganz oben – jedoch nur selten dazwischen. Diesem Phänomen ging Grant auf den Grund. Erfolgreiche Geber …

… geben nicht an Nehmer: Sie achten darauf, nur an Menschen zu geben, die selbst gern geben oder an Menschen, die zumindest tauschen. Nehmer ignorieren sie jedoch, denn die ziehen schließlich Energie aus dem System.

… nehmen gern für andere: Wenn Geber etwas nehmen, also um einen Gefallen bitten, dann tun sie das häufig für andere. Somit verschaffen sie sich nicht selbst einen Vorteil, sondern einem Mitmenschen. Genau genommen geben sie in dieser Situation also schon wieder.

… geben in großen Dosen: Sie halten sich nicht so sehr mit kleinen Gefälligkeiten auf. Stattdessen geben sie so viel, dass die gute Tat in jedermanns Gedächtnis bleibt.

… verlieren ihre eigenen Interessen nicht aus den Augen: Um anderen helfen zu können, müssen sie sich zunächst selbst helfen. Wie im „unwahrscheinlichen Fall“ eines Druckabfalls im Flugzeug, für den wir angehalten werden, erst uns selbst die Sauerstoffmaske aufzusetzen, bevor wir uns um andere kümmern.

Erfolgreich sind sie übrigens, weil sie das Gegebene auf anderen Wegen um ein Vielfaches zurück bekommen. Die meisten Menschen sind ja Tauscher und wollen an solche altruistischen Menschen unbedingt etwas zurückgeben. Sie reißen sich geradezu darum, einen in Erinnerung gebliebenen Gefallen wieder auszugleichen – oder sogar noch mehr zu geben. Das geht mir genauso. Zwar kenne ich nicht viele Geber, aber es gibt sie. Und wenn sie mir geben und geben, will ich ihnen auch unbedingt helfen. Oft scheitere ich daran, dass ich nicht weiß, wie ich mich erkenntlich zeigen kann oder mich nicht traue. Ich bin kein geborener Geber.

Doch wenn ich gebe, mache ich es tatsächlich – bislang unbewusst – wie die erfolgreichen Geber:

  • Ich halte mich von Nehmern fern und bin bei offensichtlichen Tauschern vorsichtig.
  • Wenn ich um einen Gefallen bitte, mache ich das lieber im Namen von anderen als für mich selbst.
  • Ich gebe mir mehr Mühe, je größer die Wirkung meiner Hilfe auf eine Person ist. Ich habe kein Problem damit, jemanden zwei Stunden am Telefon zu beraten oder beim Umzug zu helfen. Aber die vielen kleinen Fragen von Lesern, die ihre nächste Reise planen, beantworte ich eher knapp – sie sind in der Summe zu auslaugend und die individuelle Wirkung ist gering.
  • Ich verliere meine eigenen Interessen nicht aus den Augen. Ich gönne mir selbst und meinen Interessen sogar eine ganze Menge Zeit.

Ich sehe mich zwar nicht als echten Geber, aber ich finde es erstrebenswert, häufiger zu geben, als ich es bisher mache. Nicht, weil ich selbstlos wäre. Sondern, weil es mir guttut. Weil mich andere Geber inspirieren. Und weil ich nicht daran glaube, dass jemand verlieren muss, damit ein anderer gewinnen kann. Ich glaube daran, dass das Leben ein bisschen lebenswerter ist, wenn wir uns etwas mehr aufs Geben als aufs Nehmen und Tauschen konzentrieren würden. Wenn Menschen manchmal zynisch sind und sich einreden, sie könnten nur mit Egoismus erfolgreich sein, dann hoffe ich, dass die Geber nicht aufgeben, sondern weitergeben.

Was glaubst du: muss jemand verlieren, damit du gewinnen kannst oder kannst du einen Wert für andere und für dich schaffen?


Mehr zu diesem Gedanken liest du in dem Buch Geben und Nehmen von Adam Grant.

