Ein dickeres Fell, bitte!

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Chuck Norris würde sich nicht so abkanzeln lassen, denke ich, nachdem ich aufgelegt habe. Die Person am anderen Ende der Leitung hat sich einmal rundumbeschwert: über den Wind, die Wohnsituation, die Ärzte, die Nachbarn, die Gesundheit oder vielmehr die Krankheit. Und ich hätte ja auch mal anrufen können. Die negative Energie klebt an mir und das ärgert mich. Gerechtfertigt habe ich mich noch. Die Ernüchterung darüber muss ich nun erstmal abschütteln und das dauert seine Zeit. Wie so oft.

Ich hätte gern ein dickeres Fell – oder überhaupt ein Fell. Einen gesunden Abstand, einen flauschigen Puffer zwischen mir und der Außenwelt. Damit wäre ich mutiger, selbstbestimmter und nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Wie eine weibliche Ausführung von Chuck Norris – Jaqueline Norris eben. In meiner Wunschvorstellung würde ich dann selbst in schwierigen Situationen cool bleiben. Wenn das Finanzamt beispielsweise (vier) Fehler bei meiner Steuererklärung macht und 2.000 Euro zu viel einfordert. Ich würde nicht zuerst von meinem Fehler ausgehen und mir den Kopf zerbrechen, sondern mit stolzgeschwellter Brust anrufen und fragen, ob sie sich da ganz sicher sind.

Mit einem dickeren Fell wäre ich auch weniger kratzbürstig, anstatt ständig vom Schlimmsten auszugehen und die Säbel zu wetzen. So manche (rhetorische) Frage würde mich kalt oder wenigstens kälter lassen. Neulich stellte mir z. B. jemand die Frage: „Also, du machst ja nicht mehr wirklich das, was du studiert hast, oder?“ Ich stammelte daraufhin unsicher und irritiert etwas von Marketing und Buchhaltung. Als Jaqueline Norris hingegen würde ich nicht einmal mit der Wimper zucken, sondern pfundsweibisch zurückfragen, was die Frage implizieren soll. Und gelassen konstatieren, dass die wenigsten meiner Freunde ihr Studium im Job anwenden.

Sorgenfreier stelle ich mir das Leben mit einem dickeren Fell auch vor. Ich könnte besser zwischen meinen und fremden Problemen unterscheiden. In der Realität schwappen oft fremde Gedanken in meinen Kopf hinein. So grübele ich über die beruflichen Angelegenheiten meines Freundes, dabei hat er alles im Griff und ist selbst nicht einmal beunruhigt. Ich hingegen will einen Schlachtplan mit drei verschiedenen Szenarien schmieden. Manchmal ist das konstruktiv, oft raubt es aber den Schlaf und die Gelassenheit.

Dünnhäutigkeit hat jedoch auch Vorteile. Beispielsweise habe ich oft schon nach kurzer Zeit das Gefühl, mit anderen auf einer Wellenlänge zu liegen. Es steckt mich zudem an, wenn andere Menschen glücklich sind. Das beschreibt die Kolumnistin Judith Poznan sehr treffend: Wenn sich jemand über etwas wahnsinnig freut, fühle ich das auch. Demnach war ich schon fünf Mal schwanger, habe einen Doktor in Bio-Chemie, stand am Grand Canyon und habe quasi etliche andere Glücksmomente selbst miterlebt.“1

Ein allzu dickes Fell möchte ich daher nicht haben. Praktisch wäre eine halbdurchlässige Membran, habe ich mir überlegt. Positive Energie dürfte rein; negative Emotionen würden abprallen. Allerdings wäre das auch keine perfekte Lösung. Schließlich will ich ja auch empathisch sein, wenn jemand traurig ist oder seinen Frust loswerden muss.

Es gibt keine einfache Lösung beim Thema Abgrenzung, weswegen sie bei Hochsensiblen oft die größte Baustelle ist. Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die sich gut abgrenzen können. Allen anderen und mir stellt sich die Frage: Warum ist das eigentlich so schwer? War Abgrenzung in der Evolution so unwichtig, dass sie uns abhandengekommen ist?

Warum ist Abgrenzung so schwierig?

