Wenn es eine Pille gegen Hochsensibilität gäbe

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Wenn es ein Medikament gäbe, das Hochsensible zu Normalsensiblen machen würde, was würde das ändern? Und würdest du es nehmen?“ Diese Fragen stellte Jean-Christoph im einfach hochsensibel-Podcast einigen seiner ersten Interviewpartner*innen. Wie spontan und entschieden die meisten das fiktive Medikament für sich selbst ablehnten, überraschte mich.

Meine Antwort würde zwiespältiger ausfallen, dachte ich damals. Schließlich hadere ich manchmal mit den Nachteilen der Hochsensibilität – so wie viele andere hochsensible Personen (highly sensitive persons = HSPs) auch. Für mein Interview legte ich mir deshalb ein paar Gedanken zurecht. In unserem Gespräch ließ Jean-Christoph die Frage jedoch aus. Losgelassen hat sie mich bis heute aber nicht.

Ich möchte mich daher mit der Idee oder dem Gedankenexperiment einer Anti-HSP-Pille befassen, wie ich sie augenzwinkernd nennen möchte. Damit meine ich selbstverständlich keine Pille gegen HSPs, sondern ein Mittel, das typisch hochsensible Eigenschaften vorübergehend ausknipst. Ich beleuchte die Potentiale einer solchen Pille und stelle mich abschließend der Gretchenfrage der Hochsensibilität, nämlich der Frage, ob ich das Mittelchen schlucken würde.

Zu Risiken und Nebenwirkungen sei angemerkt, dass Hochsensibilität keine Diagnose ist, auch wenn Pille und Medikament in diesem Artikel einen Zusammenhang mit einer Krankheit suggerieren.

Weniger Reizüberflutung

Hochsensible haben einen durchlässigeren Wahrnehmungsfilter, weswegen mehr Reize zu ihnen durchdringen. Das wiederum kann zur Überlastung führen – entweder durch sehr viele oder sehr intensive Reize. Würde eine Tablette die Hochsensibilität ausschalten oder zumindest herabsenken, könnten wir mehr Dinge ertragen oder ausblenden. Baustellendröhnen, Verkehrslärm, Kindergeschrei – all das könnte uns nichts anhaben. Menschenmassen in Einkaufszentren würden uns weniger anstrengen und in überfüllten Zügen könnten wir mühelos ruhig bleiben.

Andererseits würde uns Vieles entgehen. Beispielsweise käme uns dieser praktische Fehlersensor abhanden, mit dem wir die Rechtschreibfehler in langen Texten finden. Wir würden nicht mehr als Erste die neue Haarfarbe unserer Freundin bemerken und sie damit erfreuen. Wir würden die Abgeschlagenheit unseres Meerschweinchens übersehen; wir würden keinen Termin beim Tierarzt machen und es vielleicht schon kurz darauf beerdigen müssen.

Jede Pille hat eben Nebenwirkungen. Damit müssten wir auch rechnen, wenn es unserer Vorzeigeeigenschaft an den Kragen ginge, nämlich unserer Empathie.

Weniger Mitleiden

Wir Hochsensiblen können uns gut in andere einfühlen. Wir wissen häufig, was los ist, noch bevor unser Gegenüber es weiß. Das führt allerdings oft dazu, dass wir uns zu sehr mitreißen lassen. Dann belasten wir uns mit fremden Problemen, obwohl wir selbst genug Themen auf dem Zettel haben.

Durch die Pille gegen Hochsensibilität würden wir weniger mitleiden. Wir könnten gelassen bleiben, wenn andere Menschen sich streiten, sich beschweren, wenn sie uns angreifen oder ungerecht behandeln. Wir wären wie imprägniert gegenüber den Aggressionen anderer Menschen oder wenn sie ihr Sorgen-Paket bei uns abladen wollen.

