Hochsensibel und selbständig – passt das zusammen?


Es ist nachts halb vier. Ich bin seit einer halben Stunde wach und sehe Quellcode vor meinem geistigen Auge. Ein Problem bei einem Projekt für einen Kunden lässt mich grübeln. Was, wenn ich es nicht lösen kann? Hätte ich es vorausahnen müssen? Bin ich überhaupt gut genug? Und ob auch andere Selbständige so oft nachts grübeln? Andere hochsensible Selbständige?


Ich wollte immer selbständig sein. Das wusste ich schon während des Studiums. Seit 2014 bin ich es. Selbständig und hochsensibel – wie ich seit anderthalb Jahren weiß.

Als neulich eine hochsensible Person (HSP) meinte, sie wolle sich selbständig machen, kam mir die Idee zu diesem Artikel. Nach zwei Jahren bin ich nur noch halb grün hinter den Ohren und dachte, ich erörtere mal aus meiner Sicht, ob es für Hochsensible grundsätzlich ratsam ist, sich selbständig zu machen.

Die Vorteile weiß ich persönlich zu schätzen. Ich genieße es, frei zu sein und selbst zu entscheiden, was, wann und wie ich arbeitete. Keine Hierarchien, keine Grüppchen, keine stupiden Abläufe, kein Mobbing, keine Weihnachtsfeiern, keine Angst, dass der Urlaub nicht genehmigt wird. Ich bestimme über mein Arbeitsumfeld, meinen Rhythmus und meine Aufgaben.

Die Selbständigkeit hat aber auch ihre Nachteile. Die Schattenseiten des Blogger-Daseins beschrieb Patrick in seinem Artikel 10 Gründe, dein Geld nicht im Internet zu verdienen. Aus der hochsensiblen Perspektive sehe ich noch weitere Haken, z. B. die schlaflosen Nächte, die Ungewissheit und die Schwierigkeiten sich als Auftragnehmer abzugrenzen. Ich weiß auch, dass mein Fell gegenüber Kritik zu dünn ist und ich zu viel an mir selbst zweifle.

Dieser Beitrag soll den HSPs helfen, die mit dem Gedanken einer Selbständigkeit spielen. Ich gehe dazu auf die Stärken und Schwächen ein, die HSPs für eine Selbständigkeit mitbringen, und auf die Vor- und Nachteile im Alltag. Dabei beziehe ich mich auf meine persönlichen Erfahrungen, wohlwissend, dass man weder alle HSPs, noch alle Arten von Selbständigkeit über einen Kamm scheren kann. Aber irgendwo müssen wir anfangen!

Hochsensible Stärken für die Selbständigkeit

Hochsensibilität ist eine Veranlagung mit vielen positiven Seiten. Einige Stärken, die als typisch hochsensibel gelten, können auch in der Selbständigkeit sehr nützlich sein. Im Folgenden erläutere ich einige davon. Sie treffen nicht auf alle HSPs zu, aber auf die meisten.

Vertiefen

Die in meinen Augen wichtigste Gabe ist die Fähigkeit sich zu vertiefen. Sowohl beim Schreiben, als auch beim Basteln von Websites o. ä. muss ich mich stundenlang auf eine Sache konzentrieren. Zwar bin ich grundsätzlich nicht sonderlich geduldig, aber wenn ich einmal im Flow bin, vergesse ich Raum und Zeit. Anders könnte ich auch kaum über Tage und Wochen an etwas feilen. An unseren Artikeln arbeiten Patrick und ich oft mehrere Tage. Meistens macht das Spaß, manchmal ist es allerdings auch schwierig, ein Ende zu finden.

Lernfähigkeit

Meine Auffassungsgabe lobten meine Lehrer schon früher. Ich kann mich schnell in neue Themen einfuchsen. Was mal das sichere Kopfrechnen mit den Zahlen von 1 bis 20 war, ist heute z. B. der Umgang mit Software und Tools. Den Profis mag es banal vorkommen, aber ich war stolz, als ich irgendwann ein paar rudimentäre Funktionen von Photoshop und Lightroom bedienen konnte. Das Gute ist: Das Lernen hört nie auf, denn bei jedem Projekt lerne ich dazu.