Zumindest war unser Wunsch nach Zugehörigkeit seit jeher stark und wichtig, denn unser Stamm schützte uns vorm Hungertod und Gefressenwerden. Daher streben wir auch heute noch nach Harmonie und sagen lieber Ja als Nein. Daran ist nichts auszusetzen. Natürlich liegt uns ein gutes Verhältnis zu Familie und Freunden am Herzen. In der Realität bedeutet das aber meistens: friedliche Koexistenz mit nicht zu viel Tiefe. Denn wie viel Ehrlichkeit und Selbstbestimmung vertragen schon solche zwischenmenschlichen Beziehungen? Sagt man der Freundin, dass sie zu viel seelischen Ballast ablädt und man das nicht aushalten kann? Sagt man die Einladung ab, weil man nicht in Stimmung für eine Feier ist? Bittet man das Familienmitglied die ausländerfeindlichen Kommentare für sich zu behalten? Schwierig. Nur wenige Beziehungen halten dieses Maß an Ehrlichkeit und Dissens aus. Wir sind es schlichtweg nicht gewohnt und es würde die Dinge ziemlich auf den Kopf stellen, wenn wir radikal ehrlich wären.

Dazu kommt die gesellschaftliche Konvention: Neinsagen gehört sich nicht und Egoismus ist sowieso verpönt. Dabei wäre eine gesunde Portion Egoismus gesund und förderlich für alle. Es gäbe weniger Burnout-Fälle, weniger Menschen, die zu Alkohol & Co. als Kompensation greifen oder sich in die sozialen Medien flüchten. Allerdings ist im Laufe unserer Ausbildung schlichtweg nicht vorgesehen, dass wir diese Form von Egoismus lernen. Erziehung bedeutet oft Gefügig-machen. Man soll gehorchen, lieb und nett sein. (Mehr darüber, warum wir uns schaden, wenn wir es anderen recht machen, erfährst du in diesem Artikel.) Insofern ist es kein Wunder, dass wir auch als Erwachsene Schwierigkeiten damit haben, z. B. anderen die Stirn zu bieten.

Dann wäre da noch die Empathie, die uns die Abgrenzung erschwert. Dabei ist sie natürlich eine gute und nützliche Eigenschaft. Sie sorgt dafür, dass wir uns in andere einfühlen und besser miteinander umgehen. Es wäre ein Fehler, sie zu verteufeln. Schließlich fehlt es in der Gesellschaft wohl eher an Einfühlungsvermögen, als dass es zu viel davon gäbe. Denken wir nur kurz an die Gleichgültigkeit der westlichen Welt gegenüber vieler Missstände in anderen Teilen der Erde: Da wird die Lebensgrundlage durch Überfischung und Klimaerwärmung bedroht, Millionen von Menschen sind auf der Flucht und an bedrohte Tierarten dürfen wir gar nicht erst denken. Ich möchte mitfühlend sein. Der Sorgenschwamm in mir kann aber nicht genau unterscheiden, wann es sinnvoll ist. Ich sauge auch auf, woran ich nichts ändern kann, bin dann erschöpft oder niedergeschlagen. Es ist ein schmaler Grat zwischen Mitfühlen und Mitleiden.

Ein weiterer Grund für die Schwierigkeiten sich abzugrenzen ist, dass wir nicht genügend bei uns sind. Wir machen uns Gedanken über die Meinung der Nachbarn, die Laune des Chefs, den Unterton der Kollegin uvm. So verbringen wir den lieben langen Tag und drehen uns gedanklich um andere – ohne einmal kurz in uns selbst zu horchen. Für so manche Abgrenzungsfälle hätte unser Bauchgefühl sicher eine Lösung parat, aber wir hören nicht hin. Gefühle zeigen eigentlich an, was nicht stimmt und dass wir handeln sollten. Wir wollen die Sache jedoch mit dem Kopf lösen. Wir recherchieren, analysieren, diskutieren mit Freunden oder dem Partner und sind dabei abgekapselt von unseren Gefühlen und Instinkten. Hochsensible berichten beispielsweise oft über die Unfähigkeit Wut zu empfinden.2 Dementsprechend schwer fällt es z. B., bei der Arbeit Grenzen zu setzen, denn dann – so rattert das Gedankenkarussell – wird der Urlaub vielleicht nicht genehmigt, wir werden wir nicht befördert oder schlimmstenfalls gekündigt – und das können wir uns nicht leisten.

