Luxusprobleme in Zeiten von Corona

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Es könnte sein, dass mein schlechtes Karma zur Corona-Krise beigetragen hat. Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen.


Vor vier Jahren erlitt mein Vater einen Herzinfarkt. Zu diesem Zeitpunkt war er 58 Jahre alt, schlank und fit. Beim Joggen fiel er eines Tages um und hatte riesiges Glück, denn zufällig entdeckte ihn jemand am Straßenrand. Zufällig kamen Menschen mit medizinischer Ausbildung vorbei und machten eine Herz-Druck-Massage. Zufällig brauchte der Krankenwagen nur wenige Minuten bis zur Unfallstelle. Die Notärztin reanimierte ihn über 40 Minuten lang. Später versetzte man ihn in ein künstliches Koma und machte uns Angehörigen wenig bis keine Hoffnung. Das Gehirn habe lange keinen Sauerstoff bekommen. Man könne die Folgen nicht abschätzen. Erst wolle man Tests machen und dann weitersehen.

Wir fuhren damals jeden Tag schnellstmöglich zur Klinik, standen am Bett meines Vaters, sprachen mit ihm, zweifelten, ob das einen Sinn habe, beschallten ihn mit AC/DC, hielten ihm ein parfümiertes Schnüffeltuch unter die – familiär bedingte – große Nase. Bei alledem hofften wir, dass er wieder aufwachen und sich erinnern möge.

Ich bin nicht gläubig, aber damals habe ich gebetet. Ich bat eine eventuell existierende übergeordnete Macht, dass mein Vater weiterleben möge. Meine Rationalität hielt dagegen, dass die Chancen zu schlecht ständen. Keiner wusste, wie viele Minuten sein Gehirn ohne Sauerstoff gewesen war. Ich weinte viel und war verzweifelt. Irgendwann schloss ich einen Deal mit Gott und versprach Folgendes:

Ich werde mich nie wieder über irgendetwas beschweren, wenn mein Vater überlebt.

Ein paar Tage später gab es Grund zur Hoffnung, denn mein Vater wurde zunehmend wacher. So etwas geht im Film immer ganz schnell: Patient*innen schlagen die Augen auf, lächeln und fangen an zu sprechen. In der Realität dauert so etwas ewig. Wenn ein Mensch zu Bewusstsein kommt, wehrt er sich gegen die Beatmung. Auch mein Vater bäumte sich auf und wollte den Tubus aus seinem Rachen ziehen. Immer wieder führte er seine Hand wie in Zeitlupe zu dem Schlauch an seinem Mund. Es mussten noch einige Stunden vergehen, bis er irgendwann alleine atmete. Als er noch eine Weile später blinzelte und zögerlich die Augen aufmachte, weinte ich die ersten Freudentränen meines Lebens.

Zur Überraschung aller war mein Vater nach wenigen Tagen wieder auf den Beinen. Eine Krankenschwester sagte uns damals, dieser Fall werde sie die nächsten zehn Jahre motivieren. So außergewöhnlich sei er gewesen. Wir schüttelten alle die Köpfe, als mein Vater die ersten Schritte über den Gang lief. Wir konnten es kaum fassen.

Ich schwebte wie auf Wolken, denn mein Vater hatte es überlebt und war ganz der Alte! Ich war mir sicher, dass mein Glückskontingent für mindestens ein Jahr oder länger aufgebraucht sei. Ich nahm mir vor, dieses Glück zu konservieren und mir Post-its zur Erinnerung überallhin zu kleben. Das tat ich natürlich nie.


Das Leben ging weiter und es fühlte sich schnell wieder selbstverständlich an, sich zu sehen oder Familienausflüge zu machen. Auch heute denke ich nicht mehr jeden Tag daran, wie dankbar ich sein könnte oder müsste. Mein Gehirn ist schließlich auch darauf trainiert, schlimme Erlebnisse zu vergessen oder zu verdrängen. Daher verblasst sowohl die Geschichte mit meinem Vater als auch mein damaliges Versprechen, mich nie wieder über irgendetwas zu beschweren.

Es war sicherlich auch überambitioniert, denn ich lebe im 21. Jahrhundert, in der modernen westlichen Welt und habe Luxusprobleme, wie z. B.: schlechtes WLAN, trampelnde Nachbarn, Menschen in der Sauna, die das Wort „Ruhe“ in „Ruheraum“ nicht verstehen, das Hoch und Runter der Temperaturen, sodass man nie weiß, welche Jacke man anziehen soll.

Luxusproblem hat zwei Bedeutungen: einerseits beschreibt es die Situation, dass man aus mehreren guten Optionen eine herausgreifen muss. Andererseits – und um diese Bedeutung geht es mir hier – meint es ein Problem, das unbedeutend ist im Vergleich zu anderen, gewichtigeren. 

