5 Bausteine für ein besseres Selbstwertgefühl


Wir machen komische Sachen, wenn unser Selbstwertgefühl gering ist: Zum Beispiel tragen wir Bauch-Beine-Po-weg-Hosen, verstellen unsere Stimme oder machen uns über andere lustig, um von uns selbst abzulenken. Wir sagen Ja, wenn wir Nein meinen, nehmen Kritik persönlich und fühlen uns schnell angegriffen. Wir sehnen uns nach Lob, bringen es aber selbst kaum über die Lippen. Unsere Stärken vernachlässigen wir, doch unsere Makel können wir im Schlaf aufzählen. Macht uns jemand ein Kompliment, streiten wir es ab. Wir stürzen uns in Beziehungen mit Menschen, obwohl unser Bauchgefühl bestenfalls durchwachsen ist. Wir bleiben bei ihnen, auch wenn sie uns schlecht behandeln. Oder wir glauben gar nicht erst daran, liebenswert zu sein und jemals das Interesse einer Person dauerhaft zu verdienen.

Mit einem geringen Selbstwertgefühl sind wir unser eigener bester Feind. Wenn es schlecht läuft, führen wir Krieg – gegen uns selbst und andere.

Laut dem Psychologen Nathaniel Branden sind nahezu alle unsere Probleme auf ein geringes Selbstwertgefühl zurückzuführen. Trotzdem ist das Thema unterrepräsentiert. Kaum jemand redet oder schreibt darüber. Wer gibt schon gern zu, dass er nicht die beste Meinung von sich selbst hat? Bis auf ein paar für Suchmaschinen geschriebene Texte und den üblichen „schnellen Tricks“ aus Frauenzeitschriften hat das Internet diesbezüglich wenig zu bieten.

Patrick und ich gehören zu den Menschen mit ausbaufähigem Selbstwertgefühl. Gleichzeitig sind wir abgeturnt von inspirierenden Sprüchen auf malerischen Sonnenuntergangsfotos, Affirmationen und „Liebe dich selbst!“. In unseren Augen brauchen wir mehr ehrliche Texte mit fundiertem Hintergrund, wie ihn Nathaniel Branden bietet. Sein Buch „Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls“ hat einen meiner engsten Vertrauten zu tiefgründigen Veränderungen in seinem Leben veranlasst. Als wir darüber sprachen, begann ich die Tragweite des Themas zu erahnen. Brandens Buch „How to raise your self-esteem“ hat mich daraufhin im positiven Sinne erschüttert und zu diesem Artikel motiviert.

Du erfährst im Folgenden, was Selbstwertgefühl ist, was wir für ein besseres Selbstwertgefühl tun können, und welchen Hindernissen du begegnen wirst. Du wirst überrascht sein, was alles zu diesem Thema dazugehört.

Selbstwertgefühl unter der Lupe

Selbstwertgefühl ist, wie wir über uns denken und fühlen. Genau genommen ist es kein Gefühl und keine Emotion im engeren Sinne. Es wäre daher korrekter1 von Selbstwert oder Selbstwertschätzung zu sprechen, denn es ist der Wert, den wir dem Bild von uns selbst beimessen.

Es ist auch das Gefühl von Kompetenz bzw. die Antwort auf die Fragen: „Schaffe ich das? Bin ich gut genug?“ Wer kennt diese Fragen nicht vor einer Präsentation, einem Vorstellungsgespräch oder dem Veröffentlichen eines Blogbeitrags?

Selbstwertgefühl ist nicht, wie andere über uns denken. Es ist auch nicht, wie viel wir verdienen, welches Auto wir fahren oder wie wir aussehen.

Studien zufolge gibt es keine Korrelation zwischen schulischen Leistungen, dem Aussehen, der Beliebtheit bei anderen, der Konfliktfähigkeit und der Selbstbehauptung mit dem Selbstwertgefühl.2 Trotzdem beeinflusst unser Selbstwertgefühl, wie wir denken und handeln – ob im Beruf oder im Privaten, gegenüber uns selbst oder anderen.

Menschen mit einem hohen Selbstwertgefühl stehen zu sich selbst. Sie akzeptieren sich, was nicht heißt, dass sie alles an sich mögen oder nicht mehr an sich arbeiten. Sie sind ehrlich und authentisch, können Liebe geben und zufrieden sein ohne ständig irgendetwas (Aufmerksamkeit, Materielles, Mitleid) zu brauchen. Das macht sie zu guten Partnern, Freunden, Kollegen und Eltern.