In einem anderen Beispiel kann man vielleicht eine Person kaum ertragen, rationalisiert sich aber immer wieder zurecht, warum man trotzdem Zeit mit ihr verbringen muss. Schließlich kennt man sich schon so lange, hat Dieses oder Jenes zusammen erlebt, er oder sie hat ja niemand anderen – und was sollen die Leute denken …

Wo genau die eigenen Grenzen liegen, sehen viele erst, wenn sie darüber hinausgegangen sind. Leider reicht dieses Wissen aber nicht aus, denn Grenzen müssen auch verteidigt werden.

Über Grenzkenner und -verteidiger

1. Szenario: Man kennt (und verteidigt) seine Grenzen nicht.

Wer nicht weiß, wo seine Grenzen liegen, kann sich nicht verteidigen. So weit, so ungut, denn irgendwann sind die Ressourcen erschöpft. Man fühlt sich z. B. für alles und jeden verantwortlich, ist chronisch überlastet und deprimiert oder rastet irgendwann aus. Es ist allerdings nicht immer so eindeutig. Denkbar ist auch der folgende Fall:

2. Szenario: Man kennt seine Grenze, verteidigt sie aber nicht.

Immerhin sind einem in diesem Fall die eigenen Grenzen bewusst. Allerdings fehlt der Mut oder die Übung, sie zu verteidigen. Beispielsweise vertritt man einen Standpunkt gegenüber einer Person, knickt dann aber ein – nicht aus Überzeugung, sondern weil der Mut nachlässt. Oder man lädt andere dazu ein, die Grenze zu überschreiten, weil man nicht oder nicht klar kommuniziert. Typisch sind auch Anflüge von Perfektionismus: man ist k. o., will sich aber keine Schwäche erlauben. Man nimmt noch dieses oder jenes Projekt an oder hilft beim hundertsten Umzug mit, obwohl man dringend ein freies Wochenende bräuchte.

3. Szenario: Man kennt seine Grenzen nicht (explizit), verteidigt sie aber.

Kann man etwas verteidigen, das man nicht kennt? Das klingt unsinnig und ist vielleicht unrealistisch. Ich denke hierbei an die Menschen, die sich gut abgrenzen können, aber noch nie etwas von Abgrenzung gehört – geschweige denn Bücher darüber gelesen haben. Sie haben es vielleicht einfach nur von Eltern und Freunden gelernt. Dadurch haben sie einen gesunden Umgang mit Grenzen – ohne sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

4. Szenario: Man kennt seine Grenzen und verteidigt sie.

Diese Menschen kennen ihre Grenzen, sind ihnen vielleicht schon einmal nahegekommen und verteidigen sie ohne schlechtes Gewissen. Das kann antrainiert oder anerzogen sein. Es sind selbstbewusste Menschen, die zu sich stehen. Sie gehen zu keiner Party, auf die sie eigentlich nicht wollen. Sie sagen, wenn ihnen die zusätzliche Arbeit zu viel wird. Sie drucksen nicht herum, sondern kommunizieren offen und stark.

Die Realität ist natürlich komplexer, als diese vier Fälle suggerieren. Beispielsweise kann sich eine Person abhängig vom Kontext verschieden verhalten. Im beruflichen Umfeld mag es leicht sein sich abzugrenzen (vielleicht weil der Job sehr sicher ist); im Privaten kann die Sache viel schwieriger sein. Außerdem sind die Szenarien für eine Person nicht statisch, d. h., die Abgrenzungsfähigkeit kann sich z. B. mit steigendem Alter entwickeln.

 

Wenn man sich mit dem Thema Abgrenzung beschäftigt, stößt man früher oder später auf die Zaun-Metapher: Wer Grenzen setzt, errichtet einen Zaun um sich. Im Gegensatz zu einer Mauer lässt dieser sich verrücken und darüber hinweg ist ein Plausch mit dem Nachbarn möglich. Man kann das Gartentor öffnen und jemanden einladen. „An Grenzen begegnet man sich“, heißt es oft.

Manche Menschen fordern aber selbst erfahrene Grenzkenner und -verteidiger heraus. Ich nenne sie Planierraupen. Diese Menschen kennen und respektieren keine Grenzen. Wenn man sich ihnen widersetzt, schießen sie um sich und werden bösartig. Meiner Erfahrung nach hilft in diesem Fall hilft nur Abstand – und der Gedanke daran, dass sie mit dieser Einstellung wahrscheinlich auch kein zufriedenes Leben führen.