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26 Kommentare

  1. Sehr interessante Theorie, ehrlich gesagt fällt es mir auch gerade sehr schwer mich darin einzuordnen. Das muss ich wohl erstmal sacken lassen und im Alltag beobachten.
    Ich bin mir auch sicher, dass ich früher mal ein Nehmer war. Allerdings hat sich seit dem sehr viel geändert und jetzt bin ich wohl irgendwo zwischen tauschen und geben. Ich denke das kommt immer ein Stück weit darauf an, wem man gegenüber steht.
    Auf jeden Fall lebt man so glücklicher, davon bin ich überzeugt!

    Lg
    Judith

    • Hallo Judith,

      ich vermute, dass es fast allen Menschen schwerfällt, sich selbst einzuordnen. Nur die zynischsten Nehmer werden sich selbst eingestehen, Nehmer zu sein und für die selbstlosesten Geber ist es vielleicht eine Selbstverständlichkeit, so dass sie sich nicht als etwas Besonderes sehen (in der o.g. Theorie sind Geber ja schon außergewöhnlich).

      Genau genommen, ist es auch egal, wo wir uns einordnen. Wichtig ist mir nur, darüber mal nachzudenken und mich noch etwas bewusster in Richtung Geber zu orientieren und von anderen Nehmern wegzubewegen.

      Viele Grüße,
      Patrick

  2. Super geschrieben. Und auch ich muß es erstmal sacken lassen. Aber es fällt mir noch ein kleiner Gedanke ein: Kinder werden erstmal mit absolutem Egoismus geboren, was wohl das Überleben sichert. Erst mit zunehmender Erfahrung, Liebe und Vertrauen kommt das Teilen dazu.

    Tauschen ist seit Jahrtausenden durch die Evolution verankert.

    So denke ich, daß im günstigsten Fall erst mit zunehmenden Alter der Weg vom Tauscher zum Geber möglich ist. Und die Nehmer sind wohl im Kindheitsstatium stehen geblieben.

    Danke für diesen Post. Ein guter Input zum nachdenken
    Beste Grüße

    Ulli

    • Hallo Ulli,

      ich glaube, da hast du recht. Um ganz ehrlich zu sein: Als ich den Artikel schrieb, saß ich in einem Café. Da kamen kleine Kinder herein und ich dachte: „Was für Nehmer!“ ;-)

      Aber sowas ertragen auch nur Eltern. Neutrale Menschen haben für solche Energiesauger auf Dauer wahrscheinlich nicht viel übrig :)

      Viele Grüße,
      Patrick

  3. Hallo Patrick

    Interessanter Artikel. Aber was machst du mit Menschen, die so ausgeprägte Geber sind (durchaus oft aufgrund fehlendem Selbstbewusstseins), dass sie sich selber dabei schaden? Entweder psychisch, weil sie viel zu viel für andere machen und dabei sich selber vergessen oder halt auch finanziell?

    Grundsätzlich finde ich deine Sichtweise aber gut und denke auch, dass immer etwas zurückkommt, wenn man gibt – entweder direkt von der Person, der man geholfen hat oder halt von jemand anders, der mir dann hilft, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

    Liebe Grüße,
    Nuria

    • Hallo Nuria,

      solche Geber, die du beschreibst, stehen laut Adam Grant (siehe Artikel) ganz unten auf der Erfolgsleiter. Er hat sich dem Thema überhaupt nur gewidmet, weil er es spannend fand, dass Geber sowohl sehr erfolgreich, als auch sehr erfolglos sein können. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden ist, dass die einen auf sich selbst achten und die anderen sich aufopfern.

      Wenn wir soetwas erkennen, können wir einen sich selbst schadenden Geber zumindest darauf aufmerksam machen, dass er etwas für sich tun muss – was wiederum auch gut für das Selbstwertgefühl ist. Ob sie diesen Rat annehmen, steht auf einem anderen Blatt.

      Viele Grüße,
      Patrick

  4. Ich finde das Tausch System nicht schlecht – so hat jeder was davon. In unserer Familie zum Beispiel sehe ich aber eigebtlich alle als Geber – zumindest mal innerhalb der Familie. Es wird oft was verschenkt ohne ein Gegengeschank zu erwarte – denn man bekommt es ja so oder so ;)

    Aber wenn ich etwas bekomme, fühl ich mich schon auch irgendwie verpflichtet was zurückzugeben. Also etwas ohne Gegenleistung annehmen finde ich schon eher schwer.