Vielseitige Interessen

Ich profitiere heute davon, dass ich mich schon früher für viele Themen interessierte. Als Jugendliche las ich Bücher und Zeitschriften über Ernährung, Sport, Kommunikation und Selbstverwirklichung. In den letzten Jahren inhalierte ich die fürs Gründertum typischen Bücher über Selbständigkeit, Marketing, Motivation usw. Die Kunst bestand darin, meine Interessen und Fähigkeiten zusammenzuführen und ein Geschäftsmodell zu finden, um damit Geld zu verdienen. Mit der Kombination aus Blogs und Kundenprojekten ist mir das inzwischen gelungen. (Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass selbständigen Scanner-Persönlichkeiten ihre vielen Interessen auch auf die Füße fallen könnten.)

Gutes Zuhören

Wer schon einmal für einen Kunden gearbeitet hat, kennt das: Ein großer Teil der Zusammenarbeit besteht aus Kommunikation. Gutes Zuhören ist dort wichtig und gefragt, denn es müssen Wünsche erfasst, Fragen beantwortet und viele Dinge abgestimmt werden. Meiner Erfahrung nach hängt die Zufriedenheit des Kunden maßgeblich davon ab, wie gut ich zuhöre.

Perfektionismus / Aufspüren von Fehlern

Perfektionismus ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ertappe ich mich manchmal bei der Grenzoptimierung, also wenn ich an unwichtigen Kleinigkeiten zu lange herumdoktere. Andererseits braucht es manchmal genau diese Ausdauer, um das i-Tüpfelchen zu setzen. Auch wenn ich einen Fehler finden muss, lasse nicht so schnell locker. So lerne ich schließlich auch, wie mein Bruder neulich sagte: „Ein Problem tritt auf und man versucht es zu lösen. Im besten Fall ist man am Ende ein bisschen schlauer geworden.“


Es gibt sicher viele weitere Stärken, die hier unerwähnt bleiben. Grundsätzlich glaube ich, dass Hochsensibilität in vielen beruflichen Aspekten Rückenwind verleiht, wenn das Drumherum stimmt. So mancher Angestellte kann seine Stärken in dem Korsett eines Konzerns vielleicht nicht richtig ausleben. Andere Hochsensible haben sich aber über Jahre hinweg bei ihrem Arbeitgeber ihre kleine Welt geschaffen, in der sie glänzen können und sich wohl fühlen. Daher gibt es in meinen Augen keine eindeutige Tendenz, ob Hochsensible ihre Stärken eher in einem Job oder in der Selbständigkeit ausleben können. Allerdings verstehe ich den Reiz, den letztere auf jene HSPs ausübt, die sich in ihrem Job in einer Sackgasse fühlen.

Es gibt allerdings auch einige Schwächen, die der Hochsensibilität zugeschrieben werden und die in der Selbständigkeit von Nachteil sind. Diesen widmen wir uns im Folgenden.

Hochsensible Schwächen in der Selbständigkeit

selbständig hochsensibel

Als Hochsensible kenne ich die typischen Schwächen bzw. Herausforderungen nur zu gut. Es ist schwierig mitzufühlen, aber nicht mitzuleiden. Wir haben meist ein zu dünnes (oder kein) Fell und können uns schwer abgrenzen. Diese Schwächen wirken sich in jeder beruflichen Konstellation aus. In der Selbständigkeit können sie allerdings weitreichendere Folgen haben oder die berufliche Existenz bedrohen. Hier sind die Schwächen, die ich an mir beobachte:

Schwierigkeit sich abzugrenzen bzw. zu viel Empathie

Die Fähigkeit „Nein“ zu sagen, ist wichtig in der Selbständigkeit, z. B. wenn Kunden Kampfpreise oder Extra-Leistungen ohne Bezahlung fordern. Zum Glück hatte ich diese Probleme bisher noch nicht. Die Rolle bzw. Gefahr von zu viel Empathie ist mir jedoch oft bewusst: Ich will stets mein Bestes für einen Kunden geben, helfen und Wünsche vorausahnen. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mir seine Probleme annehme, fremde Deadlines zu meinen mache – und irgendwann nicht mehr weiß, wo die Grenze verläuft.

