Aus dem Leben eines Wettbewerbstierchens

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Hast du wie ich schon mal überlegt, wie dein Lebenslauf im Vergleich zu dem deiner Freunde aussieht? Würdest du wie ich nie Squash spielen ohne die Punkte zu zählen? Vergleichst du dich wie ich mit anderen im Spiegel des Fitnessstudios?

Ich bin ein ausgeprägtes Wettbewerbstierchen. Ein Wettkampftyp. Ich vergleiche mich oft, ständig, fast immer, ob ich nun will oder nicht.

Evolutionär betrachtet hätte das Vergleichs- und Wettbewerbsdenken meine Überlebenschancen als Höhlenmensch sicher erhöht. Es wäre vielleicht aber auch nach hinten losgegangen – so wie heute manchmal.

Falls es dir auch so geht, zuerst die schlechte Nachricht: Ich habe keine Lösung für dieses Problem. „Auch wir“ haben nicht auf alles eine Antwort.

Die gute Nachricht: Du bist nicht allein. Vielleicht hilft dir dieser Artikel die Hintergründe deines Vergleichsdenkens zu hinterfragen – und irgendwann auch öfter mal auszublenden.

Aber fangen wir von vorne an. Lass mich dir von mir erzählen, damit du weißt, worauf meine Gedanken beruhen.

Ehrgeiz und Auffassungsgabe im Gepäck

Eine ordentliche Portion Ehrgeiz habe ich von meinem Vater geerbt. Da meine ebenfalls angeborene Auffassungsgabe schon immer ziemlich gut war, fiel mir eigentlich alles leicht.

Ich mochte schon das Schule-Spielen im Kindergarten. Ich konnte schreiben, bevor ich in die Schule kam. In der zweiten Klasse lernte ich mit meiner Mutter Englisch-Vokabeln und die Lautschrift, weil es mir Spaß machte. Als ich ca. zwölf Jahre alt war, erklärte mir mein zwei Jahre älterer Bruder die Winkelfunktionen.

Das waren die Voraussetzungen, die mir die Schulzeit zwar sehr erleichterten, aber mein Wettbewerbs- und Vergleichsdenken auch formten und verstärkten.

Auf die Plätze, fertig, Wettbewerb!

Ich bin wirklich kein Verfechter von alternativen Schulmodellen. Doch heute schiebe ich einen Großteil meines Wettbewerbsdenkens bzw. die Verstärkung dessen auf die Schulzeit.

Wenn ich an damals zurückdenke, ist der Wettbewerb omnipräsent. Wir wurden ständig und zum Teil öffentlich mit Mitschülern verglichen. Wie sollten uns die Lehrer auch sonst bewerten?

Ich hatte nicht mal Probleme mit meinen Noten. Im Gegenteil – mir fiel das Lernen sehr leicht. Vielleicht gewöhnte ich mich deshalb auch schnell daran, in der Regel die Note 1 zu bekommen und meist Klassenbeste zu sein.

Ob ich deshalb als Streberin gehänselt wurde? Selten. Unter dem Noten-Wettbewerb hatten Andere, die Schwächeren, zu leiden.

Die Vielfalt der Vergleichsmöglichkeiten

Es gab noch viele andere Disziplinen, in denen ich mich vergleichen konnte, zum Beispiel die Figur. Als kräftiges, nicht dickes Mädchen waren Sport und Schwimmen nicht gerade meine Lieblingsfächer.

Mein Gesicht wurde im Vergleich zu anderen bei Anstrengung viel schneller rot. Die Kletterstange machte mir jahrelang zu schaffen, ganz zu schweigen vom Hüftaufschwung am Stufenbarren. Wie gern hätte ich mit einem der zarten Mädchen getauscht, die ruckzuck ihre Umdrehungen machten!

Die Königsdisziplin war das Wählen einer Mannschaft. Dabei wurde die Beliebtheit in der Klasse gnadenlos verglichen. Phasenweise war ich recht beliebt und wurde relativ am Anfang gewählt. Da ich Bälle gut fangen konnte, hatte ich das Glück nie unter den Letztgewählten zu sein.

