Was du tun kannst, wenn du dich zu dick fühlst (es aber nicht bist)

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“Ich glaube, ich denke zu viel über Essen nach.”

“Wie oft denken Sie denn darüber nach?”

“Eigentlich immer. Zu jeder Mahlzeit jedenfalls.”

“Also, ich sehe eine sehr hübsche Frau mit einer beneidenswerten Figur”, sagt meine Therapeutin. “Aber ich glaube nicht, dass Sie eine Essstörung haben. Ich denke, Sie sind psychisch aus dem Gleichgewicht aufgrund der Erlebnisse in den letzten Jahren. Wenn es Ihnen insgesamt besser geht, werden sich diese Gedanken erledigen. Wir behalten das im Auge und schauen am Ende der Therapie nochmal drauf.”

Das war in einer der ersten Sitzungen vor rund anderthalb Jahren. Meine Therapeutin sollte Recht behalten. Aber lass mich von vorn anfangen:

Wenn du meinen persönlichsten Artikel (Kräftig, nicht dick.) in diesem Blog kennst, weißt du, wie ich lange Zeit zu meiner Figur stand. Wie ich immer die dünnen Mädchen beneidete, die in Steckbriefen bedenkenlos ihr wahres Gewicht eintragen konnten. Die ohne zu zögern zur Huckepack-Übung im Schulsport aufsprangen. Die in Klassenfahrt-Freibädern bedenkenlos im Bikini die Rutsche rutschten.

Ich hoffte auf schlechtes (Bade-) Wetter, trug einen vorteilhaften Badeanzug und zog meinen Bauch ein. Auf Fotos checkte ich nacheinander mein Profil, meinen Bauch, meine Oberschenkel – schließlich mein (kräftiges, nicht dickes) Gesicht.

Mit 15 kaufte ich mir Bücher über Ernährung und Sport, fing an zu joggen und machte Kraftübungen auf meinem Teppich.

Heute glaube ich: hätte ich die gleiche Zeit in mehr Selbstliebe investiert, wäre mir Einiges erspart geblieben.

Ein Grund mehr für mich, dich heute mit Tipps über Essen und Bewegung zu verschonen. Du kennst sie alle schon.

Mir geht es allein darum, wie du mit deinen Sorgen umgehen, dich schrittweise annehmen und dein Selbstwertgefühl stärken kannst.

Auch ich habe hier noch viel Lernpotential. Glaub nicht, dass du allein bist.

Die Vielfalt des Unwohlfühlens

In meiner Naivität konnte ich mir früher nicht vorstellen, dass auch dünne Menschen an sich zweifeln könnten (Spoiler: sie tun es!). In den letzten Jahren ist mir jedoch klar geworden: die verschiedensten Menschen hadern aus den unterschiedlichsten Gründen mit sich. Genauer gesagt: fast niemand ist mit sich zufrieden. Jeder hat sein (optisches) Päckchen zu tragen.

  • Eine Freundin von mir ist klein und wird oft fälschlicherweise für eine Jugendliche gehalten. Andere Freundinnen sind groß und schlank, aber bedauern nur schwer kompatible Männer zu finden.
  • Ein Freund von mir fühlte sich jahrelang zu dünn. Nach einer Verletzung nahm er zehn Kilogramm zu (was man ihm nicht ansieht, da der über 1,90 Meter groß ist) – jetzt denkt er, er müsste “dringend mal wieder etwas machen”.
  • Erst letzte Woche klagte eine bildhübsche (und gertenschlanke) Freundin über ihre angeblich nicht straffen Oberschenkel. Ich war fassungslos und meinte: “Wenn Frauen wie du an sich zweifeln, sind wir wirklich am Ende.”
  • Eine weitere junge Frau macht bald Abi, ist hochintelligent, kreativ, sportlich, hat ein tolles Lächeln und wunderschöne Haare. Wenn nur ihre unruhige Haut nicht wäre. Ausgerechnet im Gesicht. So offensichtlich, so groß die Scham. So unnötig – in meinen Augen –, da der Makel verblasst bei all den tollen Einzigartigkeiten an ihr.

Welches Päckchen hast du zu tragen? Vielleicht magst du deine Zähne nicht,  diesen einen Leberfleck, dein Muttermal, deine Geheimratsecken. Du hättest gern deine Brille los, obwohl Brillen derzeit in sind. Möglicherweise denkst du, du hättest zu dünne Haare, zu dicke Haare, zu wenige Haare, zu viele Haare oder Haare an den falschen Stellen.

Dein bester Feind

Vielleicht hast du Recht. Du, ausgerechnet du, hast eine Extra-Portion Hässlichkeit abgekriegt. Viel wahrscheinlicher bist du aber ein ganz normaler Mensch. Bist einzigartig, hast fesselnde Augen und ein strahlendes Lächeln. Du vergleichst dich mit deinem Umfeld und bist dein schärfster Kritiker. So wie ich. Und Patrick.