Anfangs war es auch schwer, mich im Home-Office abzugrenzen, d. h. meine Arbeitszeit unter der Woche zu verteidigen. Zu Hause zu arbeiten, heißt nicht, (Frei-) Zeit zu haben. Inzwischen gehen meine Freunde und Verwandten aber gut damit um und akzeptieren, dass ich ernsthaft arbeiten muss.

Geringes Selbstwertgefühl und Selbstzweifel

Einen Stundensatz zu bestimmen ist wahrscheinlich vielen Selbständigen unangenehm. Ich strotze nicht gerade vor Selbstbewusstsein und möchte den Preis für meine Arbeit daher nicht unverschämt hoch ansetzen. Aber ich muss davon leben können. Das ist ein Dilemma, in dem ich sicher erst in einigen Jahren selbstbewusster sein werde.

Die Zweifel gehen weiter, denn nicht immer bin ich mir sonderlich sicher, was ich kann und leiste. Ich lasse mich sehr davon beeinflussen, was andere sagen. Als Blogger gehört das dazu. Es fällt aber schwer wegzustecken, wenn Herzblut-Artikel manchmal fast unbemerkt in den Gullis der sozialen Medien versickern.

Unsere Selbstzweifel werden oft lauter, wenn wir länger kein positives Feedback aus dem persönlichen Umfeld bekommen haben. Fremde loben uns öfters per E-Mail oder Kommentar. Das motiviert uns, doch es hat nicht den gleichen Effekt wie ein Lob von Freunden oder der Familie.

Selbstkritik statt Fake it till you make it

HSPs sind meistens übertrieben selbstkritisch, doch beim Antrag auf Gründungszuschuss ist Selbstdarstellung gefragt. Ich musste der Agentur für Arbeit glaubhaft machen, dass ich kein hoffnungsloser Fall sein würde. Obwohl es mir widerstrebte, lobte ich meine Kompetenzen über den Klee und stellte optimistische (aber machbare) Umsatzprognosen auf. 

Gut, dass diese bürokratischen Zeiten vorbei sind. Heute müssen wir niemanden mehr überzeugen. Doch Patrick und ich wissen, dass manch anderer mehr Geld verdient, weil er die Ausstrahlung dazu hat. Es gibt viele Selbständige in unserem Bereich, die alles richtig machen: sie inszenieren sich als Experte, verknappen ihre digitalen Produkte und tun alles, was man tun muss, wenn man Nachfrage erzeugen will. Wir trauen uns das kaum, denn wir kämen uns schnell selbstherrlich vor. Immer wieder stellen wir in Frage, ob unsere Arbeit wirklich gut genug ist. Im Zweifelsfall gehen wir mit dem Preis nochmal runter.

Schwierigkeiten abzuschalten

Wie die meisten HSPs kann ich schwer abschalten. Als selbständige Hochsensible denke ich ständig über Ideen, To Dos, Probleme, Eventualitäten – und meine eigenen Gedanken nach. Kundenprojekte mit all ihren Problemen nehmen auch am Wochenende Platz im Kopf ein und wollen abgehakt werden. Es ist folglich eine Illusion zu glauben, dass man als Selbständiger nur am See liegt und jederzeit nett ins Café geht.

Stattdessen ist die Versuchung groß, so lange durchzuarbeiten, bis Land in Sicht ist. Man arbeitet bis spät abends und nachts rattert der Kopf. Als Angestellte ging ich früher pünktlich nach Hause und konnte mich weitgehend auf mein Privatleben konzentrieren. Ab und an machte ich Überstunden oder mir einen Kopf über meine Projekte, doch es war weniger als heute.


Es sind Schwächen, aber keine Unmöglichkeiten. Niemand sagt, dass HSPs nicht trotzdem gut abschalten oder selbstsicher sein bzw. werden können. Es ist nur seltener der Fall. Wer diese Schwierigkeiten schon von seinem Angestellten-Job kennt, wird es in der Selbständigkeit wahrscheinlich auch so erleben.