Anderseits ginge uns das Fingerspitzengefühl verloren, wofür uns andere Menschen schätzen. Wir wären häufiger ratlos in Bezug auf das Verhalten anderer Menschen. Jedenfalls könnten wir nicht mehr so leicht verstehen, warum die Busfahrerin schlechte Laune hat oder der Kollege uns zum 100. Mal sein Herz ausschüttet.

Ich glaube, viele HSPs würden ihre Empathie gern mal ausschalten. Denn das würde ihnen eine große Baustelle erleichtern: die Abgrenzung von anderen Menschen.

Bessere Abgrenzung

Unter Hochsensiblen ist kaum ein Thema so präsent wie die Abgrenzung von anderen Menschen. Auch die Protagonist*innen in meinem Buch können nur schwer Nein sagen und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie es doch tun. Mit der Anti-HSP-Pille wäre es ihnen ein bisschen egaler, was die anderen denken. Sie würden besser unterscheiden können, was in ihre Verantwortung fällt – und was nicht. Dadurch könnten sie sich leichter und mit gutem Gewissen behaupten.

So könnten wir auch Nachrichten konsumieren, ohne sie zu nah an uns heranzulassen. Dann müssten wir uns nicht mehr vom Weltgeschehen abwenden – denn das hilft sowieso niemandemEin dickeres Fell wäre daher sehr nützlich.

Allerdings könnte uns – z. B. bei Überdosierung der Pille – alles zu egal werden. Dann würde sich niemand mehr für das Schutzbedürftige in der Welt engagieren. Sicherlich setzen sich die Umwelt- und Tierschützer*innen von heute gerade wegen ihrer Hochsensibilität und ihres Weltschmerzes für den guten Zweck ein.

Halten wir jedoch einer weiteren Vorteil der Anti-HSP-Pille fest: nämlich mehr Ruhe im Kopf.

Weniger grübeln

Hochsensible hinterfragen alles. Sie wägen ab und analysieren. Deshalb stehe ich im Supermarkt stundenlang vorm Regal und kann mich nicht für ein Shampoo entscheiden. Das Kopfkino führt oft zu nichts, wenn ich ehrlich bin. Deshalb würde ich wie viele andere Hochsensible meinen Kopf gern mal ausschalten. Einfach leben und nicht alles zerdenken.

Die fiktive Wunderpille würde unsere Gedankengänge abkürzen. Wir könnten die Dinge so stehen lassen und sie nicht noch zigmal durchleuchten. Das würde Energie sparen und uns gelassener machen.

Aber wären wir dann noch die Gesprächspartner*innen, die wir als Hochsensible sind? Wahrscheinlich nicht, da unsere Gedankenfäden schnell zu Ende gesponnen wären. Wir könnten weniger gut folgen, schlechter vernetzt denken und hätten insgesamt weniger Ideen. Vorbei wäre es mit den selbst geschriebenen Gedichten, den kreativen Geschäfts- und Geschenkideen.

Diese Facetten sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Pille würde noch viel mehr eliminieren. Wir können uns eben nicht nur die Rosinen rauspicken. Aber wenn wir mal einen Strich unter die Rechnung machen, würden wir dann insgesamt profitieren? Oder hätten eher unsere Mitmenschen etwas davon?

Wem würde die Anti-HSP-Pille nützen?

Zunächst einmal wären wir selbst die Nutznießer, wenn sich unser vollautomatischer Empathie-Modus deaktivieren ließe (mehr dazu in meiner Bedienungsanleitung für den*die hochsensible*n Partner*in). Für ein paar Stündchen – warum nicht? Oder gleich ein paar Tage? Wir müssten weniger aufpassen und mit unserer Energie haushalten.