Was muss in den Köpfen derer vorgegangen sein, die als Letzte auf der Bank die „Riegenkapitäne“ mit ihren Blicken anflehten?

Fortsetzung: Studium, Nebenfach: „Lebenslaufpolitur“

Meine Abi war sehr gut. Trotzdem zweifelte ich, ob ich das englischsprachige Bachelorstudium ohne vorheriges Auslandsjahr schaffen würde. Schließlich hatten meine Kommilitonen dieses bereits hinter sich, bevor das Bachelor-Studium losging.

Im Studium selbst setzte sich der Notenwettbewerb fort. Mir fiel es nach wie vor ziemlich leicht. Doch es gab noch ein Nebenfach, in dem sich die BWL-Studenten austoben konnten: „Lebenslaufpolitur“.

Alle vergleichen sich darin, wer die besten Praktika bei den renommiertesten Unternehmen bekommt, wer wie viele Sprachen spricht, wer welche Auslandserfahrungen hat und wer am Ende des Studiums die besten Jobaussichten hat.

In dieser Disziplin machte ich nur zum Teil mit. Mein erstes Praktikum absolvierte ich erst im vorletzten Semester zur Zeitüberbrückung nach meinem Auslandssemester. Das war bei einer kleinen Agentur (mit Patrick als Chef), während andere fleißig ein Praktikum nach dem anderen bei großen Unternehmensberatungen machten.

Nach dem Bachelor wurde ich dort in der Agentur Trainee, während die meisten Kommilitonen den Master direkt anschlossen. Natürlich fragte ich mich, ob die Studienunterbrechung ein Fehler sein würde. Wir sind schließlich darauf getrimmt etwas – besser gesagt: alles – durchzuziehen, was wir anfangen.

Nach zwei Jahren in der Agentur machte ich letztendlich noch meinen Master. Danach wurde ich wissenschaftliche Mitarbeiterin – das ideale Umfeld für ein Wettbewerbstierchen: Papers, Poster, Konferenzbeiträge – die Vergleichsmöglichkeiten sind endlos.

Ich fing auch sogleich an mich abzustrampeln und schrieb vor Vertragsbeginn mein erstes kleines Paper. Ein Dreivierteljahr später war ich so erschöpft, dass mir alles sinnlos erschien. Ich kam mir schlecht vor. Das absehbare Pensum über die kommenden Jahre erschien mir unrealistisch. Mir blieb nichts anderes übrig als zu kündigen.

Du kannst dir vorstellen, wie schwer mir das fiel, nachdem ich davor 25 Jahre lang immer alles gut bis sehr gut geschafft hatte. (Ja, man kann sich auch mit sich selbst zu einem anderen Zeitpunkt gut vergleichen!)

Wie du vielleicht schon über mich gelesen hast, entstand daraufhin Healthy Habits.

Glaub nicht, dass ich auf dem Weg zum gesunden Gewohnheitstier das Vergleichsdenken abgelegt habe. Die Bloggersphäre ist ideal geeignet, um mich weiter an anderen zu messen – auch wenn ich für mich und niemand anderen blogge.

Auch mit Patrick vergleiche ich mich natürlich. Er hat viel mehr Erfahrung als ich, bringt schon eine große Community mit und hat schon einige Tausend Bücher verkauft.

Manchmal ist mein Vergleichsdenken destruktiv. Das war auch schon früher so, aber erst heute bin ich soweit die Ursachen zu hinterfragen und an Lösungen zu forschen.

Woher das Vergleichsdenken kommt und was es bewirkt

Meine Kurz-Biografie zeigt, dass neben Erbanlagen die Erziehung und das Schulleben eine Rolle spielen. Warum vergleichen wir uns aber, wenn die Gegenüberstellung für uns schlecht ausgeht und wir uns anschließend mies fühlen? In Depri-Stimmung hätten wir als Höhlenmensch nie ein Mammut erlegt, oder?

