Warum es mir schwerfällt, Geburtstag zu feiern

Zum Beitrag

Es gibt zwei Tage im Jahr, vor denen es mir stets graut. Der eine ist mein Geburtstag, der andere ist Silvester. Zwei mit Bedeutung aufgeladene Tage, die ich am liebsten überspringen würde. Silvester ist noch weit weg, darum kümmern wir uns ein anderes Mal. Aber mein Geburtstag ist schon heute und dieses Jahr soll alles anders werden.

Na ja, mal sehen.

Am liebsten wäre es mir, unauffällig durch einen Geburtstag zu kommen. Niemand weiß Bescheid, ich fahre weit weg. So entledige ich mich der Bedeutungsschwere. Zeitweilig hatte ich das Datum in sozialen Netzwerken nicht freigegeben, bis ich einsah, dass das unfair ist. Ich kann mir selbst keine Geburtstage merken, ohne bei Facebook oder Xing nachzuschauen.

In den letzten 20 Jahren habe ich meinen Geburtstag genau dreimal gefeiert. Das erste Mal nur, weil es ein gemeinschaftlicher Geburtstag mit einer Kollegin war und sie das so vorschlug. Ich lud vier Leute ein. Ein anderes Mal gab mir jemand einen Schubs, eine kleine Grillrunde in meiner Agentur zu schmeißen. Angenehm war mir das nicht, denn Mitarbeiter müssen ja kommen und der kleine Mann in meinem Kopf redete mir ein, dass die Leute nur da sind, weil sie es müssen.

Dieses Kopfkino bietet schon einen Vorgeschmack auf die Gründe, weshalb ich selten meinen Geburtstag feiere:

  • Ich habe geglaubt, ich sei es nicht wert. Gut gemeinte Sprüche wie „Lass dich ordentlich feiern“ konnte ich nicht ernst nehmen. Warum sollte ich mich feiern lassen und von wem?
  • Ich stehe ungern im Mittelpunkt. Die Aufmerksamkeit mehrerer Menschen gleichzeitig ist mir unangenehm.
  • Ich habe befürchtet, dass niemand kommen würde (denn ich fühle mich manchmal einsam).
  • Und falls doch jemand gekommen wäre, war ich mir nicht sicher, ob sie wirklich da sein wollten oder nur nicht Nein sagen konnten.
  • Ich wollte nicht, dass sich jemand um ein Geschenk bemühen muss. Die Leute haben schon genug zu tun.

In rationalen Momenten klingt das absurd, aber ich bin nicht immer rational. Das alles sind klare Symptome für ein geringes Selbstwertgefühl. Das war bei mir nie hoch und das ist es auch heute nicht. Zwar geht es aufwärts, dennoch spuken mir solche Gedanken immer noch durch den Kopf. Manchmal wäre ich gern mehr Narzisst, aber das habe ich nicht in mir. Anstatt mich aus vollem Herzen selbst zu lieben starte ich an solchen Tagen erst recht ein negatives Gedankenkarussell.

Die dritte Feier der letzten 20 Jahre fand im letzten Jahr statt. Da fasste ich mir unter Schmerzen ein Herz und lud drei Freunde mit ihren Partnern in ein Restaurant ein. Die Einladungen formulierte ich unter Verwendung möglichst vieler Relativierungen („Wenn ihr nicht könnt, ist das kein Problem.“ / „Ein Geschenk ist nicht nötig.“). Wie durch ein Wunder sagten alle drei zu und schienen sich auch noch zu freuen.

Der Abend war gut und ich froh, mich durchgerungen zu haben. Mein Kopf spielte allerdings noch nicht so richtig mit. Ich war etwas melancholisch angesichts des mit Bedeutung überladenen Tages. Trotzdem war es ein Schritt vorwärts, zumindest so zu tun, als hätte ich ein gutes Selbstwertgefühl. In diesem Fall glaube ich an Fake it till you make it – mich so zu verhalten, als wäre ich bereits da wo ich hinwill.

Dieses Jahr zwinge ich mich zum nächsten Schritt. Ich lade eine größere Runde zu mir nach Hause ein. Zehn bis 15 Freunde werden wohl kommen. Die Überwindung dazu war wieder groß. Erst schob ich es vor mir her, dann fühlte ich mich antriebslos und gelähmt. Aber ich wusste innerlich, dass es für mich persönlich ein wichtiger Schritt sein würde. Erst später dachte ich mal darüber nach, warum das so ist – was gute Gründe dafür sind, meinen Geburtstag zu feiern, auch wenn sich der Kopf dagegen wehrt.

10 Gründe, trotzdem Geburtstag zu feiern

  1. Ich zeige Freunden, dass sie mir wichtig sind
  2. Ich lasse Freunde mehr an meinem Leben teilhaben
  3. Ich erkenne an, dass ich wichtig bin
  4. Es wird mal Zeit
  5. Nur wer einlädt, wird auch mal eingeladen
  6. Es ist ein guter Anlass zu kochen
  7. Eine gute Übung für die Gastgeberrolle
  8. Ich akzeptiere damit eine soziale Norm
  9. Ich erweitere meine Komfortzone, indem ich Ängsten begegne
  10. Eine sonst leere Wohnung füllt sich mit Menschen

Wenn das nicht ausreicht, dann weiß ich auch nicht. Und oft weiß ich wirklich nicht. Aber dann tu ich so als ob: I fake it till I make it.

PS: Ich wünsche mir keine Dinge und keine großen Erlebnisse, aber habe ein paar Wünsche fürs Leben.

Teile diesen Artikel

Ähnliche Artikel


39 Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.