Es gibt allerdings viele Aspekte, die HSPs in der Selbständigkeit entgegenkommen. Sie sorgen dafür, dass wir uns wohl(er) fühlen, das Beste aus uns herausholen und uns weniger von unseren Schwächen einschränken lassen.

Vorteile der Selbständigkeit für HSPs

hsp home office

Einige Vorteile der Selbständigkeit sind weitläufig bekannt: die Freiheit, sich unter der Woche spontan frei zu nehmen oder keine Vorgesetzten zu haben uvm. Manche Sonnenseiten sind für Hochsensible besonders relevant, denn sie können ihren Bedürfnissen so gerecht werden, wie es in keinem Angestellten-Job möglich wäre. Was ich genau meine, zeigen die folgenden Punkte:

Aufgaben selbst bestimmen

Den wichtigsten Vorteil sehe ich darin, an den Aufgaben zu arbeiten, die ich für sinnvoll halte. Als Angestellte war mir der Sinn mancher Aufgaben nicht immer klar. Es gab auch Dinge, die meinen Werten widersprachen. Damit muss ich heute nicht mehr hadern.

Gleichzeitig kann ich auch die Reihenfolge selbst bestimmen und mir die Aufgaben entsprechend meines Energie-Levels aussuchen. Wenn ich an einem Tag eher müde bin, knöpfe ich mir leichtere To Dos vor (auch wenn es davon nur wenige gibt).

Bei einer spontanen Eingebung, einer Inspiration oder dem Gefühl, ich würde gern jetzt sofort über ein bestimmtes Thema schreiben, muss ich mir keine Erlaubnis holen. Zwar stimme ich mich immer mit Patrick ab, aber wir lassen uns beide viel Freiheit.

Eigener Rhythmus

Der eigene Rhythmus ist nicht immer mit dem des Arbeitgebers kompatibel. Manche HSPs sind zwar Nachtmenschen, müssen aber tagsüber im Büro anwesend sein. Andere sind morgens am produktivsten und würden gern um 7 Uhr anfangen. Sie dürfen jedoch um 16 Uhr nicht schon nach Hause gehen.

Als Selbständige bin ich niemandem Rechenschaft schuldig. Meine Arbeitszeiten sind allerdings recht normal und erstrecken sich meist von ca. 8:30 bis 18 Uhr. Manchmal arbeite ich am Wochenende oder abends, wenn ich alleine zu Hause und motiviert bin.

Arbeitsumfeld bestimmen

Ich weiß den Luxus zu schätzen, dass ich mein Arbeitsumfeld selbst bestimme. Viele HSPs würden ihrem gern entkommen: dem von Neonlicht durchfluteten Großraumbüro, dem Geruch des Kopierers, dem Baustellenlärm von draußen, dem Tastaturgeklapper von nebenan, der Radio-Hintergrundbeschallung, dem Kollegen, der kein Deo kennt, den Meetings mit zehn Personen in einem Raum uvm.

Essen

Das Essen ist für HSPs ein wichtiger Punkt. Schließlich können wir mit Hunger meist nicht gut umgehen und sind hungrig auch schwer zu ertragen. Die Arbeit zu Hause ermöglicht mir, zu essen, wann und was ich möchte. Ich kann mitten am Tag eine Stunde ins Kochen investieren, statt mir abends die Zeit dafür nehmen zu müssen. Ich brauche kein Fertigessen aus dem Supermarkt oder Fast Food wie früher mehr zu essen. Da Patrick und ich drei Mal in der Woche zusammen arbeiten, bekochen wir uns gegenseitig und haben beide etwas davon.


Vorteile sind immer ein guter Grund, um auch ein paar Nachteile in Kauf zu nehmen. Damit du dir ein Bild von den Schattenseiten der Selbständigkeit aus HSP-Sicht machen kannst, erzähle ich dir nun ein bisschen davon.