So wie er mit zahlreichen Diätversuchen scheiterte, habe auch ich im Laufe der Jahre einiges probiert, um mich meinem Ideal zu nähern. Ich habe mir vorgenommen ab morgen einfach weniger zu essen, Kohlenhydrate zu vermeiden, nie wieder Süßigkeiten zu kaufen und abends zu hungern. Es brachte alles nichts, wie ich in meinen Learnings der letzten Jahre beschrieben habe.

Geerntet habe ich nur selbstdestruktive Gedanken und ein feindliches Verhalten mir selbst gegenüber. Was sollen unrealistische Vorhaben auch bringen außer Enttäuschung darüber, es wieder nicht geschafft zu haben? Wieder nicht durchgehalten zu haben. Wieder schwach geworden zu sein.

Ich habe erst spät begriffen, dass ich mein größter Kritiker bin, nicht die anderen. (Okay, gab es vereinzelte Mobbing-Vorfälle, aber das war noch zu Zeiten von Sailormoon und Tamagochis.)

Warum verhalten wir uns wie unser größter Feind, wenn wir doch genauso gut unser bester Freund sein könnten? Warum trampeln wir auf uns rum, wenn wir doch jemanden bräuchten, der uns auf die Schulter klopft, der uns auch mal lobt, der uns versichert, dass alles gut ist?

Umso bewusster wird mir die Feindlichkeit meiner Gedanken mir selbst gegenüber, wenn ich versuche mich in die Rolle eines Außenstehenden zu versetzen. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Selbstkritik jemand von außen an mich richten würde, wäre ich manchmal schockiert. Ich würde die Person meiden, denn sie tut mir nicht gut.

Ich umgebe mich lieber mit Menschen, die mir auch mal etwas Nettes sagen. Das tue ich im wahren Leben schließlich auch. Nichts gegen ein gesundes Maß an Selbstkritik! Aber wieso dem Hater in mir nicht mal einen Maulkorb verpassen?

Was du und ich lernen müssen, ist freundlich zu uns selbst zu sein. Uns mit uns selbst zu versöhnen. Frieden zu schließen.

Weil wir einzigartig sind. Weil jeder Mensch nun mal anders aussieht. Weil die Optik unwichtig ist, was aber leicht in Vergessenheit gerät – in einer Welt aus gephotoshoppten Hochglanzplakaten.

teaser gelassenheitskurs

Werde dein bester Freund

Der Gedanke ist auch für mich relativ neu: Ich kann mich bewusst dafür entscheiden freundlich zu mir zu sein. Wenn ich mich nicht darauf konzentriere, kommt automatisch der Kritiker in mir hervor und waltet – wie seit Jahren – seines Amtes. Daher muss ich mich aktiv bemühen und neue Denkmuster in mir säen. Ich brauche neue Denkgewohnheiten, die oftmals nichts mit meiner Figur zu tun haben.

Ich hätte gern eine wohlwollende Stimme in meinen Kopf, die nicht auf mir rumhackt, sondern auch mal sagt: “Du siehst gut aus. Los, zeig’s ihnen!” Oder: “Alles okay. Wenn du es hättest besser machen können, hättest du es besser gemacht.“

Im Folgenden möchte ich dir ein paar Inspirationen geben, wie du einen Schritt Richtung Selbstliebe und Versöhnung mit dir selbst gehen kannst:

  1. Lesetipp: Wenn du ihn noch nicht kennst, lies meinen Artikel Kräftig. Nicht dick. Vielleicht hilft dir das Wissen, dass du mit deinen Zweifeln nicht allein bist. Auch die zahlreichen Kommentare werden dieses Gefühl in dir verstärken.
  2. Lesetipp: Einen berührender, aber auch amüsanter Artikel über eine Frau, die sich nie fotografieren ließ und irgendwann feststellte, dass auf Fotos niemand auf ihre Figur achtet.
  3. Videotipp: Models werden von einer Horde Menschen angezogen, frisiert, gestylt und geschminkt. Trotzdem werden ihre Fotos und Spots danach bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet. Kein Wunder, dass du im Vergleich mit den unrealistischen Idealbildern immer schlechter abschneidest. Wenn du das nicht glaubst, sieh dir dieses Video an.
  4. Schreibübung: Nimm dir einen Zettel. Ja, jetzt, nicht später. Schreib auf, was du alles gut und schön an dir findest. Konzentriere dich auf deine Stärken, statt auf deine Makel. Schließe auch nicht-optische Stärken mit ein. Falls dir nichts einfällt, versetze dich in eine Außenrolle: wenn du ein/e Freund/in wärst, was fändest du schön an dir? Was kannst du gut? Wonach fragen dich andere um Rat?
  5. Visualisierung: Du willst künftig lieb zu dir selbst sein, statt dich zu bekämpfen, dir Vorwürfe oder dich niederzumachen. Stell dir vor, wie sich jemand verhalten würde, der ausnahmslos freundlich zu dir ist. Der nie auch nur einen Funken Kritik äußern würde. Was würde dieser jemand sagen? Womit würde er dich loben? Zur Erinnerung kannst du dir die Gedanken aufschreiben und dir immer mal wieder vornehmen. Du könntest sie vor dem Schlafengehen durchlesen und sie so in deinem Kopf verankern.
  6. Überlegung: Du zweifelst also wegen Makel XY an dir, okay. Überleg mal, ob er noch wichtig wäre, wenn du nur noch ein Jahr zu Leben hättest. Ich weiß, dieser Gedanke ist immer heftig, aber er hilft dir die Relevanz von Problemen einzuordnen. Wie du in dem Artikel übers Fotos-machen-lassen gelesen hast, wartet das Leben nicht. Es lohnt nicht abzuwarten, bis du irgendwann vielleicht schlanker, hübscher oder haariger bist. Während du dir Gedanken machst, geht das Leben einfach weiter.
  7. Reality-check: Eine Technik, zu der mir auch mal eine Psychologin riet, soll eigene Sorgen durch den Abgleich mit der Wirklichkeit entkräften. Du fragst dazu enge Freunde oder Familienangehörige, ob deine Zweifel berechtigt sind. Finden sie deine Nase wirklich groß? Deine Haut unrein? Deinen Bauch schwabbelig? In der Regel werden sie dir sagen, dass ihnen Makel XY noch nie aufgefallen ist. Wenn doch, werden sie dir etwas anderes Wohlwollendes sagen, weil sie dich mögen. Weil sie deine Stärken kennen und schätzen.
  8. Selbstliebe üben: Für mehr Selbstliebe sollten wir mehr Zeit mit uns selbst verbringen. Nicht im Internet surfen oder fernsehen, sondern sich bewusst etwas Gutes tun. Du kannst das in Form von Wonnezeit, einem Rendezvous mit dir selbst oder einem Selbstfürsorge-Date tun (ausführlicher hier beschrieben). In der Praxis heißt das: Verbringe regelmäßig einen Tag (ein paar Stunden/Minuten) mit dir, möglichst ohne Ablenkung. Nimm ein Bad, mache dich schön, brezel dich mal auf, pflege deine Nägel, tu, was dir guttut.
  9. Termin zur Selbstverwirklichung: Nimm dir Zeit für ein Herzensprojekt. Du wolltest schon immer mal einen Tisch bauen, eine Mütze häkeln, ein Aquarell malen oder einen Blog schreiben? Dafür ist dieser möglichst wöchentliche Termin gedacht. Selbstverwirklichung trägt zu deinem Selbstwertgefühl bei, denn du solltest dir immer wieder vor Augen führen, dass du Großartiges leisten kannst.
  10. Wenn du weitere Tipps suchst, findest du hier welche.

Übrigens: Ich formuliere bewusst vorsichtig und sage: “Beschäftige dich mit Selbstliebe” und nicht: “Liebe dich einfach selbst!” Letzteres ist als Antwort auf Figursorgen oder Probleme wie Einsamkeit usw. leicht gesagt. Doch ich weiß, wie schwer Selbstliebe ist, wenn sie jahr(zehnt)elang keine Rolle gespielt hat. Schließlich bringt es uns auch niemand in der Schule bei. Daher finde ich, braucht es eine vorsichtige Annäherung an das Thema. Zunächst habe ich mich damit beschäftigt, dass es so etwas geben könnte. Dann habe ich ein paar Blogartikel dazu gelesen und werde mir demnächst ein paar Bücher bestellen. Vielleicht helfen dir und mir aber auch schon die zehn genannten Ideen.

Meine Therapeutin hatte jedenfalls Recht: indem ich mich um mich kümmerte, traten die „Ich-bin-zu-dick“-Gedanken in den Hintergrund. Es kostete viel Mühe, mein Sozialleben zu reaktivieren, meine Selbstwahrnehmung zu stärken und einen gesünderen Egoismus an den Tag zu legen. Doch nach ein paar Monaten ging es mir damit besser. Gleichzeitig stieg mein Selbstbewusstsein. Meine Figur war dann nicht mehr so wichtig. Außerdem aß ich weniger aus den falschen Gründen, da ich einige grundlegende Probleme geklärt hatte. Somit konnte mir mein Gewissen nicht ständig Vorwürfe machen.

Ich denke heute viel weniger darüber nach, was ich wann warum esse. Das heißt nicht, dass ich nicht auch schlechte Phasen habe. Aber ich weiß in solchen Momenten, dass nicht mein Bauch das Problem ist, sondern mein Kopf.

Ich kenne ihn jetzt besser, meinen Kopf. Ich weiß, dass er sich bei allgemeiner Verunsicherung einen Schwachpunkt sucht, auf dem er rumreiten kann. Er weiß schon, womit er mich kriegt. Bei mir ist es die Figur, bei dir vielleicht die Haut oder die Nase. Statt allerdings an diesen Symptomen „herumzutherapieren“, sollten wir tiefer blicken und die wahren Gründe für die Verunsicherung erkennen: ein geringes Selbstwertgefühl und mangelnde Selbstliebe.

Daher: Sei freundlich zu dir. Dann wird vieles leichter.

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