Ein dickeres Fell, bitte!

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Chuck Norris würde sich nicht so abkanzeln lassen, denke ich, nachdem ich aufgelegt habe. Die Person am anderen Ende der Leitung hat sich einmal rundumbeschwert: über den Wind, die Wohnsituation, die Ärzte, die Nachbarn, die Gesundheit oder vielmehr die Krankheit. Und ich hätte ja auch mal anrufen können. Die negative Energie klebt an mir und das ärgert mich. Gerechtfertigt habe ich mich noch. Die Ernüchterung darüber muss ich nun erstmal abschütteln und das dauert seine Zeit. Wie so oft.

Ich hätte gern ein dickeres Fell – oder überhaupt ein Fell. Einen gesunden Abstand, einen flauschigen Puffer zwischen mir und der Außenwelt. Damit wäre ich mutiger, selbstbestimmter und nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Wie eine weibliche Ausführung von Chuck Norris – Jaqueline Norris eben. In meiner Wunschvorstellung würde ich dann selbst in schwierigen Situationen cool bleiben. Wenn das Finanzamt beispielsweise (vier) Fehler bei meiner Steuererklärung macht und 2.000 Euro zu viel einfordert. Ich würde nicht zuerst von meinem Fehler ausgehen und mir den Kopf zerbrechen, sondern mit stolzgeschwellter Brust anrufen und fragen, ob sie sich da ganz sicher sind.

Mit einem dickeren Fell wäre ich auch weniger kratzbürstig, anstatt ständig vom Schlimmsten auszugehen und die Säbel zu wetzen. So manche (rhetorische) Frage würde mich kalt oder wenigstens kälter lassen. Neulich stellte mir z. B. jemand die Frage: „Also, du machst ja nicht mehr wirklich das, was du studiert hast, oder?“ Ich stammelte daraufhin unsicher und irritiert etwas von Marketing und Buchhaltung. Als Jaqueline Norris hingegen würde ich nicht einmal mit der Wimper zucken, sondern pfundsweibisch zurückfragen, was die Frage implizieren soll. Und gelassen konstatieren, dass die wenigsten meiner Freunde ihr Studium im Job anwenden.

Sorgenfreier stelle ich mir das Leben mit einem dickeren Fell auch vor. Ich könnte besser zwischen meinen und fremden Problemen unterscheiden. In der Realität schwappen oft fremde Gedanken in meinen Kopf hinein. So grübele ich über die beruflichen Angelegenheiten meines Freundes, dabei hat er alles im Griff und ist selbst nicht einmal beunruhigt. Ich hingegen will einen Schlachtplan mit drei verschiedenen Szenarien schmieden. Manchmal ist das konstruktiv, oft raubt es aber den Schlaf und die Gelassenheit.

Dünnhäutigkeit hat jedoch auch Vorteile. Beispielsweise habe ich oft schon nach kurzer Zeit das Gefühl, mit anderen auf einer Wellenlänge zu liegen. Es steckt mich zudem an, wenn andere Menschen glücklich sind. Das beschreibt die Kolumnistin Judith Poznan sehr treffend: Wenn sich jemand über etwas wahnsinnig freut, fühle ich das auch. Demnach war ich schon fünf Mal schwanger, habe einen Doktor in Bio-Chemie, stand am Grand Canyon und habe quasi etliche andere Glücksmomente selbst miterlebt.“1

Ein allzu dickes Fell möchte ich daher nicht haben. Praktisch wäre eine halbdurchlässige Membran, habe ich mir überlegt. Positive Energie dürfte rein; negative Emotionen würden abprallen. Allerdings wäre das auch keine perfekte Lösung. Schließlich will ich ja auch empathisch sein, wenn jemand traurig ist oder seinen Frust loswerden muss.

Es gibt keine einfache Lösung beim Thema Abgrenzung, weswegen sie bei Hochsensiblen oft die größte Baustelle ist. Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die sich gut abgrenzen können. Allen anderen und mir stellt sich die Frage: Warum ist das eigentlich so schwer? War Abgrenzung in der Evolution so unwichtig, dass sie uns abhandengekommen ist?

Warum ist Abgrenzung so schwierig?