Nachteile der Selbständigkeit für HSPs

hochsensibel selbständig

Auf sich allein gestellt zu sein ist schön, aber manchmal auch nicht. Die folgenden Nachteile zeigen auf, warum es manchmal auch nicht so einfach ist, für sich allein zu sein:

Nichts für ein dünnes Fell

Bis auf wenige (mir unbekannte Ausnahmen) muss sich jeder Selbständige mit Kritik auseinandersetzen. Manchmal ist sie gerechtfertigt, manchmal nicht. Manchmal will der Gegenüber einfach nur Frust ablassen, seinen eigenen Fehler vertuschen und die Verantwortung abschieben. Dann braucht man ein dickes Fell, das HSPs allerdings selten haben.

Bei Kundenprojekten führt das zu dünne Fell zu Zweifeln und schlaflosen Nächten. Bei der Arbeit am Blog ist es eher Ärger, den die fehlende Abwehr zulässt. Patricks und meine Arbeit ist schließlich so öffentlich wie kaum eine andere. Das war uns von Beginn an bewusst und ist doch immer wieder eine Herausforderung. Zu schnell schreiben Menschen einen anonymen Kommentar oder eine schlechte Bewertung auf Amazon. Es ist einfach, wenn man uns dabei nicht in die Augen sehen muss.

Mit der Zeit wird es leichter, Kritik abprallen zu lassen. Man stumpft ab. Trotzdem brauche ich immer noch viele positive Signale, bis ich eine digitale Ohrfeige vergessen kann.

Rentabilitätszwang / Ungewissheit

Alle müssen ihre Brötchen verdienen. Aber als Selbständige stehe ich ganz allein unter dem Druck, genug Geld zu verdienen und fürs Alter vorzusorgen. Von Luft und Liebe kann ich mir nichts kaufen, also muss ich mich disziplinieren, solide Preise verlangen und darf nicht aus Nächstenliebe umsonst arbeiten. Außerdem muss ich sehen, wo ich bleibe, wenn ich keine Kunden finde, krank bin oder Urlaub mache.

Natürlich gibt es für alles Versicherungen. Doch den Status Quo festzutackern, ist teuer. Daher habe ich mich beispielsweise gegen ein Krankentagegeld oder eine Arbeitslosenversicherung entschieden. Dadurch wird meine Einkommenssituation unsicherer. Da ich in den letzten Jahren jedoch sparsam gelebt habe, könnte ich noch eine Weile von Ersparnissen zehren und bin dementsprechend entspannt.

Es heißt immer, es dauere mehrere Jahre, bis man über den Berg ist. Nach zwei Jahren kann ich mich zwar finanzieren, doch für die Altersvorsorge reicht es (bei Weitem) noch nicht.

Keine Orientierung

Nicht jedem HSP liegt es, für alles allein verantwortlich zu sein, denn es stellt zusätzliche Reize dar. Jeden Tag aufs Neue alles selbst zu entscheiden, könnte zu viel des Guten sein. Daher fühlen sich manche HSPs mit mehr Orientierung (= einem Chef / Team / Mentor) besser aufgehoben. So müssen sie sich nicht um alles kümmern. Man sagt ihnen, was sie tun sollen. Damit sind natürlich auch immer Nachteile verbunden (Ausgeliefertsein etc.).

Allround-Beschäftigung

In der Selbständigkeit sollte man zumindest am Anfang vieles selbst können oder sich anlernen: Akquise, Buchhaltung und Marketing. Diese Tätigkeiten kommen immer noch oben drauf. Sie lenken so manche Selbständige von der Tätigkeit ab, die sie eigentlich machen wollen und die ihnen Spaß macht. Ich denke dabei z. B. an Programmierer, die genial in ihrem Job, aber als Selbständige zum Scheitern verurteilt sind, weil sie keine Kunden haben oder ihnen keine Rechnungen stellen.


Würde ich die Selbständigkeit weiterempfehlen? Ja.

Würde ich sie Hochsensiblen weiterempfehlen? Jein.