Das Gegenteil kannst du dir leicht ausmalen. Jemand mit geringem Selbstwertgefühl wertet andere ab, um sich selbst besser zu fühlen. Er versucht über materielle Signale („mein Haus, mein Auto, mein Boot“) Anerkennung zu bekommen, die er selbst nicht zollen kann. Die meisten von uns liegen irgendwo zwischen diesen Extremen.

Die Bausteine des Selbstwertgefühls

Viele von uns glauben, dass materieller Wohlstand, Karriere, Schönheit und Aufopferung für andere Menschen die Quellen des Selbstwertgefühls sind. Kein Wunder, denn so lernen wir es von klein auf. Unsere gesellschaftlichen Normen und Werte sind darauf ausgelegt. Auf die wahren Quellen stoßen wir nur, wenn wir uns gezielt mit ihnen befassen oder eine Psychotherapie machen.

Selbstwertgefühl hat viele Facetten. Ich stelle es mir wie ein Dach vor, das von verschiedenen Säulen getragen wird (um bei dem Bild von Nathaniel Branden zu bleiben). Die Säulen stehen dafür, wie wir leben und unser Leben sehen, wie viel Verantwortung wir übernehmen und ob wir authentisch sind. Allein diese vielen Bedingungen verhindern Abkürzungen oder schnelle Tricks wie „Tue XY, dann hast du ein hohes Selbstwertgefühl!“ Sprich: An das Dach selbst kommen wir nicht heran, aber wir können die Säulen verstärken.

Es folgen jetzt die fünf wichtigsten Bausteine für ein gesundes Selbstwertgefühl. (Es könnten auch Schritte sein, sie sind aber nicht unbedingt chronologisch abzuarbeiten.) Über jeden einzelnen Baustein könnte man Bücher schreiben, aber ich versuche trotzdem ihnen in aller Kürze gerecht zu werden. Für mehr Details empfehle ich dir „How to raise your self-esteem“ zu lesen. Wenn du an deinem Selbstwertgefühl arbeiten möchtest, wirf einen Blick auf jeden dieser Bausteine in deinem Leben.

1. Selbstkonzept – die selbsterfüllende Prophezeiung

Das Selbstkonzept ist das Bild, das wir von uns haben. Es ist das, was wir zu sein glauben. Es ist aber auch, was wir glauben werden zu können – eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn wir uns immer wieder sagen, dass wir nichts können, wird es sich bewahrheiten.

Je positiver unser Selbstkonzept, desto höher unser Selbstwertgefühl. Gleichzeitig – und das wirst du bei allen anderen Bausteinen auch beobachten – ist es auch andersherum: Je höher das Selbstwertgefühl, desto positiver das Selbstkonzept. Beides verstärkt sich gegenseitig. Beides ist Ursache und Wirkung.

Mein Selbstkonzept ist weder durchweg positiv, noch negativ. Ich sehe Stärken, aber auch Schwächen. Immerhin beinhaltete mein Bild von mir die Option Selbständigkeit. Ich konnte mir vorstellen das Zeug dazu zu haben, während viele Freunde von mir sofort meinten: „Das wäre nichts für mich!“

Es folgt ein Beispiel dafür, wie das Selbstkonzept sich durch externe Einflüsse wandeln kann – sowohl zum Positiven, als auch zum Negativen. Ich kannte jemanden, der in seinem Job immer nur undankbare Aufgaben bekam – keine Projekte, in denen er sich profilieren konnte. Sein geringes Selbstvertrauen und der mangelnde Glaube an sich selbst waren eine selbsterfüllende Prophezeiung. Mit jedem Fehler und jedem Misserfolg litt das Bild, das er von sich selbst hatte. Außerdem erntete er ständig Kritik. Irgendwann glaubte er dieser, ging leicht geduckt, sprach leise und entschuldigte sich schon von vornherein für seine Fehler. Er war ein ideales Opfer.

Aus mangelnder Perspektive bewarb er sich schließlich woanders und war nach dem Assessment Center wie ausgewechselt. Er hatte zu den Besten gehört und den Job bekommen! Sein Bild von sich selbst fing an sich zu wandeln. Später trugen Motivationsworkshops dazu bei, dass sich sein Selbstkonzept in Richtung eines erfolgreichen Mannes entwickelte.