    • Hallo Lisa,

      ich finde Tauschen ja auch ganz gut. Da es nur wenige Geber gibt, ist das die nächstbessere Option. Darauf basiert ja wie gesagt auch unser gesellschaftliches Zusammenleben.

      Trotzdem fände ich mehr Geber besser. Und ich fände es auch besser, wenn ich selbst noch bereitwilliger mehr geben würde.

      Viele Grüße,
      Patrick

  5. Hallo Patreick,
    interessanter Artikel!
    Ich glaube, dass es noch eine Katgorie Menschen gibt: Diejenigen, die sich als wahnsinnig tolle „Geber“ suggerieren, aber damit anderen Leuten eher schaden, auf den Wecker gehen etc. und damit letztendlich wieder durch und durch „Nehmer“ sind.
    Ich habe solche Leute in der Verwandtschaft, die ihre Hilfe gnadenlos aufdrängen und dann überall erzählen, wie viel sie geholfen haben, wieviel Kraft das kostet etc. Das könnten die stundenlang am Telefon erzählen und damit wahnsinnig viel Energie abziehen.

    Viele Grüße!

    Christine

    • Hallo Christine,

      ich sehe schon, du hast deine ganz eigenen Erfahrungen gemacht! Solche Leute würde ich nicht mehr als Geber einordnen. Sie sind bestenfalls Tauscher, da sie für ihre Leistungen offenbar Ruhm und Ehre ernten wollen.

      Viele Grüße,
      Patrick

  6. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, welcher Typ ich bin, wahrscheinlich ist es auch situationsabhängig. Ich glaube aber, dass, wenn wir bewusst etwas mit anderen teilen, seien es Dinge, Zeit oder Ideen, es uns dabei hilft, das Verlangen nach immer mehr und immer besser loszulassen und dadurch insgesamt zufriedener zu werden. Jedesmal, wenn wir geben statt nehmen, bauen wir unsere eigene Gier ein wenig ab.

    Das hilft uns und ist ein Quell der Freude: Wenn wir Teilen und Geben statt Habenwollen, schaffen wir eine Verbindung zu anderen Menschen, schaffen wir Freundschaften und gute Beziehungen. Und davon profitieren wir selbst.
    Das müssen ja keine gigantischen Opfer sein. Schon kleine Freundlichkeiten im Alltag können zu unserem Glück beitragen. Und die Freude, die wir damit einem Mitmenschen machen, kommt zu uns zurück, das weiß ich aus eigener Erfahrung.

  7. interessanter Gedanke, werde ich mir durch den Kopf gehen lassen, vielen Dank!

    zu Kindern: Kinder sind Persönlichkeiten, die sich in 20 Jahren im Kern nicht groß geändert haben werden. Man muß sich auf sie einlassen und kennenlernen, weil sie nicht so „funktionieren“, wie die Erwachsenwelt. Wenn Du schreibst, daß sie Dich im Café nerven, überlege bitte, ob die Kinder nicht dieselbe Berechtigung haben, dorthin zu gehen – auf ihre Art. Es sei Dir zugestanden, daß Du angenervt bist. Bin ich von meinen Kindern manchmal auch. Doch ich möchte Dir ans Herz legen, daß Du auch Kindern zugestehst, daß sie vielleicht nur schlecht drauf sind, weil sie in einer ungewohnten oder aufregenden Situation sind, schon lange unterwegs sind und eigentlich auch etwas Ruhe bräuchten. Kinder sind normalerweise sehr ruhig, wenn man ihre Bedürfnisse nach Ruhe und Freispiel erfüllt. Gerade dann, wenn sie Fremden begegnen, sind sie also zumeist in einer Streßsituation. Mich ärgert an Deinem Satz (den ich vielleicht falschverstanden habe), daß Du im Café warst und von lauten Menschen genervt warst, daß Du aber „Kinder“ titulierst, als ob Kinder zwangsläufig so sein müßten. Hättest Du das Erlebnis auch zitiert, wenn der Lärm durch einen geistig Behinderten oder eine nörgelige Oma verursacht worden wäre?
    Kinder geben sehr viel zurück. Nicht immer, und nicht immer dann, wenn man es braucht. Doch alleine ihr Dasein erfüllt den Sinn des Lebens (nämlich, etwas zu hinterlassen). Und wenn ein schreiendes Baby endlich aufhört und mich dankbar anlächelt, daß ich es in seinem Schmerz nicht alleinegelassen habe, ist das unbezahlbar.