Ich würde mir wünschen, dass Hochsensible öfter in einem zu ihnen passenden Umfeld arbeiten könnten. Dass ihre Stärken zum Tragen kommen, ihre Schwächen in den Hintergrund treten und sie sich verwirklichen können. Dass sie weniger an sich zweifeln und herumdoktern müssen.

Ein günstiges Arbeitsumfeld muss aber in meinen Augen nicht zwangsläufig nur der Selbständigkeit vorbehalten sein. Manchem wäre mit einem Jobwechsel auch geholfen. Allerdings ist der Spielraum innerhalb von Unternehmen natürlich meistens begrenzt.

Manchmal ist aber auch nicht die Arbeit das Problem, sondern der eigene Kopf. Eine hochsensible Freundin hatte beispielsweise schon länger mit ihrem Job zu knabbern. Das lag an dem Druck, den sie sich selbst machte. Niemand sonst kritisierte sie. Statt den Job zu wechseln, machte sie schließlich eine Therapie, denn sie wusste, dass ihr diese Probleme in jedem anderen Job wieder begegnet wären.

Ich hoffe, dieser Beitrag hilft den HSPs, die sich in nächster Zeit für oder gegen die Selbständigkeit entscheiden wollen. Vielleicht liefert er auch ein paar Gedankenanstöße, um die Vorzüge des Angestelltendaseins wieder etwas mehr schätzen zu können. Ich glaube nicht, dass sich jeder selbständig machen muss, um glücklich zu sein.

Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite. Vielleicht aber auch nur dort, wo man ihm Wasser gibt.


Foto: Freiberuflerin zu Hause, nachdenkliche Frau, Mann beim Surfen, Mann mit Tablet von Shutterstock

Mehr zum Thema Hochsensibilität hier im Blog:


11 Kommentare

  1. Liebe Jasmin,

    danke für diesen tollen Artikel, in dem ich mich sehr gut wiedergefunden habe. Ich arbeite inzwischen auch seit über einem Jahr selbstständig und selbst die Abhängigkeit von Kunden ist mir manchmal noch zu viel und ich wäre am liebsten ausschließlich nur von mir und dem was ich selbst erstelle und kann abhängig. Dieses Ziel ist ein langer Weg. Dennoch macht es mir unglaublich Spaß und ich würde meine Selbstständigkeit nur ungern gegen einen festen Job austauschen. Viel zu groß ist das Verlangen nach freier Zeiteinteilung, der Verwirklichung eigener Projekte UND gutem Essen – da musste ich schmunzeln, das ist auch bei mir ein unglaublich wichtiger Punkt.

    Viel Erfolg weiterhin und ich freue mich immer so gute Texte von euch zu lesen.

    Viele Grüße,
    Jule

    • Danke, Jule, für deine Offenheit und das Lob! Ich freu mich, dass du dich wiedererkannt hast. Ich wünsch dir auch viel Erfolg und die nötige Unabhängigkeit, um dich gut zu fühlen.
      LG Jasmin

  2. Wenn ich das alles so lese, dann frage ich mich… Bin ich eventuell auch hochsensibel? Irgendwie passt dies alles auch auf mich, die Stärken und die Schwächen.
    Liebe Grüße,
    Sandra

  3. Der Artikel ist sehr informativ und vielschichtig geschrieben. Das gefällt mir besonders gut daran. Auch habe ich einige Lösungsansätze für mich entdeckt. In Deinem Blog bin ich auf das Thema Hochsensibel aufmerksam geworden. Es erklärt einiges. Was mich sehr interessieren würde: Wie genau hast Du herausgefunden, dass Du hochsensibel bist?

    • Hallo Jana, ich hatte mich mit einzelnen Symptomen beschäftigt – genauer Weltschmerz. Als ich dazu recherchierte, stieß ich auf das Thema. Dann las ich erstmal drei Bücher dazu und habe mich darin voll wiedererkannt. Ich glaube weniger an die Tests dazu, aber auch sie deuten ja schon in eine Richtung, ob man dazu gehören könnte oder nicht. Ich hatte aber auch beim Lesen der Bücher schon das Gefühl, dass da jemand genau das beschreibt, was ich erlebe.
      LG Jasmin

  4. Hi Jasmin, vielen Dank für Deinen sehr interessanten und kritischen Beitrag, der mir wie viele Deiner Beiträge aus der Seele spricht.