Es wird sich zeigen, ob sein positives Selbstbild nur an Erfolge geknüpft ist, oder ob es auch Bestand haben wird, wenn diese ausbleiben. Trotzdem wird das Ablegen der Opferrolle in jedem Fall hilfreich sein – auch bei anderen Arbeitgebern und im Privaten.

Ich glaube nicht an einen Schalter, um ab sofort ein besseres Bild von sich zu haben. Aber wir können uns der Dinge bewusstwerden, die wir über uns denken. Wir können einen Zettel nehmen und all die wirren Gedanken und Beobachtungen aufschreiben. Dann können wir sie mit engen Vertrauten besprechen und abgleichen – wenn wir wollen.

Übung

Nimm dir einen Zettel zur Hand und beschreibe mit mindestens zehn Stichpunkten das Bild, das du von dir selbst hast. Was siehst du, wenn du dich siehst? Achte darauf, ob es dein Bild von dir ist oder was andere sehen (sollen). Bleib bei dem, was du denkst.

Bestimmt willst du auch erstmal weiterlesen, aber ich ermuntere dich dazu über diesen Baustein nach der Lektüre dieses Artikels nachzudenken. Ich werde dich daran erinnern.

2. Bewusstes Leben – Augen auf oder zu?

Bewusstes Leben heißt zu sehen, was ist, bzw. sich zu weigern die Augen zu verschließen. Es bedeutet offen zu sein, Verantwortung für seine Wahrnehmung zu übernehmen und es nicht lieber nicht wissen zu wollen.

Du hast bestimmt schon Situationen erlebt, in denen du wusstest, dass etwas nicht stimmt. Trotzdem wolltest du es lieber nicht so genau wissen. Das wäre die unbewusste Art zu leben. Sich fürs Hinsehen und Bewusstmachen zu entscheiden wäre die (bessere) Alternative.

Bewusstes Leben ist wichtig, denn es schadet unserem Gefühl etwas wert zu sein, wenn wir unsere Fähigkeiten nicht nutzen. Rationales Denken ist eine dieser Fähigkeiten. Es geht um den Ruf, den du dir selbst gegenüber (zu verlieren) hast.

Beispiel 1: In einer Beziehung merken wir oft, wenn es dem anderen nicht gut geht, er mit etwas zu kämpfen hat oder dabei ist einen Fehler zu machen. Es ist eine bewusste Entscheidung, ob wir auf ihn zugehen und das Gespräch suchen oder wegsehen. Das Bewusstsein kann sich folglich auch auf Zwischenmenschliches bzw. einen anderen Menschen erstrecken. Wollen wir ihn in seiner Gänze (seinen Problemen, Gedanken, Ängsten) sehen oder Dinge ausblenden?

Beispiel 2: In der Kennenlernphase einer Beziehung können wir die Augen aufmachen – oder sie verschließen und uns die Dinge schönreden. Wir können Warnsignale erkennen und daraufhin Abstand halten oder unserer Wahrnehmung misstrauen und weiter hineinschlittern.

Ich fühlte mich vor Jahren so geehrt jemanden abbekommen zu haben, dass ich meine Wahrnehmung ignorierte. Sie wurde überstrahlt. Doch die Merkwürdigkeiten des Anfangs manifestierten sich im Laufe der Zeit. Auch später wollte ich nicht wahrhaben, dass ich unglücklich war. Aber natürlich litt mein Selbstwertgefühl, während ich in der ungesunden Beziehung blieb.

Beispiel 3: Auch im Job können wir mit offenen Augen auftreten (bewusst) oder mit Scheuklappen das tun, was wir für richtig halten (nicht bewusst). In meinem ersten Job war ich z. B. aufnahmefähig wie ein Schwamm und lernte mehr als in fünf Jahren Studium. Andere Kollegen wollten alles so machen, wie sie glaubten, dass es richtig war. Sie brachten wenig zustande, vertrugen aber auch keine Kritik. Irgendwann wollte niemand mehr mit ihnen arbeiten, was sie wahrscheinlich auch erfolgreich verdrängten.

Bewusstes Leben ist anstrengend, denn es führt unbequeme Wahrheiten vor Augen. Es verlangt uns Entscheidungen ab. Manchmal müssen wir uns auch Fehler eingestehen, z. B. dass wir es hätten besser wissen können.

