Was bei kreisenden Gedanken, ängstlicher Unruhe und schweren Entscheidungen hilft

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Abends kreisen viele Gedanken in meinem Kopf: konkrete Entscheidungen, Ängste oder Konflikte, aber auch unsortiertes Wirrwarr, das ich schwer in Worte fassen kann.

Nicht nur ich habe mit meinem Knetemischer zu kämpfen (wie mein Freund meinen hyperaktiven Kopf nennt). Mit einer Freundin sprach ich neulich über das Ziel sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen zu lassen. Sie ist wie ich ehrgeizig, gewissenhaft und ein bisschen perfektionistisch. Gute Voraussetzungen, um sich viele Gedanken zu machen und Probleme von der Arbeit mit nach Hause zu nehmen.

Das Thema Gelassenheit beschäftigt mich schon seit Jahren. Eines nervösen Abends stieß auf den Gelassenheitspodcast von Yoga Vidya (in iTunes unter „Gelassenheit Entwickeln“) und hörte mir einige Folgen an. Das Raja Yoga Modell der Ministerkonferenz blieb mir besonders in Erinnerung, weshalb ich es heute vorstellen möchte. Es kann dir und mir helfen, kreisende Gedanken beim Namen zu nennen und Ängste zu beruhigen. Den Yoga-Vidya-Artikel dazu findest du hier.

Die Ministerkonferenz ist eine Veranschaulichung wie der mentale Türsteher. Solche Bilder finde ich immer hilfreich. Vielleicht passt das Tool auch in deinen Werkzeugkoffer für mehr Gelassenheit.

Wozu eine Ministerkonferenz (wenn du nichts von Politik hältst)?

Raja Yoga bedeutet: psychologisches Yoga oder Yoga der Geistesbeherrschung. Da ich weder Yoga-Expertin noch Esoterik-Fan bin, vernachlässige ich die spirituellen Hintergründe und konzentriere mich auf die alltagstauglichen Aspekte des Konzepts.

Ein Problem bei Sorgen und Ängsten ist die Identifikation mit den Gedanken. Das bedeutet, dass wir oft nicht zwischen unserem Ich und dem Gefühl trennen können. Wir glauben eins zu sein mit einer bestimmten Angst, dem Ärger über eine Person oder den diffusen Gedanken.

Das Ziel der Ministerkonferenz ist, sich von kreisenden Gedanken zu lösen und sich auf eine Metaebene zu begeben. Das lässt Ängste leiser werden.

Die Technik verbessert zudem den Kontakt zum Unterbewusstsein. Das ist besonders wichtig, wenn du dein Bauchgefühl kaum hörst. Bei innerer Zerrissenheit erleichtert das Entscheidungen zu treffen, mit denen du dich wohlfühlst.

Außerdem siehst du, dass es keine richtigen oder falschen Gedanken gibt. Alle haben ihre Berechtigung und einen Sinn.

Gestatten: Deine zwölf Minister

Deine Minister manifestieren sich in Form von Emotionen, Erschöpfung oder auch Krankheiten. Sie zeigen sich vor allem dann, wenn sie nicht genügend Beachtung finden – wie kleine Kinder.

Manche Minister sind schon seit deiner Geburt da, andere werden mit den Jahren oder durch bestimmte Erlebnisse stärker.

Du kannst dir aussuchen, ob du dir deine Minister als Männer oder Frauen vorstellst. Ich beschreibe es so, wie es sich in meinem Kopf anfühlt:

  • Finanzminister: Er kümmert sich um meine materiellen Angelegenheiten, rät mir zu Sparsamkeit, hat Angst vor Armut und kann sich zu einem Geizkragen entwickeln.
  • Ministerin für Ruhe, Gemütlichkeit und Vergnügen (mein innerer Schweinehund): Sie sorgt für Ruhe und Regeneration und schützt mich so vor einem Burnout. Sie kann mich aber auch zu einer Couch-Potato machen.
  • Ministerin für Ernährung, Sport und Gesundheit: Sie animiert mich Obst statt Schokolade zu essen, treibt mich zu Bewegung und Vorsorgeuntersuchungen an. Nimmt sie überhand, werde ich zum Ernährungsfanatiker oder Sportjunkie.
  • Minister für Justiz, Ordnung und Gerechtigkeit: Er steht für Pflichtgefühl und Regeln, möchte Versprechen einhalten und kann zur Aufpasser-Stimme in meinem Kopf werden.
  • Ministerin für Partnerschaft, Familie und Freundschaft: Sie setzt sich für Zwischenmenschliches ein, möchte, dass es meinen Lieben gut geht und macht mich im ungünstigen Fall zur Glucke.
  • Ministerin für Soziales und Fürsorge: Sie steht für Hilfsbereitschaft, versteht und verzeiht. Ist sie zu dominant, führt das zu Selbstvergessenheit.
  • Minister für Wissenschaft, Vernunft und Weisheit: Er steht für Rationalität und hat für vieles eine Erklärung. Ist er zu stark, verdrängt er Gefühle und Bauchentscheidungen.
  • Minister für Wirtschaft, Leistung und Geschwindigkeit: Er ist macht- und erfolgshungrig. Er lässt mich ehrgeizig auf meine Ziele hinarbeiten und zum Workaholic werden.
  • Minister für Verteidigung und Sicherheit: Er lässt das Messer in meiner Tasche aufgehen, wenn mich jemand nicht gut behandelt. Er rät mir zur Vorsicht und kann mich auch mal überreagieren lassen.
  • Erziehungsministerin: Sie ist nicht nur gegenüber Kindern gefragt, sondern auch, wenn ich jemandem etwas beibringe. Manchmal will sie auch Erwachsene, wie meinen Partner, erziehen.
  • Kreativitätsministerin: Sie ist neugierig, will etwas erschaffen, Ideen sammeln und spontan sein. Sie hat keine Lust auf eintönige, stupide Arbeit.
  • Ministerin für persönliche und spirituelle Weiterentwicklung: Sie beschäftigt sich mit Sinnfragen, möchte sich weiterbilden und kann mich an vielem zweifeln lassen.

Bei den meisten Fragen in deinem Leben haben mehrere Minister etwas zu sagen. Oft verbünden sie sich, um sich Gehör zu verschaffen. Dann ist es nicht immer leicht sie auseinanderzuhalten. Lass uns an zwei Beispielen sehen, wie sie sich einmischen.

Beispiel 1: Du hast Feierabend, liegst auf der Couch und haderst mit dir, ob du Joggen gehst oder nicht.

Die Gesundheitsministerin fordert gnadenlos: „Du musst dich echt mehr bewegen, sonst wirst du krank und fett!“ Der Ordnungsminister verbündet sich mit ihr und meint: „Du hattest es dir fest vorgenommen!“ Dahingegen meint deine Gemütlichkeitsministerin: „Ruhen wir uns lieber aus, wir sind müde!“

Nüchtern analysiert der Wissenschaftsminister: „Unsere Selbstkontrolle lässt gerade abends nach. Daher fällt uns jetzt schwer uns aufzuraffen. Außerdem ist unser Blutzuckerspiegel im Keller.“

Beispiel 2: Du bist mit deinem Job unzufrieden und überlegst, ob du kündigen solltest.

Die Weiterentwicklungsministerin stellt fest: „Es ist so sinnlos, was wir jeden Tag machen!“ Dagegen der Ordnungsminister: „Du hast einen Vertrag unterschrieben!“ Wirtschafts- und Finanzminister verbünden sich und sagen: „Bald wirst du befördert, also Zähne zusammenbeißen! So schnell findest du nicht nochmal einen gut bezahlten Job.“

Die Sozialministerin spricht leise aus dem Hintergrund: „Ich würde gern Menschen helfen!“ Dadurch fühlt sich die Kreativitätsministerin animiert zu sagen: „Ich will was mit Kunst machen!“

    Du bist König!

    Nachdem du deine Minister kennengelernt hast, solltest du dir deiner Rolle bewusst sein: Du bist der König bzw. die Königin. Vielleicht verunsichert dich das, weil du glaubst von nun an alles wissen und entscheiden zu müssen. Doch es geht nicht darum, ein Tyrann zu sein, alles und jeden in deinem Reich zu beherrschen, Gedanken zu verbieten oder zu eliminieren.

    Dein Ziel ist es ein gemäßigter Herrscher zu sein, der sich beraten lässt, aber nicht hilflos ist. Du bist kompetent, kannst aber nicht alles wissen. Daher lässt du dich von Profis beraten und triffst auf Basis dieser Expertise eine wohlüberlegte Entscheidung. Es ist das Prinzip, das Patrick in seinem Bauchgefühl-Artikel beschrieben hat: die besten komplexen Entscheidungen triffst du, indem du zum Experten wirst und dann deinem Bauchgefühl folgst.

    Du musst deine Minister daher managen, sonst managen sie dich.

    Du musst deine inneren Kämpfe nicht (mehr) selber ausfechten, sondern kannst sie deinen Ministern überlassen. Sie sollen das machen. Trotzdem kannst du ihnen nicht ganz freie Hand lassen, denn manchmal werden Minister zum Tyrannen, wenn du ihnen keinen Einhalt gebietest. Daher solltest du Putschversuche erkennen und zu dominante Minister in ihre Schranken weisen.