    Vielen Dank auch für die Möglichkeit, eure Artikel immer auch anhören zu können, während man einer anderen Beschäftigung, wie zum Beispiel kochen, nachgeht.

    Die Auseinandersetzung mit dem Themengebiet rund um HSPs hat bei mir erst nach Beginn der Selbständigkeit eingesetzt,
    u.a. durch euren Blog und die vielen Begegnungen durch den Kundenkontakt in unserem Geschäft.

    Da wir gerade dabei sind, uns für unsere Projekte über unsere Werte im Klaren zu werden und ein entsprechendes Leitbild auszuformulieren,
    wurde ich vor allem beim Thema „Handeln nach den eigenen Werten“ und die „Zielorientierung“ hellhörig.
    Außerdem esse ich wie ihr gerne mit Bedacht und wann und was ich möchte (wobei mich das im Angestelltenverhältnis nicht so sehr belastet hat,
    ich habe mir mein Essen immer vorbereitet, da gibt es ja viele Tipps und Kniffe 😉 ).

    In und mit der neu gewonnenen „Freiheit“ der Selbständigkeit muss man sich aber tatsächlich erst zurechtfinden.
    Mir zum Beispiel hat die Beschäftigung mit den Themen der Persönlichkeitsentwicklung und die Disziplin im Kraft-Training geholfen, meinen Tagen Struktur gegeben
    und die „Learnings“ daraus auch auf andere Lebensbereiche zu übertragen.

    Ich hoffe noch viele solcher Artikel bei euch zu finden
    und wünsche euch, dass ihr euer authentisches Herzensprojekt noch lange mit Leben füllt.

    Alles Liebe,
    Corinna

  5. Liebe Jasmin,
    Vielen Dank für diese Zusammenfassung MEINER Gedanken (!)
    Ich bin gerade dabei mich selbständig zu machen. Ein wunderbarer „Zufall“ sichert mir eine Art bedingungsloses Grundeinkommen, ohne den ich mir den Schritt wohl nie zugetraut hätte. Als HSP (was ich erst nach und nach für mich verstanden und angenommen habe) hatte ich (diffus) genau diese Gedanken (besser Zweifel), aber auch nicht den Mut eine „Liste“ daraus zu machen.
    Deshalb bin ich sehr froh darüber, dass du das alles so wunderbar auf den Punkt gebracht hast.
    Es hilft mir wirklich weiter.
    Was ich bisher „nur gefühlt“ habe, verstehe ich jetzt und kann mich konkret damit beschäftigen. Nach dem Studium des Buches (gerade bestellt) werde ich sicher noch eine Reihe von Erkenntnissen hinzu fügen können.
    Und: ich weiß (schon länger) dass es in vielen Berufen (ich bin zum Teil im Vertrieb, zum Teil in der Erwachsenenbildung) sehr hilfreich ist, hochsensibel zu sein. Andererseits regiert in den Chefetagen das „dritte Drittel“ der Psychopaten (ein Drittel sitzt in der Geschlossenen, das andere im Gefängnis). Genau diese Eigenschaften (frei sein von Empathie, Rücksicht, Mitleid, sozialen Gedanken, Bindungen) fehlen Menschen wie mir, wenn es als Geld „schäffeln“ geht.
    ABER: wenn wir uns in Edelboutiken, 5-Sterne-Hotels etc. umsehen, laufen dort Menschen herum, die versuchen, die Defizite mit Geld auszugleichen. Das müssen wir nicht. Es gab sogar einmal eine Werbung einer Kreditkarten-Firma darüber („für alles andere gibt es die …Card“).
    Insofern: ein bisschen Gas geben bei den Kalkulationen und im übrigen NICHT die eigene Seele verkaufen; ich glaube so (und mit deiner Nachhilfe) wird der Grad sein, auf dem ich meinen selbständigen Weg baue.
    Danke für die guten Gedanken.

Schreibe einen Kommentar