Um dein Selbstwertgefühl zu fördern, solltest du bewusst leben – auch wenn es schwierig ist.

Übung

Wahrscheinlich gibt es Bereiche in deinem Leben, in denen du bewusster agierst als in anderen. Um dich dem Thema zu nähern, empfehle ich dir eine Übung aus „How to raise your self-esteem“ von Nathaniel Branden. Notiere und vervollständige zunächst diese Sätze auf einem Zettel:

  • Bereiche, in denen ich bewusst agiere, sind …
  • Bereiche, in denen ich weniger bewusst agiere, sind …

Nathaniel Branden schlägt daraufhin vor, die Gründe für das niedrige Bewusstsein mit einer Satz-Vervollständigungsübung zu erforschen. Greife dir einen der Bereiche mit niedrigem Bewusstsein heraus. Schreibe nun nacheinander folgende Satzanfänge auf und vervollständige sie mit je 6 bis 10 Satzenden:

  • Das Schwierige daran, mit vollem Bewusstsein dabei zu sein, ist …
  • Das Gute daran, nicht mit vollem Bewusstsein dabei zu sein, ist …
  • Wenn ich mit vollem Bewusstsein dabeibleiben würde, …

Es könnte so etwas herauskommen:

  • Das Schwierige daran, in meiner Beziehung mit vollem Bewusstsein dabei zu sein, ist …
    • dass ich meistens müde bin
    • dass es mich nervt
    • dass ich dann Dinge anders machen müsste
    • dass ich manches lieber nicht wissen will
    • dass wir uns dann streiten würden

Grundsätzlich solltest du beim Satzvervollständigen alles aufschreiben, was dir in den Sinn kommt. Auch wenn sich Dinge auf den ersten Blick widersprechen.

3. Selbstakzeptanz

Die Entscheidung die Augen aufzumachen fällen wir auch bei uns selbst: bei unserem Körper, unseren Stärken und Schwächen. Nur was wir wahrnehmen, können wir auch akzeptieren – und Selbstakzeptanz ist ein wichtiger Schritt zu einem gesunden Selbstwertgefühl.

Akzeptanz heißt sich mit der Realität abzufinden, aber nicht alles zu mögen. Ich kann beispielsweise meine Ängstlichkeit akzeptieren, ohne sie gut zu finden. Das ist unabdingbar, wenn ich mich verändern will. Erst wenn ich mir dessen bewusstwerde, dass und worüber ich mir Sorgen mache, kann ich handeln. Wer weniger ungeduldig sein will, aber die Symptome der Ungeduld nicht registriert, kann sich nicht bessern. Wer abnehmen will, seine Fressattacken aber verdrängt, wird nicht vorankommen.

Es ist wichtig sowohl Schwächen, als auch seine Stärken zu akzeptieren. Vielleicht gehörst du zu denjenigen, die nur ihre Makel sehen, aber alle Vorzüge verdrängen. Dann bist du anfällig für das Hochstaplersyndrom.3 Demnach glauben Betroffene trotz offensichtlicher Beweise für ihre Fähigkeiten nichts vorzuweisen zu haben und nur durch Glück Erfolg zu haben. Sie glauben früher oder später aufzufliegen. Auch Patrick und ich kennen das. Wir glauben manchmal irgendwann enttarnt zu werden als ganz normale Menschen, die doch von nichts eine Ahnung haben.

Im Idealfall erstreckt sich die Selbstakzeptanz auf Gefühle, Fähigkeiten, Erfahrungen und Sub-Persönlichkeiten. Es geht auch um Dinge der Vergangenheit. Dinge, die du dir vielleicht bis heute nicht verziehen hast, die du gesagt oder verschwiegen hast. Gedanken, die du gedacht hast, die du auch heute wegschiebst, sobald sie auftauchen.

Ich werde langsam besser in dieser Disziplin. Die Entdeckung des HSP-Themas aber auch das Lesen über ängstliche Persönlichkeiten haben dazu beigetragen. Ich bekämpfe seltener die Gedanken, die sowieso auftauchen. Ich akzeptiere sie und weiß, woher sie kommen. Das klingt nichtssagend, ist es aber nicht. Auch mit so manchem Bereich meines Körpers habe ich mittlerweile Frieden geschlossen.