 

Mehr zum Thema Abgrenzung in meinem Buch „Gestatten: Hochsensibel

PS: Falls du in Leipzig und Umgebung wohnst, interessieren dich vielleicht die Weiterbildungsangebote von Anette Eßer insbesondere zum Thema Abgrenzung. Ich kenne und schätze Anette aus der Leipziger HSP-Gruppe.

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Quellen

  1. Judith Poznan: Von meinem Leben als Hochsensible
  2. siehe z. B. Caroline van Kimmenade in meinem Buch „Gestatten: Hochsensibel

15 Kommentare

  1. Hallo Jasmin.
    Sehr schöner Artikel,
    Immer wieder schön zu sehen, dass andere Menschen sich über genau die Dinge (wo sind meine Grenzen und kann man diese guten Gewissens ziehen) Gedanken machen, wie ich zb gerade heute vormittag. In meinem Fall ist es so, dass ich eigentlich genug Arbeit/Aufgaben für die ganze Restwoche habe, aber einer meiner Chefs jetzt noch eine Aufgabe per Mail an mich übergeben hat, welche nicht wirklich „nebenbei“ zu erledigen ist,zumal ich in mehreren Betrieben unterschiedliche bin. Lange habe ich gegrübelt, dann hab ich ihm geantwortet, dass es zeitlich diese Woche nicht mehr passt, außer er möchte seine ersten Arbeiten schieben (unwahrscheinlich). Hintergrund für meine Unsicherheit war, dass ich sehr oft positives Feedback erhalte, und mich das zwar motiviert, aber auch unter Druck setzt, dieses Level allzeit zu halten, sprich möglichst alles gleichzeitig auf die Reihe zu kriegen. Frei nach dem Motto : Wer oben ist, kann eigentlich nur da bleiben oder fallen. Nach diesem Artikel fühle ich mich aber umso mehr bekräftigt, dass ich weiterhin auch Grenzen setzten muss, sonst macht das ganze irgendwann kaputt. Ps: super, dass es immer die Audio Versionen der Artikel gibt.

    • Hallo Matthias,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Da hast du einen typischen Fall von Abgrenzung geschildert. Das kennen bestimmt ganz viele aus ihrem beruflichen Alltag. Ich wünsche dir gutes Gelingen beim Abgrenzen und dass du immer gut spürst, wann es zu viel wird.

      Alles Gute und viele Grüße
      Jasmin

  2. Hallo Jaqueline Norris ;-)

    Ein toller Artikel!
    Ich kann voll und ganz die genannten Situationen nachvollziehen. Vor kurzem hat mir ein Freund auch die Frage gestellt: „Und dafür hast du studiert?“
    Ich war so perplex, dass ich mich gerechtfertigt habe. Anstatt zu sagen, was meinst du oder was willst du damit sagen.

    Bzgl. der Schwamm-Metapher und des Aufnehmens aller Probleme: Mir hilft dabei immer die „Love it, change it or leave it“-Methode. So schaffe ich es, mir nicht alles Unglück der Welt aufzuladen, an dem ich eh nichts ändern kann. Klingt egoistisch, ist aber eine gute Abgrenzung.

    Viele Grüße
    Stephan

    • Danke, Stephan! „Love it, change it or leave it“ klingt nach einem sinnvollen Ansatz. Den müsste ich mir mal implantieren … :-)
      Viele Grüße
      Jasmin