    • Hi Viola,

      den Satz betrachte ich selbst als harmlos. Die Kinder haben als Beispiel hier gut gepasst, und das mit einem zwinkernden Auge.

      Natürlich sind Kinder manchmal anstrengend. Ich habe heute einen langen Flug hinter mir und es waren viele Kinder an Bord. Irgendeines hat immer Lärm gemacht ;-) Aber über sowas kann ich mich nur noch selten innerlich aufregen und mir ist völlig klar, dass ein 10-Stunden-Flug für ein kleines Kind auch kein Spaß ist.

      Viele Grüße,
      Patrick

  8. Geben oder Nehmen? Wer freiwillig im Orchester spielt, gibt viel Aufwand rein (Instrument kaufen, Unterricht und Saiten bezahlen, Fahrtkosten zur Probe, Unterkunft beim Probenwochenende bezahlen, regelmäßiges Üben), und zwar an eine relativ anonyme Masse der Mitspieler, die man im Einzelnen (bei 70 ständig wechselnden Leuten) nicht alle kennt oder mag. Man erhält dafür großartige Momente, in denen man Teil des Ganzen wird und als Gruppe Musik macht, die man alleine nie hinbekommen hätte. Ist das Geben oder Nehmen oder Tauschen? Ich kann mich nicht recht entscheiden, denn ich kaufe das Instrument für mich, ich übe, damit ich mich in der Probe wohlfühle (damit ich mich nicht blamiere?), aber eigentlich geht es um das höhere Ziel, einfach gute Musik zu machen. Unsere Karten sind sehr billig, bei den meisten Konzerten zahlen wir drauf. Ist das ein Tauschhandel, oder nicht schon ein Geben, um dem Publikum den Musikgenuß zu ermöglichen? Einige Karten, die sonst unverkauft blieben, spenden wir an Sozialempfänger, die es sich sonst nicht leisten könnten…
    Also: Ich bin noch nicht so ganz entschieden, wie ich meine Musik einordnen soll. Es ist ein Geben und Nehmen, aber es ist nicht gezielt, und ich tausche keinen persönlichen Gefallen mit dem Klarinettisten, nur, damit der für mich besonders schön spielt oder so was.

    Erfolgreiche Menschen sind gut vernetzt. Sie sind zwangsläufig auf Treffen unterwegs und zeigen sich. Wie geht das mit dem Bild der erfolgreichen Geber zusammen? Ist man auf diesen Treffen, wie Du ja auch für Dich selbst festgestellt hast, nicht zwangsläufig mit vielen Leuten zusammen, die es nicht wert sind?

    Ich habe zwar das Gefühl, daß ich Dir folgen konnte, doch nicht, daß ich die 3 Typen wirklich klar unterscheiden kann.

    • Hallo Viola,

      die Übergänge sind fließend und für mich selbst sehe ich keinen Nutzen darin, mich bei jedem Menschen und jeder Handlung zu fragen, ob das Geben, Nehmen oder Tauschen ist. Ich denke, es ist schon viel geschafft, wenn wir über dieses Thema einmal nachdenken und uns selbst hinterfragen. Ich finde für mich vor allem die Erkenntnis wichtig, dass sich Geben gut anfühlt. Wenn ich das allerdings als Prämisse sehe, dann kann ich jedes Geben auf Eigennutz hinterfragen.