Um deine Selbstakzeptanz zu stärken, lege ich dir die folgende Übung ans Herz. Ich bin mir sehr sicher, dass du über die aufkommenden Gedanken überrascht sein wirst. Ich war es auch.

Übung

Es gibt Bereiche in deinem Leben, die du mehr oder weniger akzeptierst. Nähere dich diesen Themen, indem du eine Übung aus „How to raise your self-esteem“ machst und folgende Sätze vervollständigst:

  • Eine meiner Emotionen, die ich nur schwer akzeptieren kann, ist …
  • Eines der Dinge, die ich getan habe und nur schwer akzeptieren kann, ist …
  • Einen Gedanken, den ich gern verdränge, ist …
  • Was ich an meinem Körper nur schwer akzeptieren kann, ist …
  • Wenn ich meinen Körper mehr akzeptieren würde, …
  • Wenn ich ehrlicher in Bezug auf meine Wünsche und Bedürfnisse wäre, …
  • Das Angsteinflößende daran sich selbst zu akzeptieren, ist …
  • Wenn andere Leute wüssten, dass ich mich mehr akzeptiere, …
  • Das Gute daran sich selbst zu akzeptieren könnte sein, dass …
  • Mir wird bewusst, dass …
  • Mir wird langsam klar, dass …
  • Wenn ich lerne meine Erfahrungen nicht mehr abzustreiten, …
  • Wenn ich mal tief einatme und mir erlaube mich selbst zu akzeptieren, …

4. Verantwortung für sich selbst übernehmen

Es macht einen großen Unterschied, ob wir uns verantwortlich fühlen oder nicht. Denken wir beispielsweise an eine Grillparty: Wie erlebst du sie, wenn du verantwortlich bist? Wie, wenn nicht? Keine Verantwortung zu haben ist definitiv weniger anstrengend (nicht einkaufen müssen, weniger Vorbereitung, weniger Geschleppe etc.). Es bedeutet aber auch, dass du mehr ausgeliefert bist. Als Organisator hast du in der Hand, was es zu essen gibt, wer eingeladen ist und wo ihr grillt. Nach dem Trubel gehst du wahrscheinlich sehr zufrieden ins Bett in dem Wissen: Du hast alle zusammengetrommelt und den schönen Abend initiiert. Du warst nicht nur dabei.

Du ahnst es schon: Das Leben ist ein bisschen wie eine Grillparty. Wir können dabei sein oder die Initiative ergreifen – nicht nur für andere, sondern in erster Linie für uns selbst. Diese Haltung stärkt unsere Selbstwirksamkeit, d. h. das Gefühl die Dinge in der Hand zu haben. Dies ist ein wichtiger Glücksfaktor und Treiber für das Selbstwertgefühl. Fehlende Selbstwirksamkeit macht uns dagegen anfälliger für Depressionen. Ein Satz, der diesen Punkt widerspiegelt, ist:

Der Sinn des Lebens ist der, den wir ihm geben.

Mehr Verantwortung für unsere Wahrnehmung, Gefühle, Gedanken und Taten zu übernehmen hat weitreichende Folgen, wie dieses Beispiel zeigt:

Angenommen du fühlst du dich von deinem Partner nicht wertgeschätzt. Es belastet dich und ihr streitet deshalb öfters. Verantwortung zu übernehmen würde heißen deine Wahrnehmung und Gefühle ernst zu nehmen. Statt nur mit anderen Menschen darüber zu reden, aber innerhalb der Beziehung passiv zu bleiben, müsstest du als Verantwortlicher für deine Gefühle und Gedanken das Gespräch mit deinem Partner suchen. Du müsstest ins Risiko gehen, dich verwundbar machen. Du müsstest abwägen, was du sagst, da du auch für deine Worte die Verantwortung trägst. Ob du im Affekt verletzende oder konstruktive Dinge sagst – du bist verantwortlich, nicht dein Partner.

Das fühlt sich anders an, oder? Mit dieser Sichtweise hängt plötzlich alles von dir ab. Du sitzt am Steuer. Du kannst niemand anderen vorschieben oder dich als Opfer darstellen.

Ein anderes Beispiel ist die Verantwortung für unsere Gesundheit. Sie ist unsere wichtigste Ressource, doch oft sehen wir sie als selbstverständlich an – bis sie uns den Vogel zeigt. Dann zwingt uns der Körper die Verantwortung zu übernehmen.