Je höher der Leidensdruck, desto größer wäre jedenfalls der Zuspruch zur Anti-HSP-Pille. Auch bei unseren Mitmenschen gäbe es dafür eventuell eine Mehrheit. Schließlich käme es ihnen entgegen, wenn wir Hochsensiblen auf einmal unkomplizierter wären. Ich möchte zum Beispiel weder eine Extrawurst sein, noch anderen zur Last fallen. Doch ich werde ungenießbar, wenn ich Hunger habe, übermüdet oder extrem gestresst bin. Wenn ich diese Special Effects mit einer Tablette ausknipsen könnte, hätte mein Partner sicher nichts dagegen.

Somit ließe die Pille uns weniger anecken. Man würde sich weniger über uns wundern und wir wären kompatibler mit der Welt da draußen. Vielleicht kämen dann auch mehr Jobs für uns in Frage. Starre Arbeitszeiten, Großraumbüros, stupide Tätigkeiten – das könnten wir mit dem entsprechenden Doping besser aushalten, was für manch Eine*n wirtschaftliche Vorteile hätte. Andererseits sind Hochsensible oft Tüftler und Erfinder, Künstler und Wissenschaftler (oder waren es früher). Ohne sie wäre die Welt weniger bunt und innovativ. Diese Verluste kann man weder beziffern, noch mit den Vorteilen aufwiegen.

Mit der Anti-HSP-Pille im Blut wären wir jedenfalls nicht mehr diejenigen, die wir sind. Die Hochsensibilität ist zwar nicht unser einziger Wesenszug, aber ein wesentlicher Zug. Somit würde die Pille mehr ändern, als wir auf den ersten Blick ahnen.

Kommen wir nun zur entscheidenden Frage: Würde ich die Pille schlucken?

Die Gretchenfrage: Würde ich sie nehmen?

Diese Gretchenfrage der Hochsensibilität möchte ich mit einer Anekdote beantworten: Vor einigen Jahren war ich mit meinem Vorgesetzten auf einer wochenlangen Dienstreise unterwegs, die mich zwar ehrte, aber auch sehr viel Kraft kostete. Es gab keine Pause, Erholung oder Rückzugsmöglichkeiten. Ich musste Termine koordinieren, Adressen finden, U-Bahn-Pläne verstehen und durch Straßennetze navigieren. Hinzu kam die üblichen Schmankerl für hochsensible Reisende: Small Talk, Großstadtlärm und auf 18 Grad heruntergekühlte Konferenzräume.

Nach der ersten Woche kroch ich bereits auf dem Zahnfleisch und versuchte nur noch zu funktionieren. An den fremden Ländern konnte ich mich kaum noch erfreuen. Schon gar keinen Nerv hatte ich für die üblichen Touri-Naps und Souvenirs. Ich bekomme Ausschlag von mit Sehenswürdigkeiten bedruckten Tassen, Schlüsselanhängern und T-Shirts. Eines Tages fiel mein Blick jedoch auf ein braunes Fläschchen in einem Schaufenster. Es waren homöopathische Rescue-Tropfen. Auf dem Etikett des mir unbekannten Mittels las ich etwas von „akutem Stress“ und fühlte Zuversicht in mir aufsteigen. Ich war mehr als gestresst und hoffte darauf, mit diesen Tropfen die restlichen Reisetage zu überstehen. Ich griff das Fläschchen und ging damit zur Kasse. Es sollte mein einziges Souvenir von dieser Reise sein.

Jahre später steht dieses Fläschchen immer noch in meinem Badregal – und zwar exakt so voll wie damals im Schaufenster. Ich nahm das Mittelchen zwar überall mit hin, zu Vorträgen, Terminen und in Restaurants, doch ich schluckte die Tropfen letztendlich nicht. Vielleicht vertraute ich der Wirkung zu wenig. Oder ich greife generell nicht leichtfertig zu Medikamenten. Vor allem dachte ich jedoch stets:

Die nimmst du erst, wenn es richtig schlimm ist.