      Was genau das Orchesterspiel ist, kann ich nicht beurteilen. Es ist sicherlich kein Nehmen und klingt mir auch nicht nach einem Tausch, vor allem wenn ihr dabei Verlust macht. Es ist einfach etwas, das ihr für euch selbst tut und nebenbei gebt ihr eurem Publikum auch noch etwas.

      Der Argumentation, dass erfolgreiche Menschen zwangsläufig auf vielen Treffen unterwegs sind, kann ich jedoch nicht folgen oder sie zumindest nicht für mich bestätigen. Nach meinen Kriterien halte ich mich für erfolgreich, aber ich bin heute so gut wie nie auf einem Networking-Treffen. Ich würde aber grundsätzlich zustimmen, dass Networking-Veranstaltungen überwiegend von Tauschern und vielleicht auch Nehmern besucht werden.

      Beste Grüße,
      Patrick

  9. Hallo lieber Patrick,

    danke für diesen schönen Artikel! Wie ich auch an den Reaktionen der LeserInnen erkennen kann, ist es offenbar ein wenig zu vereinfacht, Menschen in drei Kategorien (vier, wenn wir noch zwischen erfolgreichen und erfolglosen Gebern unterscheiden wollen) einzuteilen. Dazu kommt, dass diese Einteilung ja auch eine gewisse moralische Wertung beinhaltet. Nehmer, Tauscher, Geber. Da steht ja direkt fest, wer der „bessere Mensch“ ist. Obwohl ich gerade den zweiten Aspekt schwierig finde, finde ich diese Einteilung in die drei Typen doch ganz interessant, vor allem wahrscheinlich, weil sie meine Erfahrung so gut wiederspiegelt.

    Ich will mir gar nicht anmaßen, mich in eine Kategorie einzuordnen, möchte aber mal kurz erzählen, welche Erfahrungen ich mit Geben, Nehmen und Tauschen gemacht habe, Ich bemerke immer mehr wie gut mir Geben tut. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, regelmäßig meine Wohnung „auszumisten“ (kein schönes Wort, aber ich denke du weißt, was gemeint ist, eine solche Gewohnheit kann ich übrigens nur empfehlen, da sie bei mir zu einem generelln Überdenken meines Konsumverhaltens geführt hat, aber das ist eine andere Geschichte ;)).

    Anfangs habe ich immer sehr mit mir gerungen, ob ich die Sachen, die ich da aussortiert habe, tatsächlich verschenken sollte. Immerhin habe ich mal Geld dafür bezahlt (sauer verdientes Geld noch dazu, als Studentin schwimme ich ja nicht drin!) und manchmal haben die Sachen sogar noch einen emotionalen Wert (z.B. die Eismaschine, die mir meine Oma geschenkt hat und mit der ich mit Freunden so leckeres selbstgemachtes Eis gezaubert habe). Da wollte ich doch wenigstens dafür belohnt werden, wenn ich es schon geschafft habe, mich jetzt von den Dingen zu trennen. Dass die Eismaschine drei Jahre ungenutzt im Keller stand, blendete ich natürlich aus ;)

    Worauf ich hinaus will, ist, dass ich letztlich doch fast alles verschenkt habe, an Fremde. Auch wenn das mit teilweise noch größerem Aufwand verbunden war, als es zu verkaufen (das bedeutet als quasi doppeltes Geben, zum einen den Gegenstand an sich und zum anderen die Arbeit, die es macht, den Gegenstand „anzupreisen“ und Termine auszumachen, wann er übergeben werden kann und und und). Aber das Geben hat mich einfach so fröhlich gestimmt: die netten Gesichter zu sehen, teilweise Geschichten zu hören (z.B. von dem jungen Papa, der die Eismaschine bekommen hat und mir geschrieben hat, wie er mit seinem Sohn dieses und jenes Eis ausprobiert hat). Das war eine viel schönere „Bezahlung“ als Geld, von dem ich vielleicht letztlich wieder Kram gekauft hätte, der irgendwann in einer „Ausmiste-Runde“ wieder hätte gehen müssen.