Als ich selbst schon auf dem Zahnfleisch kroch, machte ich noch so lange weiter, bis mein Körper das Handtuch warf. Dann ging nichts mehr. Ich hatte zu lange darauf gewartet, dass mir irgendwer die Entscheidung (= die Verantwortung) abnehmen würde. Ich hatte die Augen davor verschlossen, was zu tun war (siehe bewusstes Leben). Außerdem konnte ich nicht akzeptieren, dass ich hinschmeißen würde (siehe Selbstakzeptanz). Kein Wunder, dass mein Selbstwertgefühl am Boden lag und auch heute noch dabei ist sich aufzurappeln.

Wenn du dein Selbstwertgefühl stärken willst, übernimm die Verantwortung für dich selbst. Nutze die folgende Übung zum Thema Selbstverantwortung, um herauszufinden, was dich bisher davon abhält. Bei mir gab es einige Aha-Momente.

Übung

Wiederum lege ich dir eine Übung aus „How to raise your self-esteem“ nahe. Vervollständige die folgenden Sätze mit je 6 bis 10 Satzenden:

  • Manchmal, wenn es nicht so läuft, mache ich mich selber hilflos, indem ich …
  • Das Gute daran hilflos zu sein ist …
  • Manchmal vermeide ich Verantwortung, indem ich …
  • Manchmal halte ich mich selber passiv, indem ich …
  • Manchmal beschuldige ich mich selbst, um …
  • Wenn ich bei der Arbeit mehr Verantwortung übernehmen würde, …
  • Wenn ich mehr Verantwortung für den Erfolg meiner Beziehungen übernehmen würde, …
  • Wenn ich für jedes meiner Worte mehr Verantwortung übernehmen würde, …
  • Wenn ich mehr Verantwortung für meine Gefühle übernehmen würde, …
  • Wenn ich mehr Verantwortung dafür übernehmen würde, was ich tue, …
  • Wenn ich mehr Verantwortung für mein Glück übernehmen würde, …
  • Wenn der einzige Sinn im Leben der ist, den ich meinem Leben geben will, …
  • Wenn ich bereit wäre meine eigene Macht zu spüren, …
  • Würde ich sehen wollen, was ich sehe, und wissen wollen, was ich weiß, …
  • Mir wird klar, dass …

5. Authentisch Leben

Bei Authentizität geht es um Aufrichtigkeit. Es geht um die Fragen: „Stehen wir zu dem, was wir denken?“, „Sind wir ehrlich?“, „Sagen wir Nein, wenn wir Nein meinen?“ und „Handeln wir entsprechend unserer Werte?“ Nicht in allen Bereichen geben wir auf diese Fragen die gleichen Antworten. Vielleicht sind wir innerhalb der Familie sehr authentisch, während wir unter Freunden oder auf Arbeit eine Rolle spielen.

Patrick ist beispielsweise einer der authentischsten Menschen, die ich kenne. Wenn er eine Idee nicht gut findet, sagt er es, aber auf eine freundliche Art und Weise. Er tut nichts, hinter dem er nicht steht. Als er eines seiner Produkte nicht mehr reinen Gewissens empfehlen konnte, nahm er es vom Markt – auch wenn er damit noch viel Geld hätte verdienen können.

Authentizität hilft dem Selbstwertgefühl. Gleichzeitig fördert ein hohes Selbstwertgefühl das authentische Leben. Schwindeln dagegen untergräbt Authentizität und damit das Selbstwertgefühl, denn wir scheuen uns davor anderen die Wahrheit zuzumuten. Außerdem müssen wir befürchten entdeckt zu werden.

Es mindert dein Selbstwertgefühl, wenn du etwas vorspielst, nur um gut dazustehen. Dein Inneres wird dich dafür hassen, wenn du widerwillig eine Ausstellung besuchst, den Paleo-Kochkurs über dich ergehen lässt oder zum Qigong gehst. Klar, dass dein Ansehen vor dir selbst leidet! Auch wenn du in deinem Job wider deines Gewissen handelst, wenn du Liebe vorspielst, die nicht da ist, wenn du gleichgültig tust, obwohl du tief bewegt bist usw. – es hinterlässt Spuren in deinem Inneren.

