Vergleiche dich nicht – oder aber richtig!

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“Vergleiche dich nicht mit anderen” ist das “Liebe dich selbst” unter den Glücksratschlägen: stimmt immer und ist immer wieder aussichtslos. Für mich jedenfalls. Die Mission Impossible der Selbstoptimierung.

Ich fürchte, ich habe eine Schippe zu viel Ehrgeiz abgekriegt, als dass ich von einem Tag auf den anderen das Vergleichen ablegen könnte. Dazu reicht meine Willenskraft nicht aus. Die Denkgewohnheit hat sich eingeschliffen – und dass Gewohnheiten sich schwer ändern lassen, ist kein Geheimnis.

Vielleicht ist es auch zu einfach geworden, alles mögliche zu checken und zu vergleichen. Es kostet kaum Zeit, Geld und Mühe zu sehen, wer wie viele “Freunde” bei Facebook hat, die schönere Entenschnute zieht, mehr Rillen im Waschbrettbauch hat und öfter Wettkampfurkunden hochhält. Außerdem werden wir ständig angehalten etwas zu bewerten: Fernseh-Show-Kandidaten, Taxifahrer, Callcenter-Mitarbeiter, die Sicherheitskontrolle am Flughafen (siehe aktuelle NEON-Ausgabe) – da ist der Schritt zum Vergleich mit uns nicht weit.

Doch vielleicht liegt die Lösung nicht darin, das Vergleichen zu unterdrücken, sondern konsequent zu Ende zu führen. Dafür müssen wir uns erstmal vor Augen führen, warum wir davon profitieren.

Warum vergleichen wir uns ständig?

Beim Vergleichen geht es mehr um uns selbst als um das Objekt unserer Beobachtung: Laut Leon Festingers Theorie erfahren wir durch den sozialen Vergleich mit anderen, wo wir stehen. Die Unterschiede geben uns Aufschluss darüber, ob wir über dem Durchschnitt liegen, ganz gut dabei sind oder weit abgeschlagen sind.

Der Blick auf andere Bäuche am Strand verrät, ob wir unseren Bikini zurecht tragen oder nicht. Das Schielen auf andere beim Training zeigt, ob wir gut genug sind. Der Gehaltsvergleich unter Kollegen sagt uns, ob wir zu schwach verhandelt haben.

Manchmal streben wir bewusst einen Vergleich zu unseren Gunsten an: Bei Abwärtsvergleichen betrachten wir Menschen, die uns unterlegen sind – in dem Merkmal, das wir gerade betrachten. So steigern wir unser Selbstwertgefühl.

Wir können uns auch mit uns selbst zu einem früheren Zeitpunkt vergleichen und uns so ein gutes Gefühl verschaffen. Wenn ich mich beispielsweise an meine ersten Versuche des Schnürsenkelbindens zurückerinnere, kann ich jetzt richtig stolz auf mich sein.

Weniger stolz machen Aufwärtsvergleiche. Dabei vergleichen wir uns mit Menschen, die uns in einer Sache überlegen sind. So können wir Lernpotentiale aufdecken. Schon als Kinder haben wir auf die geschielt, die schöner ausmalen, stabilere Burgen bauen oder schneller rennen konnten. Durch Nachahmung konnten wir selbst besser werden. Manchmal forcierten das auch unsere Eltern durch Hinweise wie „Sieh mal die Jungs vom Nachbarn“ oder „die anderen in deiner Klasse“.

Meistens profitieren wir vom Vergleichen. Wir erhalten Informationen über uns selbst, lernen oder bessern unser Selbstwertgefühl auf. Kein Wunder, dass sich Vergleichen als Denkgewohnheit eingeschliffen hat und wir es immer wieder tun – selbst wenn wir uns nach Aufwärtsvergleichen unterlegen (= schlechter) fühlen.

Wann Vergleichen zum Problem wird

Ständiges Vergleichen macht unglücklich. Es führt zu Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen. Du würdest diesen Artikel nicht lesen, wenn du nicht auch diesen Verdacht oder an anderer Stelle davon gelesen hättest. (Eine inspirierende Geschichte zum Vergleichen findest du übrigens hier bei mymonk.)

Zwanghaftes Vergleichen: Es ist schwer, den Moment zu genießen, wenn der Kopf schon wieder beschäftigt ist.

    Die falschen Vergleichsobjekte: Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir immer Aufwärtsvergleiche anstellen. Wenn ich mich beispielsweise an den durchtrainiertesten Sportlern (oder den Trainern) und den erfolgreichsten Bloggern messe, glaube ich früher oder später, dass sie der Durchschnitt sind.