    Wie gesagt, eine Einteilung von Menschen in Geber, Nehmer, Tauscher finde ich stark vereinfacht und man muss meiner Meinung nach sehr vorsichtig sein, Menschen generell in „gut“ und „böse“ oder „nützlich“ und „unnützlich“ einzuteilen, aber dem Kern deines Artikels, so wie ich ihn verstehe, nämlich einfach mal öfter zu Geben und zu merken wie schön das sein kann, stimme ich voll und ganz zu :)

    Viele Grüße
    Anne

    • Hi Anne,

      danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst!

      Den Kern des Artikels hast du gut erfasst und auch nur um den ging es mir. Geben fühlt sich einfach gut an. Theoretisch weiß das jeder, aber es ist schwer umzusetzen. Wenn ich mal ausmiste (das steht demnächst wieder an), überlege ich auch zuerst, wie viel Geld ich dafür noch bekommen könnte. Am Ende kommt nicht einmal viel zusammen und ich hätte wahrscheinlich mehr davon (ein besseres Gefühl), wenn ich es verschenke.

      Die Nehmer-Tauscher-Geber-Theorie habe ich aufgegriffen, weil ich kurz zuvor den Podcast dazu gehört hatte und es ein gutes Thema fand. Wenn ich richtig informiert bin, hat es immerhin einige Menschen zum Nachdenken bewegt und das ist ja schon mal was :-)

      Viele Grüße,
      Patrick

  10. Lieber Patrick,
    danke für deinen tollen Artikel und den Denkanstoß, den du damit gibst.

    Ich glaube wir sollten die Einteilung noch um eine vierte Kategorie erweitern, den „Teilern“. Die Motivation der Geber scheint mir immer noch zu kalkuliert. Im Grunde unseres Herzens möchten wir doch alles, unser Glück sowie unseren Wohlstand, mit unseren Mitmenschen teilen. Erst dann macht es/er uns richtig Freude. Ich glaube wir alle sind Teiler. Lediglich unsere Angst verhindert es dies zu leben. Wir haben oft große Existenzangst, die zu einem Mangelbewusstsein führt. Dann versuchen wir uns materielle Sicherheit zu beschaffen. Wenn wir uns von unserer Angst befreien, sind wir frei und im Vertrauen und können geben und empfangen ohne Erwartung oder Schuldgefühl.

    • Hallo Karsten,

      das ist ein interessanter Gedanke, den ich so unterschreiben würde.
      Nur, wie können wir uns von der Angst befreien?

      • Lieber Patrick,

        es ist meist nicht leicht uns von unserer Angst zu befreien – zumal es so viele verschiedene Ängste sind die uns bedrängen. Ich glaube es ist notwendig sich seinen Ängsten zu stellen um ihnen die Macht zu nehmen. Dann lösen sie sich wie von selbst auf. Zu oft versuchen wir jedoch unsere Ängste zu verdrängen. Sie wirken dann weiter im Unbewussten. Ich versuche meine Ängste mit folgenden Schritten zu transformieren:

        1. Erkennen, dass ich Angst habe und sie bewusst benennen.
        2. Die Angst als meine Angst anerkennen und akzeptieren, dass sie da ist. Sie darf da sein, denn sie ist ein Teil von mir. Ich reagiere nicht auf sie und ich verdränge sie nicht durch Ablenkung.
        3. Da Angst ein Gefühl ist, kann ich sie im Körper fühlen, wenn sie gerade sehr präsent ist. Oft als Anspannung, Zittern, Kälte etc. Ich fühle sie einfach (lasse sie schwingen), bis sie sich auflöst.
        4. Hinter der Angst erkenne ich jetzt den dazugehörigen Schmerz. Jedes negative Gefühl ist aus diesem Schmerz entstanden. Auch den Schmerz fühle ich in mir bis er vergeht.
        5. Ich habe jetzt die wahre Ursache meiner Angst erkannt und sie transformiert.