    Wie du eine Ministerkonferenz abhältst

    Horche zunächst in dich hinein und finde heraus, wer dort spricht. Vielleicht hörst du eine besonders laute Stimme oder hast ein Gefühl, das sehr deutlich ist. Ordne dies einem Minister (oder einem Bündnis) zu. Du kannst ihm auch danken, dass er sich gemeldet hat.

    Frage dann in die Runde, wer sich noch dazu äußern möchte. Bei einem inneren Konflikt solltest du mindestens drei Minister anhören. Falls es dir schwerfällt, reichen für den Anfang auch zwei. Lass jeden zu Wort kommen, der sich bemerkbar macht.

    Manchmal reicht das schon, um die Stimmen leiser werden zu lassen.

    Wichtig ist, dass du ihre Stimmen wertschätzt, denn prinzipiell ist jeder Minister wohlwollend und bietet dir seine Hilfe an. Nimm sein Anliegen entgegen und erkenne das Gute in den Aussagen. Sage ihm:  „Danke, dass du da bist und mir immer wieder sagst, was ich besser machen kann.”

    Wenn ein Minister zu laut ist, kannst du sagen: „Schön, dass es dich gibt, aber du musst dich nicht so in den Vordergrund drängeln.“

    Nachdem du alle Stimmen gehört hast, spür in dich hinein. Fühlst du eine Tendenz – eine Sichtweise, der du dich anschließen möchtest? Hast du das Gefühl, ein Minister hat am meisten Recht? Welche Signale sendet dein Bauch aus?

    Seit Patricks Bauchgefühl-Artikel bin ich überzeugt, dass Bauchentscheidungen Vernunftentscheidungen überlegen sind. Wenn du dieses Vertrauen noch nicht hast, kannst du es zunächst bei weniger wichtigen Entscheidungen in deinem Leben ausprobieren.

    Wie ich die Technik anwende

    Die Technik schaltet meinen Knetemischer nicht aus, aber sie bringt mehr Ruhe und Ordnung hinein. Ich hatte erst erwartet, dass ich so noch mehr Stimmen höre, doch das Gegenteil ist der Fall. Eine gehörte Stimme muss nicht mehr so laut sein.

    Außerdem verschaffen mir Wiedererkennungseffekte eine gewisse Gelassenheit: “Alles klar, das ist die wieder mal die Gesundheitsminsterin. Danke, hab ich gehört!” oder “Jaja, Wirtschaftsminister, schon klar. Das erwähntest du bereits. Ich gebe mein Bestes!”

    Neulich hatte ich eine Entscheidung zu treffen, die mir Angst machte. Dank der Ministerkonferenz habe ich mich ruhig und sicher gefühlt, denn ich hatte alle Stimmen gehört und gewürdigt. Dann bin ich meinem Bauchgefühl gefolgt.

    Interessant finde ich auch den Ansatz nicht nur die eigenen Stimmen zu analysieren, sondern sich auch in andere Menschen und deren Minister hineinzuversetzen. Bei Konflikten kann ich mir dann vorstellen, was deren Wirtschafts-, Sozial- oder Erziehungsminister gemeint haben könnte.


    Wenn du dich darauf einlässt, zeigt dir diese Denkweise: Du hast alles in dir, um gelassen zu bleiben.

    Ich bin gespannt, ob dieses Konzept dich inspiriert. Deine Erfahrungen würden mich sehr interessieren – per Email oder als Kommentar unter diesem Beitrag.

    Foto: Frau vor Fenster von Shutterstock

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    12 Kommentare

    1. Wow ne sehr interessante Sichtweise. Tolle Inspiration, ich werde es mal anwenden :) Danke!

      Hugs,
      Linda

    2. Geniales Bild, das bestimmt sehr helfen wird. Ich sehe schon eine Art von Tafelrunde, an der alle Minister gleichberechtigt sitzen. Auf dem großen Stuhl, welcher auch der einzige Unterschied zu den anderen Stühlen und Plätzen darstellt, König Arthus. Er hört, und entscheidet.

      Ich bin sicher, das hilft nicht nur, das Gedankenkarussell zu beruhigen, sondern wird auch Entscheidungshilfe sein!

      Mal ne Frage: Könnte es Sinn machen, das die Konferenz schriftlich niederzulegen, also zum Beispiel mit einer Liste von Ministern, oder ist das im Hinblick auf „Bauchgefühl“ kontraproduktiv?

      • Hallo Oliver,
        Schreiben hat meiner Meinung nach noch nie geschadet :-) Dein Bauchgefühl wirst du dann immer noch spüren.
        VG, Jasmin

    3. Ein interessantes und für mich völlig neues Konzept. Ich stelle mir vor, die Schwierigkeit liegt darin, alle „Minister“ zu erkennen und zu hören. Kann mir gut vorstellen, dass diese Technik etwas an Übung bedarf. Werde es mal nach dem Yoga, wenn man eh entspannter ist, ausprobieren.