    Keine objektiven (vollständigen) Vergleiche: Wir lassen Kriterien weg und nehmen nur die, die uns gerade interessieren. Beispielsweise denke ich: ich würde gern so und so aussehen, aber vernachlässige alle anderen Aspekte wie geopferte Zeit, Genuss und Lebensqualität.

    Neuer Bezugsrahmen: Wenn wir umziehen, um in einer besseren Gegend zu wohnen, verändert sich unser Bezugsrahmen. Plötzlich haben alle gepflegtere Häuser und größere Autos in der Garage. Obwohl wir uns verbessert haben, sind wir in der neuen Nachbarschaft vielleicht wieder die Loser (sieheGlück kommt selten allein„).

    Warum mir gängige Tipps nicht helfen

    Ratschläge wie „Vergleiche dich nicht mit anderen!“ bauen auf Willenskraft, doch die ist leider begrenzt. Wir wollen so vieles.

    Wenn die Ratschläge tiefer gehen als “Vergleiche dich nicht”, werden oft folgende Schritte empfohlen:

    • Vergleiche im Kopf erkennen und stoppen
    • Ursachenforschung betreiben
    • Fokus auf die eigenen Stärken richten
    • Dankbarkeit üben (siehe 3 gute Dinge)
    • Nicht lästern
    • Perfektion loslassen

    Leider tappe ich im Alltag viel zu schnell in die Vergleichsfalle, als dass ich innehalten und „Stopp“ sagen könnte. Auch wenn ich die Ursachen kenne (geringes Selbstwertgefühl, zu hoher Fokus aufs Außen), hilft mir das nicht im entscheidenden Moment. Mich auf meine Stärken zu fokussieren, kostet mich viel Konzentration und kommt mir auch ein bisschen selbstverliebt vor. Immerhin übe ich mich schon länger in Dankbarkeit, versuche nicht zu lästern und habe ein Anti-Perfektionsposter über meinem Schreibtisch hängen.

    Bei den vielen gut gemeinten Tipps wird in meinen Augen immer wieder vernachlässigt, dass Vergleichen eine Denkgewohnheit ist. Das merke ich daran, wie oft, automatisiert und unbewusst ich es tue. Gängige Ansätze um Gewohnheiten zu ändern scheinen mir schwierig zu sein, denn ich kann die Auslöser schwer vermeiden und auch nur begrenzt auf soziale Unterstützung bauen. Vielleicht gibt es aber einen anderen Weg:

    Vergleiche zu Ende denken

    Negative Gedanken durch Vergleiche schwirren unfertig durch den Kopf, kommen immer wieder bzw. bleiben, da ich sie auch nicht abhaken kann. Was wäre, wenn ich sie wirklich zu Ende denken würde? Wie Tim neulich schrieb, würde die richtige Frage lauten: Will ich das ganze Paket?

    Ich mache das schon ab und zu. Beispielsweise wenn ich die Jobtitel meiner ehemaligen BWL-Kommilitonen sehe, die mittlerweile promovierte Top-Verdiener sind. Klar fühle ich als Promotionsabbrecherin und Luft-und-Liebe-Bloggerin mich erstmal schlecht. Dann denke ich aber: Was würde dieses Leben für mich bedeuten? Wenn ich ein paar mehr Kriterien heranziehe, wie z. B. Freiheit in der Aufgabenwahl, gefühlter Sinn der Arbeit, Work-Life-Balance, Flexibilität im Alltag, Selbstbestimmung etc., ginge der Vergleich für mich besser aus. Es liegt an mir soweit zu denken oder mich mit dem ersten Blick zufrieden bzw. unzufrieden zu geben.

    Wenn ich Mädels mit Sixpack sehe, denke ich erstmal: „So will ich auch aussehen.“ Der vollständige Vergleich anhand der Kriterien Verzicht auf Genuss, Nachdenken-müssen über jede Mahlzeit, Zeit für Training, Verzicht auf Lebensqualität, Entspanntheit, Lockerlassen usw., lässt mich schon anders denken. Das wäre es mir nicht wert. Damit kann ich den Gedanken zumindest für eine Weile entkräften und abhaken. Vielleicht werde ich ihn künftig schon von Weitem kommen sehen und innerlich abwinken.

    Wenn sich der nächste Vergleich in deinem Kopf anbahnt, versuch doch mal an das Gesamtpaket zu denken. Welche Kriterien lässt du sonst außen vor? Welche Nachteile könnte der Vorteil haben, den du im Visier hast? Vielleicht kannst du so die negativen Gefühle verhindern, die ein Vergleich sonst hinterlässt.


    Foto: Frau sitzt auf Felsen von Shutterstock

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