Übung

Mit der folgenden Übung aus „How to raise your self-esteem“ kannst du dich diesem Thema nähern. Sie wird dir zeigen, was dich daran hindert in manchen Bereichen des Lebens authentisch zu agieren. Ich habe herausgefunden, dass die Angst vor dem Feedback anderer Leute mich hemmt. Dabei finden andere Leute mich vielleicht gerade komisch, weil ich wenig preisgebe?

Vervollständige auch die folgenden Sätze mit je 6 bis 10 Satzenden:

  • Das Schwierige daran ehrlich zu mir selbst zu sein in Bezug auf meine Gefühle ist, …
  • Das Schwierige daran ehrlich zu anderen zu sein in Bezug auf meine Gefühle ist, …
  • Wenn ich mich bemühen würde ehrlicher zu kommunizieren, …
  • Wenn ich offen darüber reden würde, was ich mag, bewundere und genieße, …
  • Wenn ich offen darüber reden würde, was mich verletzt, aufregt oder nervt, …
  • Wenn ich mich bemühen würde anderen meine Begeisterung zu zeigen, …
  • Wenn ich ehrlich zugeben würde, wenn ich falsch liege, …
  • Wenn ich daran denke, was ich aufgebe aus Angst verurteilt zu werden, …
  • Wenn ich daran denke, was ich aufgebe aus Angst ausgelacht zu werden, …
  • Wenn ich mich bemühen würde, jeden Tag ein bisschen authentischer zu leben, …

Die Hürden auf dem Weg zu einem besseren Selbstwertgefühl

Der Weg zu einem höheren Selbstwertgefühl ist mit einer Reise zu vergleichen, auf der du manches hinter dir lassen musst. Du wirst auf Widerstände stoßen. Beispielsweise könntest du irgendwann nicht mehr dem entsprechen, was andere in dir sehen (wollen). Die zentrale Frage lautet dann: Kannst du dein Bild von dir selbst trotzdem aufrechterhalten, wenn es andere nicht haben?

Stell dich darauf ein, dass es Saboteure geben wird. Sie haben sich wohler gefühlt, als du noch ein geringes Selbstwertgefühl hattest. Es wird unbequemer für sie, wenn du für dich einstehst und nicht alles mit dir machen lässt. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur überrascht.

Einige Bausteine bringen Veränderungen mit sich. Sie zwingen dich deine Komfortzone zu erweitern bzw. zu verlassen. Das macht Angst. Außerdem ist da die Angst vor der Leere. Was bleibt, wenn du deinen Tarnmantel ablegst? Werden die Anderen dein wahres Ich mögen? Was, wenn nicht?

Nathaniel Branden schreibt dazu, dass wir u. U. mit mehr Selbstwertgefühl ein paar Freunde einbüßen. Doch wie hoch war der Preis sie zu haben? Und: Menschen mit einem hohen Selbstwertgefühl ziehen andere Menschen mit einem hohen Selbstwertgefühl an. Insofern wirst du dich auch mit neuen und vielleicht angenehmeren Menschen umgeben.

Die Egoismus-Frage und warum ein hohes Selbstwertgefühl erstrebenswert ist

Nathaniel Branden wurde oft mit dem Thema Egoismus und Narzissmus konfrontiert. Ob Selbstwertgefühl zur Selbstverliebtheit führe, ob dadurch mehr Narzissten herangezüchtet würden, lauteten die Fragen von Kritikern.

Brandens Antwort darauf spiegelt einen wichtigen Grundsatz wider: Wir müssen zuerst uns selbst helfen, um anderen helfen zu können. Genau wie mit der Sauerstoffmaske im Flugzeug. Neulich meinte jemand in den Kommentaren hier im Blog:

„[…] natürlich kennen die meisten den Bibelspruch Liebe deinen Nächsten WIE DICH SELBST. Und die meisten interpretieren ihn eben ohne den „zweiten Teil“. Sie lesen immer „Liebe deinen Nächsten“ aber ohne Liebe zu sich selbst gibt und gibt man immer wieder und meint, man müsste immer mehr geben, damit einen die anderen lieben. Es ist eben nicht leicht. Aber man kann daran arbeiten.“

Auch unsere Mitmenschen profitieren davon, wenn wir ein besseres Selbstwertgefühl haben. Wir sprechen leichtfertiger ein Lob aus, was uns zu angenehmeren Kollegen und Partnern macht. Wir sind sympathischer, können unsere Mitmenschen besser unterstützen und auch sie in ihrem Selbstwertgefühl bestärken. Nicht nur deshalb lohnt es sich an seinem Selbstwertgefühl zu arbeiten.