Luxusprobleme sind ein Indiz dafür, dass es uns ziemlich gut geht. Nur dann haben wir Kapazitäten, um uns über Nebensächlichkeiten zu beschweren. Das zeigt, wie verschoben unser Maßstab und wie hoch unsere Ansprüche sind. Den Beweis dafür habe ich erst kürzlich selbst geliefert. Ich war im Gespräch mit zwei Freundinnen und erzählte von meiner Arbeit. Ich beschrieb, wie ausgelastet ich als Freelancerin sei, dass ich an vielen Meetings teilnähme und darüber hinaus für nichts anderes mehr Zeit bliebe. Über diese Luxussituation hörte ich mich sagen:

Es ist mir eigentlich ein bisschen zu wenig Freiheit.

Angesichts der aktuellen Situation ist mir diese Aussage mehr als peinlich. Nicht nur, dass Freiheit dieser Tage einen ganz neuen Anstrich bekommt. Auch die wirtschaftliche Situation hat sich radikal geändert. Meinem Auftraggeber sind aufgrund der Corona-Krise fast alle Kunden abgesprungen, weshalb er mich nicht mehr beauftragen kann. Damit ist meine größte Einkommensquelle versiegt, wie auch bei vielen anderen Selbständigen. Umso klarer wird mir jetzt die Arroganz in meiner Feststellung. Es ist schließlich ein Privileg, viel Arbeit zu haben, die auch noch Spaß macht.

Vielleicht hat mein schlechtes Karma zu diesem Schlamassel beigetragen. Ich bin nicht abergläubisch und mir ist klar, dass diese kreisrunden Erreger mit Stöpseln an der Corona-Pandemie schuld sind. Und doch habe ich so ein ungutes Gefühl, wenn ich an die letzten Monate zurückdenke. War ich nicht viel zu undankbar, obwohl ich mir stets vornehme, das Gute zu schätzen?

Nun, da wir weltweit ein echtes Problem haben und alle betroffen sind, sind mir all die Luxusprobleme peinlich, die ich noch vor der Pandemie beklagt habe: dass die Anwohner*innen in unserem Haus den Müll falsch trennen, dass der Kokosjogurt schon wieder ausverkauft ist oder sich die Hausverwaltung nicht um die Duschwand kümmert, die wir gern installiert hätten.

Wie schön war es doch im Vergleich zu jetzt, wo man nicht mehr uneingeschränkt rausgehen darf. Welch Luxus war es, sich jederzeit mit Freunden in Cafés zu treffen oder ins Fitnessstudio gehen zu dürfen. Wie viel leichter war es für uns, als wir uns noch nicht mit Kurzarbeitergeld oder Notkrediten befassen mussten.

Wahrscheinlich wird Corona unsere Einstellung zu Problemen ändern. Unser Maßstab wird sich zurechtruckeln und wir werden uns an den Ausnahmezustand gewöhnen. Wir werden es müssen. Wenn Hunderte Menschen an einem Tag sterben, wenn Intensivstationen überlastet sind, Regale leergekauft werden und die Wirtschaft strauchelt – dann merkt auch unsere Wohlstandsgesellschaft, was echte Probleme sind. Was uns bevorsteht, gab und gibt es andernorts tagtäglich. Aber das ist immer weit weg, wenn es in den Nachrichten kommt. Jetzt müssen auch wir mal Verzicht üben.

Dürfen wir uns künftig überhaupt noch beschweren?

Durch diese Krise werden wir ansatzweise verstehen lernen, wie es unseren Großeltern ging, als es in der Nachkriegszeit „nichts gab“ und man bei allem improvisieren musste. Wir werden Lebensmittel wieder mehr zu schätzen wissen, genauso wie öffentlich-rechtliche Medien, unsere Krankenhäuser, Mediziner*innen, Entscheidungsträger*innen in der Politik, das Verkaufspersonal in Supermärkten und anderswo, das noch arbeitet, das Internet im Allgemeinen und Toilettenpapier, das noch nie so viel Aufmerksamkeit bekommen hat wie in den letzten Tagen.

Es geht uns immer noch gut, selbst wenn wir eine Zeit lang unser vergleichsweise luxuriöses Zuhause nicht verlassen dürfen. Corona bietet die Chance, dass wir das endlich verinnerlichen. Wer es in puncto Karma wie ich etwas schleifen lassen hat, kann jetzt etwas Gutes tun: nämlich seine Menschlichkeit bewahren und Rücksicht auf Andere nehmen. Das Mindeste, das wir tun können, ist zu Hause zu bleiben und uns von anderen Menschen fernzuhalten.

Wer das unzumutbar findet, hat ein echtes Luxusproblem.

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