  3. Hallo Jasmin,

    vielen Dank für Deinen tollen Artikel. Ich kann Deine Zeilen so sehr nachempfinden. Auch für mich war Abgrenzung lange lange Zeit ein reines Fremdwort und scheinbar nicht möglich. Bezeichnend ist zudem tatsächlich, dass uns anscheinend und ganz besonders die negativen Dinge einfach nicht loslassen anstatt, dass wir von den positiven Dingen zehren. Ich persönlich hatte so sehr ein Problem mit dieser doch notwendigen Distanz, dass mich dieser emotionale Stress vor ca. eineinhalb Jahren ins Krankenhaus brachte. Ich konnte einfach nicht mehr, all die negativen Dingen, mit denen ich mich auseinandersetzen musste und die ich nicht loslassen konnte, haben sich auch so sehr auf meinen Körper ausgewirkt, dass ich mehrere Tage im Krankenhaus behandelt werden musste. Ich dachte damals zuerst „stell dich nicht so an, sei nicht so sensibel, du musst doch einfach weitermachen“, das Übliche was man schon als Kind von seiner Mutter eingetrichtert bekam. Schlimm und auch beängstigend ist, dass ich damit die Warnzeichen ignoriert hab und erst viele Tage später zum Arzt ging. Der wies mich dann sofort ins KH ein…Das war ein einschneidendes Erlebnis für mich. Die Situation war sehr ernst (Verdacht auf Hirntumor/Schlaganfall – mit nicht mal 30 Jahren-zum Glück dann „nur“ eine Nervenentzündung) und erst da erkannte ich, dass es so nicht weitergehen kann. Seit dem hat sich für mich einiges geändert. Ich kenne meine Grenze sehr genau und ich verteidige sie wie eine Löwenmutter – das klingt vielleicht etwas merkwürdig aber genauso ist es tatsächlich. Ich sage nein, wann immer ich merke, dass mir das Negative zu viel wird und wende mich bewusst positiven Dingen zu. Ich nehme mir auch bewusst meine Zeiten der kompletten Isolation um mich so um mich kümmern und Energie schöpfen zu können. Auch sehe ich viele Dinge sehr viel lockerer anstatt mich tagelang mit ihnen auseinander zu setzen. Und das hilft, es hilft so sehr. Ich halte mir immer vor Augen, dass ich nie wieder an diesen Punkt gelangen möchte, an dem sich das Negative so schlimm auswirkt. Manchmal ist es nicht leicht, wie zuletzt als ich eine Person, die mir wichtig war ziehen lassen musste, weil ich realisierte, dass ich ihr nur dafür wichtig war, ihren „Abfall“ bei mir loszuwerden. Das zu erkennen hat mich verletzt und die Abgrenzung davon war nicht leicht. Aber ich hab es geschafft, indem ich meiner Trauer ihren Raum gegeben, geweint habe um dann so abzuschließen und nach vorne zu schauen.

    Das ist die Krux, wenn man wie wir über so immens stark ausgeprägte Sinne und Empathie verfügt. Es ist eine Gabe aber manches Mal kommen wir nicht darum, diese zu ignorieren und für uns selbst zu sein. Das mag dann Egoismus sein, aber dieser Egoismus steht uns denke ich zu.

    • Liebe Sandra,

      vielen Dank für deine Offenheit und dass du deine Erfahrungen hier schilderst. Es klingt sehr heftig, was du durchgemacht hast. Aber mir scheint, dass es häufig so ist: Viele machen solche Grenzerfahrungen, stehen am Abgrund und kriegen erst dann die Kurve. Leider scheint es erst nötig zu sein, dass man mit dem Rücken zur Wand steht, bis man die Dinge ändert. Bis dahin funktioniert ja alles halbwegs. Ich hoffe jedenfalls, dass du weiterhin nach vorne schauen kannst und weiterhin deinen Weg gehst. Bestimmt könntest du mir viel über Abgrenzung beibringen!

      Alles Gute und viele Grüße
      Jasmin

  4. Hallo Jasmin,
    es ist so unglaublich, wie du diese einzelnen Situationen beschreiben kannst. Beim Lesen habe ich wohl ein Dauernicken gezeigt…..ja, so fühlt es sich oft an. Sehr spannend war für mich zu lesen, dass HSP oft keine Wut zeigen können. Genau das habe ich auch immer wieder erlebt. Abgrenzen ist so ein wichtiges Thema. Es ist wirklich von Vorteil, wenn man es leben kann.

    • Liebe Marion,
      herzlichen Dank für dein Feedback. Es freut mich immer von Herzen, wenn sich Leser in meinen Artikeln wiedererkennen. Ich finde auch, dass es ein wichtiges Thema ist. Man kann eigentlich nicht genug darüber schreiben.
      Viele Grüße
      Jasmin

  5. Hallo Jasmin,

    es ging mir gerade ähnlich wie meiner Vorschreiberin: ich habe beim Lesen doch sehr oft genickt. – Leider habe ich in der Arbeit unter meinen Kolleginnen eine solche Planierraupe – die Bezeichnung passt perfekt! Sie sprengt regelmäßig das Team (wir müssen sehr eng miteinander arbeiten, aus dem Weg gehen – ist leider nicht) sie gehört eigentlich separiert, in einen Raum, wo sie schalten und walten und schreien und rummotzen kann – sie hat großes fachliches Knowhow, – leider menschlich und charakterlich eher enttäuschend. Derzeit wünsche ich mir wieder sehr diesen Abstand, ich versuche mich innerlich zu wappnen und bin sehr sparsam ihr gegenüber, was ihr auch nicht passt. Irgendwie muss ich mit ihr klar kommen, es gibt ja glücklicherweise auch noch andere, nettere Kollegen. – Herzlichen Dank für diesen Artikel!