Wenn wir ein gesundes Selbstwertgefühl haben, fühlen wir uns wohler. Wir fühlen uns eigenmächtiger und zufriedener, da wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir sind weniger ohnmächtig gegenüber den Herausforderungen des Lebens. Das macht uns leistungs- und widerstandsfähiger.

Ein hohes Selbstwertgefühl bedeutet mehr Kapazität zum Glücklich sein. Es öffnet die Augen und den Blick für das Gute. Nicht nur deshalb wäre es für jeden Menschen erstrebenswert daran zu arbeiten.


Ein Wort zum Schluss

Dieser Artikel könnte einer der vielen Texte mit viel Potential und wenig Wirkung sein. Es hängt von dir ab, was du daraus machst. Lass dich jetzt oder später in einem ruhigen Moment darauf ein. Geh den Dingen in deinem Inneren auf den Grund, indem du nochmal zum Anfang scrollst und die Übungen machst.


Quellen bzw. zum Weiterlesen

„How to raise your self-esteem“ von Nathaniel Branden

„Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls“ von Nathaniel Branden

https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwert

Roy F. Baumeister, Jennifer D. Campbell, Joachim I. Krueger und Kathleen D. Vohs: Mythos Selbstbewusstsein. In: Spektrum der Wissenschaft, August 2005, S. 24

https://de.wikipedia.org/wiki/Hochstapler-Syndrom


Foto: Junge Frau in der Stadt von Shutterstock

Ähnliche Artikel


7 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Artikel, Jasmin. Ich mache auch seit einiger Zeit eine Psychotherapie (Depression etc,). Ich habe auch sehr stark das „Problem“ mit Selbstbewusstsein,-wirksamkeit, und bin auch eher so ein „Saboteur“- passende Beschreibung.
    Werde mir die Übungen mal vornehmen, habe beim Lesen schon so gedacht, ohje wie würde ich die Sätze wohl beenden. Aber ein Versuch ist es wert 🙂
    Schönen Abend, Annika

    • Danke für deinen Kommentar, Annika. Ich bin gespannt, was die Übungen bei dir bewirken!
      Liebe Grüße
      Jasmin

  2. nur zwei kurze Anmerkungen:
    – Fromm, Kunst des Liebens: Ein Klassiker, der dasselbe Thema beleuchtet, und der mir damals viel gebracht hat
    – beim Neuen Start (Kurs für Frauen nach der Familienphase) kam raus, daß die meisten Frauen ein gutes Selbstwertgefühlt hatten (immerhin), aber nicht ein gutes Selbstbewußtsein, sich selbst auch anderen gegenüber so gut zu verkaufen.
    Danke für diesen Artikel, da steckt eine Menge Arbeit drin, die Informationen so brauchbar rauszuarbeiten!

    • Danke für die Anerkennung und den Buchtipp, Viola 🙂 Ich hätte das fast mit „Die Fähigkeit zu lieben“ von Riemann verwechselt. Es kommt auf die Leseliste!
      Viele Grüße
      Jasmin

  3. Ja, mit dem Selbstbewusstsein ist es manchmal recht schwierig.
    Ich als Mentaltrainerin arbeite auf der Ebene des Unterbewusstseins. Heute weiß ich, aus der Praxis, dass es sehr schwierig bis nahezu unmöglich ist das Selbstbewusstsein rational zu stärken.
    Liebste, selbstbewusste Grüße
    Monika

  4. Ich bin seit einiger Zeit ein stiller Leser eurer Texte und wollte mal.ein Lob hinterlassen. Viele eurer Texte sind mir nicht neu, da ich mich gerne mit diesen Themen befasse. Ich habe sie aber selten so schön und gut ausformuliert gelesen.
    Danke dafür. Macht weiter mit eurer Herzensangelegenheit!
    Lg Dawid

    • Vielen Dank, Dawid. Schön, dass du vom stummen Leser zum Kommentator geworden bist. Das wissen wir zu schätzen, denn wir sind selbst meist stumm 🙂
      Viele Grüße
      Jasmin

Schreibe einen Kommentar