        Mir ist wohl bewusst, dass sich dies alles etwas abgehoben anhört und die Anleitung ist sicher auch sehr kurz gefasst und daher nur grob verständlich. Für mich war es ein langer Weg zu lernen konstruktiv mit meinen negativen Gefühlen umzugehen und sie als Teil von mir anzuerkennen und somit zu transformieren. Leider kann ich keine simplere Lösung anbieten.

  11. Hallo!

    In sehr interessanter Artikel, vielen Dank. Ich persönlich würde mich im Großen und Ganzen als „großzügiger Tauscher“ bezeichnen. Das bedeutet für mich, daß ich nicht Leistung und Gegenleistung aufrechne oder nur im Hinblick auf eine zu erwartende Gegenleistung gebe. Auch wenn ich die positiven Effekte des reinen Gebens keinesfalls bezweilfe, halte ich Tauschen grundsätzlich für eine gute Methode. Jeder hat Stärken und Schwächen, jeder hat Fähigkeiten und Probleme. Durch das Tauschen kann man mit seinen Stärken und Fähigkeiten geben, kann aber auch bei Schwächen und Problemen mit Hilfe rechnen. Wenn ich Hilfe von jemandem bekomme, fühle ich durchaus eine gewisse Verpflichtung, demjenigen im Falle des Falles auch zu helfen. Dabei kann es natürlich passieren, dass ich eigentlich nicht so viel Lust auf die Hilfe habe, wenn es denn soweit ist. Da ist reines Geben sicherlich dankbarer, denn man ist freier zu geben. Andererseits gibt das Tauschen auch eine gewisse Sicherheit, wenn man selbst in Schwierigkeiten ist und sich auf andere stützen kann, denen man auch geholfen hat.
    Solche Verpflichtungen können ziemlich stressen und unangenehm sein. Da helfen mir zwei Dinge: Ich versuche mich möglichst mit Menschen zu umgeben, die ich mag. Da fällt es mir leichter, zu geben und auch anzunehmen. Bei Unbekannten fällt mir das deutlich schwerer. Dazu kommt eine gewisse Großzügigkeit und Gelassenheit. Geben fühlt sich gut an, da hat man selbst ja auch schon etwas davon. Ich erwarte auch keine 1:1 Aufrechnung, die „Buchführung“ wäre viel zu viel Stress. Wenn ich aber jemandem in der Vergangenheit schon mehrfach geholfen hätte bei einem Problem gar nichts zurückkäme, wäre ich schon enttäuscht. Tendentiell eher Verhalten eines Nehmers. Reine Nehmer gehören aber nicht zu den Menschen, die ich mag und mit denen ich mich gerne umgebe.

    Grüße
    Jens

  12. Auch wenn es lange her ist, möchte ich diesen Artikel gerne kommentieren.

    Ich bin von meiner Natur aus ein Geber. Im Leben musste ich lernen das es Nehmer gibt, die einen Geber nur ausnutzen. Deswegen gebe ich nur noch Leuten die ich mag, dann aber vom Herzen.

    Ich habe auch gemerkt das manche Tauscher sich mit Gebern schwer tun. Weil sie sich revanchieren wollen, um quitt zu sein. Dann ist es dreifach schwierig ihnen zu erklären das man nichts möchte.

    ^__^ Die Freude im Gesicht reicht mir, und es fühlt sich absolut toll an.

  13. Liebe Jasmin, lieber Patrick,

    dieser Artikel regt sehr zum Nachdenken an lässt einen hinterfragen ob man sich selber mehr zu den Gebern oder Nehmern zählt. Natürlich erhält ein Geber im besten Fall viel mehr Dankbarkeit, was ihn auch wieder zu einem Nehmer macht. Jeder muss es also für sich selbst entscheiden womit er sich am wohlsten fühlt. Fühlt man sich als Geber ausgenutzt kann dies auch zu einer Unzufriedenheit führen, was dann wieder ungesund ist.

    Mir hat dieser Artikel sehr gut gefallen, weshalb ich ihn sehr gerne bei den https://nur-positiven-Nachrichten.de auf Facebook gepostet habe. Meine Leser haben ihn ebenfalls sehr gelobt.

    Macht weiter so und viele Grüße

    Daniel

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