    • Danke, Silke, für dein Feedback und dass du ein Beispiel aus deinem Alltag schilderst. Ich kann es mir sehr gut vorstellen. Mit Kollegen muss man auskommen, ob man will oder nicht. Vielleicht hilft ja die Planierraupen-Metapher schon ein ganz klein wenig, um sich innerlich zu distanzieren? Aber du hast ganz Recht: manche Menschen gehören eigentlich separiert.
      Viele Grüße und alles Gute für dich
      Jasmin

  6. Liebe Jasmin,

    wunderbarer Artikel! Grenzen setzen ist leider etwas, das die meisten von uns nicht von den Eltern beigebracht bekommen haben. Umso unangenehmer, wenn man es erst als Erwachsener lernen muss. Was ich selbst auch erfahren habe, ist, dass die Außenwelt uns immer unser Innenleben spiegelt. Wenn ich mich selbst respektiere und gut zu mir bin, widerfährt mir das auch von meiner Umwelt. Wenn jemand mir zu nahe kommt oder mich ärgert oder überfordert frage ich mich mittlerweile immer, wo ich aus dem Gleichgewicht geraten bin und wozu ich diese Erfahrung jetzt gerade brauche. Das hilft ganz gut dabei, den Fokus nicht auf den „Übeltäter“ zu richten, sondern bei mir selbst zu behalten. Auch gebe ich dem „Fehlverhalten“ des Anderen nicht zu viel Bedeutung und kläre alles für mich selbst. Wird mir eine Situation zu viel, habe ich auch kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich mich ihr entziehe. Ich muss nicht jeden Müll auf dieser Welt an mich ranlassen. Das mag egoistisch klingen, tut aber verdammt gut. Letztendlich wird sich niemand darum kümmern, mich glücklich zu machen, wenn ich es selbst nicht tue. Und Negatives zu eliminieren macht mich nunmal glücklich ;-)

    Alles Liebe und schreib weiterhin so großartig,

    Bernadette

    • Danke für dein Feedback, Bernadette, und deine Erfahrungen zum Thema Grenzen. Ja, den Fokus bei sich zu lassen – das ist eine der größten Herausforderungen in meinen Augen. Ich werde da auch noch viel üben müssen …
      Ich freu mich über dein Lob und versuche mein Bestes, weiterhin solche Texte zu schreiben :-)
      Viele Grüße
      Jasmin

  7. Danke Jasmin, das ist ein sehr intelligenter und zugleich leicht-lustiger Artikel. Eine Protion Humor hat noch nie geschadet und hilft auch beim Abgrenzen des öfteren.
    Ich habe festgestellt, dass auch das, was nach dem Abgrenzen (ist es dann mal gelungen) passiert, wichtig ist. Also: Kann ich dabei bleiben oder falle ich gleich wieder um? Habe ich ein schlechtes Gewissen oder komme ich in eine Kampfstimmung, die mich ja auch nicht wirklich beglückt?
    Das Thema ist auf jeden Fall ein großes und ich freue mich über diese kluge Abhandlung und werde sie weiterempfehlen.
    Danke!

    • Danke Kathrin, für dein Feedback und den Gedankenanstoß. Tatsächlich beobachte ich bei mir beide Extreme, die du kurz angedeutet hast. Ein Grund mehr, weiterhin an dieser Baustelle dranzubleiben!
      Danke und alles Gute für dich
      Jasmin

  8. TOLL geschrieben! Ich kann mich mit so Einigem sehr gut identifizieren. Und das ist schön. Denn das heißt: Wir sitzen nicht alleine in diesem Boot der Sensiblen…

    Übrigens, du hast Recht: Auf der goldenen Seite der Medaille „Hochsensibilität“ steht deine Feinfühligkeit. Die glänzt einem beim Lesen deines Textes nämlich wunderschön entgegen.
    Alles Liebe, Nuria

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