Die Tropfen waren mein Notfallkoffer, den ich erst auspacken wollte, wenn es nicht mehr schlimmer werden konnte. Und dieser Moment kam nicht, zumindest nicht auf der Reise und in den Wochen danach. Es sollte noch ein paar Monate dauern, bis mein Körper vor Erschöpfung das Handtuch warf. Doch auf der Reise fühlte es sich nie so an, als bräuchte ich die letzte Rettung.

Entscheidend ist, dass es mich beruhigte, die Tropfen dabei zu haben.

An diesen Aspekt erinnert mich die Anti-HSP-Pillen-Frage. Ich wäre sicherlich eine der ersten Käufer*innen. Ich würde sie als Backup überall hin mitnehmen, so wie ich stets Lippenbalsam und Handcreme in meiner Tasche dabei habe und beides in der Regel vergesse zu nehmen. Die Pille gegen Hochsensibilität würde ich genauso durch die Weltgeschichte tragen und wahrscheinlich nicht schlucken. Sie würde mir aber ein Gefühl der Sicherheit geben: Wenn es hart auf hart kommt, wäre sie mein Notanker.

Bei dem Gedanken an einen Notanker regt sich allerdings auch Widerstand in mir: Es kann gut sein, dass ich die Anti-HSP-Pille aus Prinzip nicht nehmen würde, denn an neun von zehn Tagen bin ich stark und habe meinen Stolz. Irgendwie möchte ich keine Chemie nehmen müssen, um kompatibel zu sein, um von anderen und mir selbst als okay eingestuft zu werden.

In gewisser Weise wäre die Pille schließlich eine Kapitulation – so wie es Drogen generell sind, zumindest meiner Ansicht nach.

Drogen und „Homöopathische“ Alternativen

Die beschriebene Wunderpille gibt es zwar nicht, aber viele von uns (ob hochsensibel oder nicht) greifen zu anderen Pseudo-Betäubungsmitteln wie Alkohol und Nikotin. Mit ihnen dämpfen wir unliebsame Stimmungen und Empfindungen. Da wäre z. B. das Feierabendbier, das nach einem harten Tag beim Runterkommen helfen soll und schnell zur Gewohnheit wird. Meine Schlafqualität leidet durch Alkohol dermaßen, dass ich ihn nur ausnahmsweise konsumiere. Außerdem verstärkt Alkohol depressive Tendenzen und Ängste, was für mich ein weiteres Gegenargument ist.

Zum Glück gibt es ja homöopathische Alternativen. Wenn mir alles zu viel wird, versuche ich beispielsweise mehr zu schlafen (bei Einschlafproblemen hilft der Einschlafen-Podcast). Außerdem streiche ich Termine und arbeite weniger. Das hilft mir ausgeruhter zu sein und Reizüberflutung besser zu ertragen. Ich mache außerdem Sport zum Ausgleich und tanke Kraft in Gesprächen mit Menschen, die mir guttun.

Eine weitere realistische und für mich relativ neue Alternative zur Anti-HSP-Pille ist Meditation. Viele Jahre lang scheiterte ich bei dem Versuch, mir diese Technik anzueignen, wie ich auch in meinem Buch eingestehe. Nun habe ich endlich den Einstieg gefunden und schöpfe aus der Gewohnheit viel Kraft (deshalb helfe ich anderen dabei, es zu lernen).

Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: Babygeschrei macht mich nach wie vor wahnsinnig und ich könnte immer noch ausrasten, wenn ein Laubbläser neben mir zugange ist. Aber ich entspanne mich öfter und bin dadurch besser gerüstet für die Welt da draußen, ganz ohne Chemie.

 

Eine Wunderpille mag verlockend erscheinen – wofür oder wogegen man sie auch nimmt. Aber konzentrieren wir uns lieber darauf, was wir im Hier und Jetzt tun können.

Das ist nämlich eine ganze Menge.


Nun sag, wie hältst du´s mit der Hochsensibilität? :-)

Ich freue mich auf Kommentare.

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