Natürlich hat der soziale Vergleich auch einen Sinn. Anhand eines Vergleichs, wissen wir, wo wir stehen. Absolute Werte sagen wenig aus. Sind 1.000 Euro wenig oder viel? Sind drei Praktika genug? Erst der Vergleich mit möglichst ähnlichen Menschen liefert uns brauchbare Erkenntnisse.

Das treibt uns an, alles mit allem zu vergleichen. Hier sind einige Beispiele:

  • Wir beäugen das Auto neben uns an der Ampel.
  • Eltern messen sich daran, wie gut und wie lange ihr Baby schläft.
  • Unter Kollegen messen wir uns anhand des Gehalts, Jobtitels und der Aufgaben/Kunden.
  • Wenn wir zu Besuch sind, checken wir die Wohnung/das Haus, die Lage, die Einrichtung, das Essen, etc.
  • Wir stalken Fotos, Posts, etc. auf sozialen Netzwerken.
  • Wir versuchen uns gegenseitig mit unseren Reisezielen zu beeindrucken.

Vergleiche zeigen uns theoretisch Defizite auf, anhand derer wir unsere Potentiale erkennen und wachsen können (Aufwärtsvergleich). Das hat irgendwann mal das Überleben gesichert, beispielsweise als der Eingeborenenkollege viel schneller rannte, lauter brüllte und den Speer genauer warf. Nachahmen lohnte sich!

Andererseits können wir auch Selbstbewusstsein daraus schöpfen, wenn wir in einer Disziplin besser abschneiden (Abwärtsvergleich). Das mochen wohl eher die selbstbewussten Typen unter uns.

Mein bis heute nicht ganz löschbarer Minderwertigkeitskomplex verstärkt das Bedürfnis nach Informationen. Ich möchte stets wissen, wo ich stehe, da ich es offenbar selbst nicht mit Sicherheit weiß.

Das Wettbewerbsdenken ausschalten?!

Das größte Problem sehe ich darin, dass ich zu oft Aufwärtsvergleiche anstelle, die ich nicht so positiv deute, wie die Theorie vorschlägt. Ich sehe nicht die Potentiale, an denen ich wachsen kann, sondern ich denke eher: „Warum kann ich das nicht?“ und „Wie schlecht bin ich eigentlich?“

Die Ursachen zu kennen ist sicher der erste Schritt, um sich weniger oft zu zermartern. Aber machen wir uns nichts vor: Ich werde das Wettbewerbsdenken nie ganz ablegen können!

Ich habe neulich einen Artikel gelesen, der zehn Lösungsansätze für Vergleichsdenker vorschlägt. Die meisten Tipps sind gut gemeint, aber ich werde sie in der Praxis kaum abrufen können.

Nützlich war der Tipp zu hinterfragen, woher das Vergleichsdenken im betreffenden Moment (oder auch generell) kommt.

Wenn wir ehrlich sind: Es fehlen uns in der Regel nicht einfach Informationen, sondern Bestätigung. Positives Feedback. Wir wollen ab und zu hören, dass alles gut ist.

Das brachte mich auf die Idee, das Bedürfnis nach Anerkennung öfter auszusprechen. Das fällt mir nicht leicht, aber Außenstehende bekommen nur so eine Ahnung von meiner Unsicherheit.

Ein weiterer Weg zu mehr Anerkennung ist: selber den ersten Schritt zu tun und öfter Komplimente zu verteilen. Es werden automatisch auch Komplimente zurückkommen, denn die meisten Menschen sind Tauscher.

Übrigens probiere ich gerade erstmals Yoga. Vielleicht tut mir ganz gut, dass die Teilnehmer dort explizit gebeten werden den Wettbewerbsgedanken draußen zu lassen.


Bist du ein Wettbewerbstierchen? Ein Vergleichsdenker? Wie gehst du damit um? Schreib doch einen kurzen oder gern langen Kommentar unter diesen Beitrag!


Foto: Schwimmer von Shutterstock

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