Zumindest war unser Wunsch nach Zugehörigkeit seit jeher stark und wichtig, denn unser Stamm schützte uns vorm Hungertod und Gefressenwerden. Daher streben wir auch heute noch nach Harmonie und sagen lieber Ja als Nein. Daran ist nichts auszusetzen. Natürlich liegt uns ein gutes Verhältnis zu Familie und Freunden am Herzen. In der Realität bedeutet das aber meistens: friedliche Koexistenz mit nicht zu viel Tiefe. Denn wie viel Ehrlichkeit und Selbstbestimmung vertragen schon solche zwischenmenschlichen Beziehungen? Sagt man der Freundin, dass sie zu viel seelischen Ballast ablädt und man das nicht aushalten kann? Sagt man die Einladung ab, weil man nicht in Stimmung für eine Feier ist? Bittet man das Familienmitglied die ausländerfeindlichen Kommentare für sich zu behalten? Schwierig. Nur wenige Beziehungen halten dieses Maß an Ehrlichkeit und Dissens aus. Wir sind es schlichtweg nicht gewohnt und es würde die Dinge ziemlich auf den Kopf stellen, wenn wir radikal ehrlich wären.

Dazu kommt die gesellschaftliche Konvention: Neinsagen gehört sich nicht und Egoismus ist sowieso verpönt. Dabei wäre eine gesunde Portion Egoismus gesund und förderlich für alle. Es gäbe weniger Burnout-Fälle, weniger Menschen, die zu Alkohol & Co. als Kompensation greifen oder sich in die sozialen Medien flüchten. Allerdings ist im Laufe unserer Ausbildung schlichtweg nicht vorgesehen, dass wir diese Form von Egoismus lernen. Erziehung bedeutet oft Gefügig-machen. Man soll gehorchen, lieb und nett sein. (Mehr darüber, warum wir uns schaden, wenn wir es anderen recht machen, erfährst du in diesem Artikel.) Insofern ist es kein Wunder, dass wir auch als Erwachsene Schwierigkeiten damit haben, z. B. anderen die Stirn zu bieten.

Dann wäre da noch die Empathie, die uns die Abgrenzung erschwert. Dabei ist sie natürlich eine gute und nützliche Eigenschaft. Sie sorgt dafür, dass wir uns in andere einfühlen und besser miteinander umgehen. Es wäre ein Fehler, sie zu verteufeln. Schließlich fehlt es in der Gesellschaft wohl eher an Einfühlungsvermögen, als dass es zu viel davon gäbe. Denken wir nur kurz an die Gleichgültigkeit der westlichen Welt gegenüber vieler Missstände in anderen Teilen der Erde: Da wird die Lebensgrundlage durch Überfischung und Klimaerwärmung bedroht, Millionen von Menschen sind auf der Flucht und an bedrohte Tierarten dürfen wir gar nicht erst denken. Ich möchte mitfühlend sein. Der Sorgenschwamm in mir kann aber nicht genau unterscheiden, wann es sinnvoll ist. Ich sauge auch auf, woran ich nichts ändern kann, bin dann erschöpft oder niedergeschlagen. Es ist ein schmaler Grat zwischen Mitfühlen und Mitleiden.

Ein weiterer Grund für die Schwierigkeiten sich abzugrenzen ist, dass wir nicht genügend bei uns sind. Wir machen uns Gedanken über die Meinung der Nachbarn, die Laune des Chefs, den Unterton der Kollegin uvm. So verbringen wir den lieben langen Tag und drehen uns gedanklich um andere – ohne einmal kurz in uns selbst zu horchen. Für so manche Abgrenzungsfälle hätte unser Bauchgefühl sicher eine Lösung parat, aber wir hören nicht hin. Gefühle zeigen eigentlich an, was nicht stimmt und dass wir handeln sollten. Wir wollen die Sache jedoch mit dem Kopf lösen. Wir recherchieren, analysieren, diskutieren mit Freunden oder dem Partner und sind dabei abgekapselt von unseren Gefühlen und Instinkten. Hochsensible berichten beispielsweise oft über die Unfähigkeit Wut zu empfinden.2 Dementsprechend schwer fällt es z. B., bei der Arbeit Grenzen zu setzen, denn dann – so rattert das Gedankenkarussell – wird der Urlaub vielleicht nicht genehmigt, wir werden wir nicht befördert oder schlimmstenfalls gekündigt – und das können wir uns nicht leisten.

In einem anderen Beispiel kann man vielleicht eine Person kaum ertragen, rationalisiert sich aber immer wieder zurecht, warum man trotzdem Zeit mit ihr verbringen muss. Schließlich kennt man sich schon so lange, hat Dieses oder Jenes zusammen erlebt, er oder sie hat ja niemand anderen – und was sollen die Leute denken …

Wo genau die eigenen Grenzen liegen, sehen viele erst, wenn sie darüber hinausgegangen sind. Leider reicht dieses Wissen aber nicht aus, denn Grenzen müssen auch verteidigt werden.