      • Hallo Jule,
        wahrscheinlich brauchst du auch nicht alle Minister zu erkennen. Es bringt dich vielleicht auch schon weiter, wenn du die lautesten erkennst.
        VG, Jasmin

    4. Hallo Jasmin,

      vielen Dank für die Erläuterung dieses Konzepts, könnte auch für mich eine Möglichkeit sein, wenn mal wieder eine schwierige Entscheidung ansteht oder ich mit etwas unzufrieden bin, dass ich mir nicht so recht erklären kann.

      Viele Grüße, Silke

    5. Sehr interessante Methode! Danke fürs Vorstellen, das kann ich mir gut vorstellen.

      Erinnert mich ein wenig an die 4 Ohren-Methode bei der gewaltfreien Kommunikation (auch wenn es etwas ganz anderes ist) – einfach das Thema aus veschiedenen Perspektiven beleuchten meine ich.

      lg
      Maria

    6. Ein interessanter Ansatzpunkt mit der Ministerkonferenz. Beim Lesen war ich gespannt, worauf das Ganze hinausläuft bis ich zur Headline „Du bist der König“ gekommen bin.

      Das hat mich zum Schmunzeln und Nachdenken gebracht. Ich werde das mal ausprobieren. Denn Sein wir ehrlich: Wem würde ein wenig mehr Gelassenheit nicht gut tun? ;)

      Lieben Gruß.

      Sebastian

    7. Moin.
      Ich bin zwar kein HSP, kann aber als sensibler, cholerisch geborener Stoiker durchaus nachempfinden, wie der HSP mit den Problemen, die ein Knetemischer mit sich bringt, zu kämpfen hat.
      Der HSP ist auf Grund seiner Veranlagung wohl leider nicht in der Lage, den Mischer für sich effizient werkeln zu lassen, da er zu viel auf die einzelnen Fragmente in dem Selben eingeht.
      Ich für meinen Teil, schmeisse Probleme in den Mischer und warte, bis er eine mögliche Lösung ausspukt.
      Die „Mischgeräusche“ ignoriere ich genauso wie die Autobahn, in deren Nähe ich groß geworden bin.
      Und genau da sehe ich das Problem:
      Der HSP ist nicht in der Lage Empfindungen, egal welcher Art, zu Filtern.
      Physische und empathische Empfindungen kann und soll man nicht dämpfen, auch wenn einem das Umfeld es sehr schwer macht.
      Aber den Knetemischer sollte man schon in den Griff bekommen, welches aber genauso schwierig und langwierig ist, wie die Wandlung vom Choleriker zum Stoiker.
      Meine Empfehlung, die ich auch immer wieder meinem HSP-Weibchen gebe:
      Die leicht;O) überzogene Frage, ob die Knetemischung wichtig für den Fortbestand des Universums ist.
      Natürlich muß jeder seine Prioritäten für sich selbst ausmachen, sollte dabei die Meßlatte aber sehr hoch anlegen.
      Z.B.: Existenzangst. In unserer Republik nicht wirklich nötig, denn so lange man satt wird und ein Dach über dem Kopfe hat, ist die Existenz nicht in Gefahr.
      Die Jenigen, die den Verlust des Autos schon als Existenzbedrohung wahrnehmen, sind hier natürlich stark benachteiligt.
      Sollte uns der Mond auf den Kopf fallen, braucht man sich um seine Existenz auch keine Sorgen mehr machen, denn sie endet in einem vorhersehbaren Zeitraum.
      Ist zynisch, aber nicht böse gemeint, sondern nur als Denkanstoß für das autogene Training, um den Mischer zu „kultivieren“.
      Immer wenn der Mischer ausser Kontrolle geräht, fragen, ob da wirklich Wichtiges gemischt wird.
      Ist ähnlich wie beim Choleriker: Muß ich mich wirklich aufregen? Och, nöö, ist unwichtig.
      Wirklich interessant wird der HSP, wenn er cholerisch veranlagt ist.
      Man gut, dass ich Stoisch kann;O)

      VlG

      • Danke Detlef, das war ein sehr interessanter Einblick in die Welt eines cholerisch geborenen Stoikers :-) Ja, die Gedanken und deren Wichtigkeit zu hinterfragen sehe ich auch als wichtigen Schlüssel. Das ist ja schon eine Art, um sich zu distanzieren. Das fällt mir mal leichter, mal schwerer. Ich glaube, ich werde mein Leben lang üben müssen.
        Ich wünsch dir allzeit stoische Gedanken und viele Grüße
        Jasmin

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