Über Grenzkenner und -verteidiger

1. Szenario: Man kennt (und verteidigt) seine Grenzen nicht.

Wer nicht weiß, wo seine Grenzen liegen, kann sich nicht verteidigen. So weit, so ungut, denn irgendwann sind die Ressourcen erschöpft. Man fühlt sich z. B. für alles und jeden verantwortlich, ist chronisch überlastet und deprimiert oder rastet irgendwann aus. Es ist allerdings nicht immer so eindeutig. Denkbar ist auch der folgende Fall:

2. Szenario: Man kennt seine Grenze, verteidigt sie aber nicht.

Immerhin sind einem in diesem Fall die eigenen Grenzen bewusst. Allerdings fehlt der Mut oder die Übung, sie zu verteidigen. Beispielsweise vertritt man einen Standpunkt gegenüber einer Person, knickt dann aber ein – nicht aus Überzeugung, sondern weil der Mut nachlässt. Oder man lädt andere dazu ein, die Grenze zu überschreiten, weil man nicht oder nicht klar kommuniziert. Typisch sind auch Anflüge von Perfektionismus: man ist k. o., will sich aber keine Schwäche erlauben. Man nimmt noch dieses oder jenes Projekt an oder hilft beim hundertsten Umzug mit, obwohl man dringend ein freies Wochenende bräuchte.

3. Szenario: Man kennt seine Grenzen nicht (explizit), verteidigt sie aber.

Kann man etwas verteidigen, das man nicht kennt? Das klingt unsinnig und ist vielleicht unrealistisch. Ich denke hierbei an die Menschen, die sich gut abgrenzen können, aber noch nie etwas von Abgrenzung gehört – geschweige denn Bücher darüber gelesen haben. Sie haben es vielleicht einfach nur von Eltern und Freunden gelernt. Dadurch haben sie einen gesunden Umgang mit Grenzen – ohne sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

4. Szenario: Man kennt seine Grenzen und verteidigt sie.

Diese Menschen kennen ihre Grenzen, sind ihnen vielleicht schon einmal nahegekommen und verteidigen sie ohne schlechtes Gewissen. Das kann antrainiert oder anerzogen sein. Es sind selbstbewusste Menschen, die zu sich stehen. Sie gehen zu keiner Party, auf die sie eigentlich nicht wollen. Sie sagen, wenn ihnen die zusätzliche Arbeit zu viel wird. Sie drucksen nicht herum, sondern kommunizieren offen und stark.

Die Realität ist natürlich komplexer, als diese vier Fälle suggerieren. Beispielsweise kann sich eine Person abhängig vom Kontext verschieden verhalten. Im beruflichen Umfeld mag es leicht sein sich abzugrenzen (vielleicht weil der Job sehr sicher ist); im Privaten kann die Sache viel schwieriger sein. Außerdem sind die Szenarien für eine Person nicht statisch, d. h., die Abgrenzungsfähigkeit kann sich z. B. mit steigendem Alter entwickeln.

 

Wenn man sich mit dem Thema Abgrenzung beschäftigt, stößt man früher oder später auf die Zaun-Metapher: Wer Grenzen setzt, errichtet einen Zaun um sich. Im Gegensatz zu einer Mauer lässt dieser sich verrücken und darüber hinweg ist ein Plausch mit dem Nachbarn möglich. Man kann das Gartentor öffnen und jemanden einladen. „An Grenzen begegnet man sich“, heißt es oft.

Manche Menschen fordern aber selbst erfahrene Grenzkenner und -verteidiger heraus. Ich nenne sie Planierraupen. Diese Menschen kennen und respektieren keine Grenzen. Wenn man sich ihnen widersetzt, schießen sie um sich und werden bösartig. Meiner Erfahrung nach hilft in diesem Fall hilft nur Abstand – und der Gedanke daran, dass sie mit dieser Einstellung wahrscheinlich auch kein zufriedenes Leben führen.

 

Mehr zum Thema Abgrenzung in meinem Buch „Gestatten: Hochsensibel

PS: Falls du in Leipzig und Umgebung wohnst, interessieren dich vielleicht die Weiterbildungsangebote von Anette Eßer insbesondere zum Thema Abgrenzung. Ich kenne und schätze Anette aus der Leipziger HSP-Gruppe.

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Quellen

  1. Judith Poznan: Von meinem Leben als Hochsensible
  2. siehe z. B. Caroline van Kimmenade in meinem Buch „Gestatten: Hochsensibel

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